Geburtenraten im freien Fall: Zwei Milliarden Menschen leben in Ländern mit sehr niedrigen Geburtenraten
05.08.2026
In vielen Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen erreichen die Geburtenraten derzeit historische Tiefststände. Mehr als zwei Milliarden Menschen leben inzwischen in Ländern mit weniger als 1,3 Kindern pro Frau. Tomáš Sobotka vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), analysiert diese Entwicklung in einem Übersichtsartikel in der Fachzeitschrift „Reproductive BioMedicine Online“.
Sehr niedrige Geburtenraten treten heute in viel mehr Ländern auf.
Sein Fazit: Der aktuelle Rückgang der Geburtenraten unterscheidet sich grundlegend von bisherigen Entwicklungen. Er ist globaler, hält länger an und betrifft Länder mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Voraussetzungen. „Die derzeitige Entwicklung ist qualitativ anders als das, was wir noch vor zwei Jahrzehnten beobachtet haben. Sehr niedrige Geburtenraten treten heute in viel mehr Ländern auf und bleiben dort über längere Zeit bestehen“, sagt Sobotka.
Kein einzelner Auslöser: Was den Geburtenrückgang antreibt
Lange wurden sinkende Geburtenraten vor allem mit wirtschaftlichen Krisen oder mangelnder familienpolitischer Unterstützung erklärt. Sobotkas Analyse zeigt, dass diese Faktoren allein den aktuellen Trend nicht erklären können. Wirtschaftliche Faktoren wie unsichere Arbeitsmärkte und steigende Wohnkosten wirken weiterhin. Hinzu kommen neue globale Krisen, Klimawandel und Kriege sowie veränderte Vorstellungen von persönlicher Lebensplanung.
Nicht Corona, sondern die Finanzkrise: Der Wendepunkt liegt früher
Der Wendepunkt liegt früher, als oft vermutet: Als solchen sieht Sobotka die Finanzkrise von 2008. Spätere Krisen wie COVID-19 und geopolitische Konflikte haben den Trend verstärkt, nicht ausgelöst. Was bleibt, ist ein schwindendes Vertrauen in die Zukunft. „Diese Vertrauenskrise wirkt sich auch auf Entscheidungen über Partnerschaft und Kinder aus“, so Sobotka.
Viele blicken deutlich unsicherer in die Zukunft.
Weniger feste Pläne: Wie sich der Kinderwunsch verändert
Während frühere Generationen meist fest davon ausgingen, später Kinder zu bekommen, sind die Familienpläne heute häufig unsicherer und weniger eindeutig. „Junge Erwachsene äußern heute geringere und weniger feste Kinderwünsche als frühere Generationen“, sagt Sobotka. „Viele blicken deutlich unsicherer in die Zukunft.“
Das verschiebt auch die Voraussetzungen, unter denen Menschen sich für Kinder entscheiden. Viele wollen erst dann Kinder bekommen, wenn sie ihre persönlichen und finanziellen Vorstellungen erfüllen können, ein Anspruch, der häufig schwer zu erreichen ist.
Was Familien heute brauchen
Selbst Länder mit gut ausgebauter Familienpolitik verzeichnen inzwischen sinkende Geburtenraten. „Der Spielraum politischer Maßnahmen ist wahrscheinlich geringer als noch vor einigen Jahrzehnten“, sagt Sobotka. „Wenn sich Kinderwünsche und Vorstellungen von Elternschaft verändern, lassen sich Geburtenraten nicht einfach durch finanzielle Anreize erhöhen.“ Familien bräuchten vielmehr ein Bündel an Maßnahmen, von leistbarem Wohnraum über stabile Beschäftigung und hochwertige Kinderbetreuung bis hin zu flexiblen Modellen der Elternzeit.
Ein globaler Wandel: Warum die Trendwende ausbleibt
Für Sobotka ist der Rückgang der Geburtenraten Ausdruck tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. „Es sind viele Puzzleteile, die zusammenkommen“, sagt er. „Nicht nur die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich, sondern auch die Vorstellungen davon, wie Menschen ihr Leben gestalten möchten und welche Voraussetzungen sie für Elternschaft als notwendig ansehen.“
Angesichts dieser komplexen Ursachen sei kurzfristig keine Umkehr zu erwarten, so Sobotka. Die Entwicklung dürfte zahlreiche Gesellschaften noch über längere Zeit prägen und Politik sowie Wissenschaft vor neue Herausforderungen stellen.
Auf einen Blick
Publikation
Sobotka T. (2026). The global fertility freefall: trends, drivers and uncertainties; Reproductive BioMedicine Online, Volume 53, Issue 3, September 2026, DOI: 10.1016/j.rbmo.2026.105831
