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Hitzewelle und Wassermangel: Wie ist die aktuelle Lage in Iran?

Temperaturen über 50 Grad und ein akuter Wassermangel stellen die Einwohner:innen Irans vor große Herausforderungen. ÖAW-Iranist Florian Schwarz erklärt, was es bräuchte, um die Dürre langfristig in den Griff zu bekommen.

06.08.2025
„Es ist eine Katastrophe mit Ansage," so ÖAW-Iranist Florian Schwarz über die aktuelle Hitzewelle.
© Adobe Stock

Iran geht das Wasser aus, während die Temperaturen auf über 50 Grad klettern. Die Stauseen rund um Teheran sind fast leer, die Stadtverwaltung hat überlegt, Behörden, Universitäten und Schulen vorübergehend zu schließen. Florian Schwarz, der Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt im Gespräch, wie die aktuelle Lage in Iran ist und welche Schritte in Zukunft wichtig wären, um der Dürre entgegenzuwirken.

Trinkwassermangel: Von Haushalten bis Industrie

Wie ist die Lage in Iran in Sachen Trinkwasser? 

Florian Schwarz: Sie ist dramatisch und betrifft alle Regionen und Bereiche, von privaten Haushalten bis zur Industrie und den landwirtschaftlichen Betrieben, die um ihre Existenz kämpfen. Es gibt fast im ganzen Land regelmäßige Strom- und Wasserabschaltungen. Und es wird darüber nachgedacht, ob man das öffentliche Leben in Teheran so weit reduziert, dass zumindest hier Wasser eingespart wird. Es gibt auch seit einiger Zeit Überlegungen, die Hauptstadt zu verlegen. Allerdings muss man abwarten, was aus diesen Plänen wird.

Es ist eine Katastrophe mit Ansage.

Gab es in der Geschichte Irans bereits ähnliche Phasen?

Schwarz: Iran ist ein überwiegend arides und semiarides Land, das durch geringe Niederschläge geprägt ist.Das Wassermanagement ist deshalb eine große Herausforderung. Trockenperioden sind immer wieder vorgekommen. So gab es im 19. Jahrhundert eine Dürreperiode, die 1871 und 1872 zu einer großen Hungerkrise führte. Was wir gerade sehen, ist nicht plötzlich gekommen. Es ist eine Katastrophe mit Ansage. Im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts hat sich bereits abgezeichnet, dass es zu massiven Wasserproblemen kommen könnte. Die getroffenen Maßnahmen, dem entgegenzuwirken, haben jedoch die Probleme weiter verstärkt.

Brunnen und Staudämme verschlimmern die Lage

Welche Maßnahmen waren das?

Schwarz: Unter dem damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad wurden zwischen 2005 und 2013 im ganzen Land Hunderte an Tiefbrunnen angelegt, wodurch der Grundwasserspiegel stark abgesunken ist. Parallel dazu wurde das Bauprogramm von Staudämmen ausgeweitet, das bis heute fortgeführt wird. Diese sollen nicht nur die Trinkwasserversorgung für die Großstädte sichern, sondern auch Strom erzeugen. Eine Folge ist, dass viele Flussläufe nicht mehr ständig Wasser führen. Der größte Binnenfluss Irans, der Zayandeh Rud, war immer eine wasserreiche Lebensader. Ich habe ihn zuletzt 2010 mit Wasser gesehen, mittlerweile kann man meistens über das trockene Flussbett laufen.

Wie ist die Infrastruktur für sauberes Wasser generell aufgestellt?

Schwarz: Iran hat in den letzten Jahrzehnten viel in die Entwicklung dieser Infrastruktur investiert. Sie ist im Prinzip da, wenn das Wasser nicht knapp wäre.

Es handelt sich um ein Problem, dass die gesamte Region betrifft. 

Man müsste dennoch grundlegend umdenken in Sachen Energie- und Wasserversorgung?

Schwarz: Ja, und man ist sich in Iran bewusst, dass es umfassende Lösungen braucht. Gleichzeitig handelt es sich um ein Problem, das die gesamte Region betrifft, von Afghanistan bis nach Syrien. Besonders stark leiden zurzeit der Irak und Iran. In vielen Fällen handelt es sich um grenzüberschreitende Angelegenheiten. Großen Feuchtgebiete liegen etwa in der südlichen Grenzregion zwischen dem Irak und Iran. Sie sind für das gesamte ökologische Gleichgewicht enorm wichtig, aber vom Austrockenen bedroht, was zu Luftverschmutzung und Staubstürmen führt. Es gab in dieser Region in den letzten Jahren auch viele Proteste.

Wasserkrisen als  internationale Herausforderung

Was müsste sich ändern?

Schwarz: Es bräuchte internationale Expert:innen aus unterschiedlichen Bereichen, die zusammenarbeiten. Aus meiner Sicht ist erstaunlich, wie wenig internationale Aufmerksamkeit diese sich seit langem abzeichnende Entwicklung bis jetzt erhalten hat. Wasserkrisen im Zusammenhang des Klimawandels sind kein regional begrenztes Phänomen. Ähnliche Diskussionen gibt es auch anderswo, wie wir am Neusiedlersee sehen, einem Steppensee, bei dem sich Expert:innen nicht einig sind, ob man ihn austrocknen lassen oder aufwändig Wasser zuleiten soll. Es gibt sehr viel Expertise gerade aus Österreich, auch in Sachen Wasserkraft. Wassermangel ist ein überregionales Thema, das nicht so weit weg von uns ist, wie wir es gerne hätten. Eine bessere internationale Zusammenarbeit würde allen Beteiligten helfen.

Die aktuelle Dürre dauert jedoch bereits fünf Jahre an.

Hat der 12-tägige Krieg zwischen Iran und Israel die Lage verschärft?

Schwarz:  Diese Trinkwasserkrise folgt keinen kurzfristigen politischen Konjunkturen. Sie hat sich schon lange abgezeichnet. Aber sie kommt natürlich jetzt zusammen mit einer sich ständig weiter verschärfenden Wirtschaftslage. Das verschlechtert die Situation für die Bevölkerung erheblich. Wohlhabende Bewohner:innen von Teheran haben Wochenendhäuser nördlich der Hauptstadt in einer Region, die weniger von Wasserknappheit betroffen ist. Wer es sich leisten konnte, hat sich bereits während der Angriffe auf Teheran dorthin zurückgezogen. Viele Leute versuchen, individuelle Lösungen zu finden, um über diesen Sommer zu kommen. Und auf Regen im Herbst zu hoffen. Die aktuelle Dürre dauert jedoch bereits fünf Jahre an. Und wir wissen nicht, ob es ausreichend regnen wird im Herbst und im Winter. 

 

Auf einen Blick 

Florian Schwarz ist seit 2010 Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er studierte Iranistik und Islamwissenschaft an den Universitäten Tübingen und Köln und promovierte im Jahr 1999. Von 2005-2009 war er als Assistant Professor am Department of History der University of Washington, Seattle tätig. 2011 wurde er zum Honorarprofessor an der Universität Wien ernannt und 2015 zum korrespondierenden Mitglied im Inland der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt.