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Osmanen und HabsburgerGeschichte

Diplomatie zwischen Wirtshaus und Friedensgesprächen

Von 1719 bis 1720 hielt sich der osmanische Großbotschafter Ibrahim Pascha gemeinsam mit seinem Gefolge in Wien auf: Sein Besuch war ein durchschlagender Erfolg in Sachen Diplomatie und ein gelungener PR-Coup. Wie das gelingen konnte, erzählt ÖAW-Historikerin Manuela Mayer im Gespräch.

26.01.2026
Historisches Gemälde
Der Friede von Passarowitz, hier abgebildet als Überreichung eines Geschenks des Sultans an den Prinzen Eugen im Jahr 1718, beendete einen Krieg zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich - und war Auftakt für intensiven diplomatischen Verkehr zwischen Wien und Konstantinopel.
© Wikimedia Commons

Die Habsburgermonarchie war auf vielfältige Weise mit dem „Orient“ verbunden, was sich in politisch-administrativen, diplomatischen, militärischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Interaktionen niederschlug. Einen spannenden historischen Austausch nimmt Manuela Mayer, Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Digitale Historiographie und Edition“ am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), unter die Lupe: Von 1719 bis 1720 hielt sich der osmanische Großbotschafter Ibrahim Pascha gemeinsam mit seinem 763 Personen umfassenden Gefolge in Wien auf, um Details des Friedens von Passarowitz (1718) zu verhandeln.

Die Delegation war in Wiener Gasthäusern untergebracht, der Kontakt zur Bevölkerung also sehr direkt. Im „Wienerischen Diarium“, der späteren „Wiener Zeitung“, wurde ausführlich über sämtliche Aktivitäten, von kaiserlichen Jagden bis zu Gartenbesuchen, berichtet. Für viele Wiener:innen war diese Delegation ein erster Blick auf die osmanische Kultur. Wie erfolgreich diese PR-Aktion gewesen ist, davon zeugen die Zeitungsberichte, die durchwegs positiv waren.

Osmanische PR-Aktion

War man sich schon damals bewusst, dass es sich beim Besuch der osmanischen Delegation um eine PR-Aktion handelte?

Manuela Mayer: Dieser Eindruck täuscht nicht. Es ist auffällig, wie ausführlich über dieses Event im „Wienerischen Diarium“ berichtet wurde: In insgesamt 80 Ausgaben wurde über den osmanischen Großbotschafter geschrieben, der nach Wien gereist war.  Zeitgleich war der habsburgische Großbotschafter in Konstantinopel. Das war auf eine sehr große Synchronität ausgelegt. Beide Großbotschaften trafen sich an der Grenze, dann wurde kurz geplaudert, danach zeitgleich das jeweils andere Reich betreten. Aber auch bei der Art und Weise wie der fremde Hof den Großbotschafter aufgenommen hat, war es wichtig, dass sich die beiden Höfe die Waage halten, die gleichen finanziellen Mittel aufgewendet und die gleichen Rahmenbedingungen geboten werden. Alles musste in der Balance sein, damit sich der andere nicht benachteiligt fühlte.

Das klingt nach einer symbolträchtigen Inszenierung.

Mayer: Absolut. Großbotschafter waren hohe Würdenträger, der habsburgische Großbotschafter war ein direkter Vertreter des Kaisers, der osmanische der des Sultans. Sie waren auch nur diesen beiden Souveränen verantwortlich und mussten direkt berichten. Somit waren sie Stellvertreter des Kaisers und des Sultans.

Wie sahen diese Berichte im „Wienerischen Diarium“ über die Großbotschafter konkret aus?

Mayer: Das „Wienerischen Diarium“ist der Vorläufer der „Wiener Zeitung“. Es sind mehrere Ausgaben pro Woche erschienen. Man kann heute sämtliche Ausgaben digital nachlesen. Über den Zeitraum der Großbotschafterbesuche von 1719 bis 1720 ist wirklich alles dokumentiert in dieser Zeitschrift. Es beginnt mit den Vorbereitungen, der Abreise der habsburgischen Delegation, bis zur Ankunft in Konstantinopel. Und natürlich die Zeit der osmanischen Delegation in Wien.

Gasthäuser in Wiener Vorort

Da scheint es kleine Logistik-Schwierigkeiten gegeben zu haben, gerade was die Lebensmittelverteilung betrifft. 

Weiß man, wo diese gewohnt hat?

Mayer: Traditionellerweise waren sie nicht am Hof untergebracht, sondern in einem Wiener Vorort. Auch der habsburgische Großbotschafter logierte in Pera, einem Vorort von Konstantinopel. Mangels eines Palais wurden die Osmanen tatsächlich auf mehrere Gasthäuser aufgeteilt. Es ist detailliert aufgezählt, wer im „Goldenen Hirschen“, im „Blauen Igel“ oder im „Roten Hahn“ wohnte, um nur einige zu nennen. Wobei es eine Herausforderung gewesen sein muss, dass mehr Delegierte nach Wien kamen als angekündigt worden waren. Im  allerersten Bericht war von 400 Personen die Rede, die habsburgische Delegation war daher auch auf 400 Personen ausgerichtet. Die Osmanen kamen aber mit 763 Personen angereist. Da scheint es kleine Logistik-Schwierigkeiten gegeben zu haben, gerade was die Lebensmittelverteilung betrifft. Der osmanische Großbotschafter hat sich in Konstantinopel beschwert, dass er nicht ausreichend ausgestattet wurde.

Welche Freizeitaktivitäten wurden unternommen? Und wie war der Kontakt zur Wiener Bevölkerung?

Mayer: Durch die Unterbringung in Gasthäusern im zweiten Bezirk und am Schwedenplatz war die osmanische Delegation von der normalen Bevölkerung umgeben. Das kann auch ein Hinweis darauf sein, warum nur Positives berichtet wurde, wohl auch, um die Verhandlungen nicht zu gefährden. Der osmanische Großbotschafter hatte offenbar eine große Vorliebe für Gärten, er besuchte Adels-Palais, den Kahlenberg, Schönbrunn, das Belvedere, aber auch die kaiserliche Menagerie im Schloss Neugebäude. Da war der Hintergrund, dass der Sultan dem Kaiser zwei Löwen geschenkt hatte, die dort in der kaiserlichen Menagerie ihre Heimat gefunden haben. Aber natürlich war klar, dass der Großbotschafter diese Orte nicht nur wegen der schönen Natur aufgesucht hatte. Der Kahlenberg war auch bei der zweiten Türkenbelagerung ein essenzieller Ort.

Es wird extra hervorgehoben, dass die Kaiserin und die Erzherzoginnen bei diesen Jagden als Amazonen verkleidet waren.

Gab es gemeinsame Aktivitäten mit der kaiserlichen Familie?

Mayer: Der osmanische Großbotschafter besuchte einmal die Oper, allerdings ist nicht überliefert, welches Stück gerade gegeben wurde. Er ging mit der kaiserlichen Familie gemeinsam auf Jagd in den Prater und nach Lainz. Es wird extra hervorgehoben, dass die Kaiserin und die Erzherzoginnen bei diesen Jagden als Amazonen verkleidet waren. Man darf annehmen, dass das für die osmanische Delegation ein Kuriosum gewesen ist. Aber es wird nicht berichtet, wie Ibrahim Pascha und sein Gefolge auf eine verkleidete Kaiserin reagiert haben.

Neugier und Offenheit

Wurden die Osmanen in Zeitungsberichten klischeehaft dargestellt?

Mayer: Man muss davon ausgehen, dass Osmanen für die meisten Wiener:innen etwas absolut Neues und Fremdes waren. Die zweite Türkenbelagerung war 40 Jahre her, aber mit der damaligen Lebenserwartung war das schon fast eine Generation. Es gab also sehr viele Menschen, für die es ein absolutes Novum war, Osmanen zu sehen. Es ist auffällig, wie genau beschrieben wird, wie ihre Kleidung ausgeschaut hat. Man hat versucht, eine möglichst plastische Schilderung zu geben, die frei war von negativen Ressentiments. Wir finden in diesen Beiträgen keine einzige Referenz auf die Türkenkriege oder auf die Türkenbelagerung. Man darf nicht vergessen, dass der Grund, warum diese Großbotschafter entsandt worden sind, ja war, dass es kurz vorher noch einen Krieg gegeben hat.  Man ist bemüht, diesen Großbotschaftern zum Erfolg zu verhelfen, indem man ausschließlich positiv berichtet.

Der Grundton war, dass diese gegenseitigen Besuche etwas Positives und Nützliches sind.

Heute würde man von embedded journalism sprechen.

Mayer: Kritisch waren diese Berichte in der Tat nicht. Es ist nicht bekannt, von wem diese Artikel geschrieben wurden. Aber es gibt viele Beispiele, bei denen die Informationen aus hofnahen Kreisen gekommen sind. Das heißt, das „Wienerische Diarium“ war auch ein Medium, das als Sprachrohr des Hofes fungiert hat. Der Grundton war, dass diese gegenseitigen Besuche etwas Positives und Nützliches waren. Man war sich bewusst, dass auch die Berichterstattung zum Gelingen dieser Friedensmission beitragen muss.

 

Auf einen Blick

ÖAW-Historikerin Manuela Mayer hält ihren Vortrag „Der Orient zu Gast in Wien. Die osmanische Großbotschaft 1719/20“ am 28. Jänner im Rahmen der ÖAW-Tagung "Der Orient der Habsburgermonarchie".

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