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MauerfallDeutsche Einheit

Horst Teltschik: „Politik ist eine sehr menschliche Angelegenheit“

329 Tage, die Europa veränderten: Horst Teltschik, einst engster Mitarbeiter von Helmut Kohl, präsentierte sein Tagebuch aus der Zeit zwischen Mauerfall und deutscher Einheit an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Mit Herausgeber Michael Gehler und Moderator Arnold Suppan sprach er über politische Wendepunkte und deren Bedeutung für das Hier und Jetzt.

07.04.2025
Im Festsaal der ÖAW präsentierten Horst Teltschik, Michael Gehler und Arnold Suppan die Tagebuchaufzeichnungen Teltschiks in einer wissenschaftlichen Edition.
© ÖAW/Niko Havranek

„Donnerstag, 9. November 1989. Heute beginnt der Arbeitstag im Bundeskanzleramt wie viele andere vor ihm. Wie immer sitzt Bundeskanzler Helmut Kohl bereits hinter seinem mächtigen Schreibtisch, angetan mit der gewohnten schwarzen Strickjacke. Die Füße stecken in weißen Gesundheitssandalen.“ Die ersten Zeilen aus Horst Teltschiks Tagebuch transportieren die Besucher:innen aus dem Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in die Vergangenheit. Als außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl hielt Horst Teltschik die historischen Ereignisse vom Fall der Berliner Mauer bis zum Tag der deutschen Einheit fest, woraus die wissenschaftliche Edition Die 329 Tage zur deutschen Einigung entstand. Zeithistoriker Michael Gehler hat die vollständig freigegebenen Tagebuchaufzeichnungen herausgegeben, um Nachbetrachtungen, Rückblenden und Ausblicke ergänzt und im Vandenhoeck & Ruprecht Verlag veröffentlicht.

Die Mauer in der Vitrine 

Die Präsentation des Buches mit Autor Teltschik, Herausgeber Gehler und Historiker und ÖAW-Mitglied Arnold Suppan machte Weltpolitik greifbar. Im Zentrum des Geschehens: Deutschland, die DDR unter sowjetischem Einfluss und die vier Siegermächte – die Sowjetunion, die USA, Frankreich und Großbritannien. Zuvor gab Heinz Faßmann, Präsident der ÖAW, bei seiner Begrüßung persönliche Einblicke: Als Kind in Deutschland geboren, habe er die „Ungeheuerlichkeit der Mauer“ in den 1960er-Jahren selbst erlebt – kurz bevor seine Familie nach Wien zog. Über die Wiedervereinigung freute er sich später „ungemein“. Ein Stück der Berliner Mauer liegt heute noch in einer Vitrine bei ihm zuhause. 

Grünes Licht für die Einigkeit

Am 9. November 1989 flogen Teltschik und Kohl nach Warschau, ausgerechnet an dem Tag, an dem die Berliner Mauer fiel. „Wir empfanden es als Unglück, dass wir zu dem Zeitpunkt nicht in Deutschland waren“, erinnerte sich Teltschik. Am 21. November 1989 drängte Teltschik Kohl dazu, sich öffentlich zum Mauerfall und zur prekären Lage der DDR zu äußern. Die Rede mit dem „Zehn-Punkte-Plan“ schrieb Geschichte, es ging in Richtung Wiedervereinigung.

Ich war elektrisiert, das war grünes Licht für die deutsche Einheit.

Der 19. Dezember 1989 war für Teltschik ein „tiefbewegender Höhepunkt“. Auf dem Weg nach Dresden säumten Tausende die Straßen, skandierten für ein vereinigtes Deutschland. Am 10. Februar 1990 kam es zum Durchbruch mit dem Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. „Ich war elektrisiert, das war grünes Licht für die deutsche Einheit.“

Die heikle NATO-Frage

Deutschland wurde damals von der USA unterstützt. Teltschik schilderte, wie das Treffen mit US-Präsident George Bush und seiner Frau im Mai 1990 in Camp David „fast wie eine Familienbegegnung“ war. „Es hieß: Wir helfen bei der Wiedervereinigung. Wir helfen bei der Margaret.“ Mit Margaret war Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher gemeint, die damals eine skeptische Haltung zur Wiedervereinigung hatte. Teltschik fand für sie dennoch Worte der Anerkennung, sie habe einem „15 Minuten zuhören können, das war für andere Politiker schon schwierig“.

Wir helfen bei der Wiedervereinigung. Wir helfen bei der Margaret.

Die USA wussten: „Mit der Wiedervereinigung ging es damals auch um die Existenz der NATO“, schilderte Teltschik. Gegenüber Gorbatschow erklärte Teltschik 1990, warum die NATO für Deutschland wichtig sei: „Unsere neun Nachbarstaaten können mit einem wirtschaftsstarken Deutschland besser zusammenleben, wenn wir in der NATO sind und wenn die Amerikaner auch dabei sind.“ Diese Aussage, betonte Teltschik, habe heute Aktualität – angesichts des Ukraine-Kriegs und der viel diskutierten Rolle der NATO.

Speck, Vodka und die Menschlichkeit

Im Juni 1990 war die Stimmung bei einem Besuch von Kohl bei Gorbatschow gut, erinnerte sich Teltschik. Der Bundeskanzler vertilgte „in großen Mengen Speck und Kaviar“, Gorbatschow griff zum Wodka. Kurz darauf beschloss man Kredite für die Sowjetunion, die Zwei-plus-vier-Verhandlungen besiegelten dann die Wiedervereinigung. Am 3. Oktober 1990 enden die Tagebuchaufzeichnungen. 

Es ist wichtig, die Geschichte zu kennen, damit man Entscheidungen für die Gegenwart und die Zukunft treffen kann.

Was bleibt: „Politik ist nicht nur eine ernste, sondern eine sehr menschliche Angelegenheit, mit Eitelkeiten und Spielchen. Und es macht ja auch Spaß, wenn man das weiß“, schmunzelte Teltschnik. Er betonte: „Was damals in Bonn im Bundeskanzleramt geschehen ist, spielt eine Rolle. Es ist wichtig, die Geschichte zu kennen, damit man Entscheidungen für die Gegenwart und die Zukunft treffen kann.“ Herausgeber Gehler unterstrich: „Man kann sich nur wünschen, dass Editionen wie diese weiterhin stattfinden. Das ist historische Grundlagenforschung. Wenn wir sie hier nicht betreiben, wo dann.“

 

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