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Die vergessene Pionierin Bettina Wirth

ÖAW-Forscherin Sandra Mayer stieß auf Briefe von Bettina Wirth an Autor und Politiker Benjamin Disraeli – und zeigt, wie sich eine Schriftstellerin und Journalistin des 19. Jahrhunderts um Sichtbarkeit, Netzwerke und berufliche Anerkennung bemühte.

28.09.2026
Bettina Wirth fotografiert von Eugen Fleischhacker, zwischen 1899–1911
© Wien Museum

Manchmal beginnt Forschung mit einer Schachtel. Oder genauer: mit zwei Schachteln. Als Sandra Mayer vor mehr als zehn Jahren in Oxford den Nachlass von Benjamin Disraeli – Schriftsteller und zweimaliger britischer Premierminister – sichtete, stieß sie auf zwei Schachteln voller Briefe, die sie nicht mehr losließen.

Zwischen Fanpost an Disraeli fand Mayer in den Schachteln sechs Schreiben einer jungen Frau aus Wien, Bettina Wirth. In perfektem Englisch zwischen 1879 und 1881 verfasst, sorgfältig gestaltet und mit kleinen Tintenzeichnungen versehen: „Ich habe mir sofort gedacht, dass diese Briefe etwas ganz Besonderes sind“, sagt Mayer. In einem Brief ist etwa die Zeichnung einer Frau am Schreibtisch zu sehen, ungefähr im Alter Wirths. Ein anderes Schreiben zeigt ein Paar in österreichischer Tracht. Für Mayer autobiografische Hinweise darauf, wie Wirth sich selbst inszenierte und welche Nähe sie zu Disraeli herzustellen versuchte.

Eine Karriere aus Fragmenten

Wer aber war Bettina Wirth? Mayer begann zu recherchieren – und stieß auf eine Frau, die im 19. Jahrhundert bemerkenswert sichtbar war und später dennoch „in Vergessenheit geraten ist“. Wirth wurde 1849 in München geboren und führte schon früh ein kosmopolitisches Leben. Nachdem ihre Mutter zum zweiten Mal geheiratet hatte, zog die Familie mehrfach um: nach Deutschland, Italien, Großbritannien und wieder zurück nach Italien. „Dieses kosmopolitische Leben war ambivalent“, sagt Mayer. Auf der einen Seite waren da finanzielle Unsicherheit, Entwurzelung und Heimatlosigkeit. Auf der anderen Seite eigneten sich Wirth und ihre Schwester sehr gute Fremdsprachenkenntnisse an – obwohl sie keine formale Schulbildung genossen. Schreiben wurde für beide nicht nur zum Interesse, sondern auch zur Möglichkeit, zum Familieneinkommen beizutragen.

Später heiratete Wirth den Nationalökonomen Max Wirth und zog mit ihm nach Wien, wo er eine Stelle als Wirtschaftsredakteur bei der „Neuen Freien Presse“ annahm. Auch dieser Lebensweg war, wie Mayer erklärt, von männlichen Entscheidungen und Netzwerken geprägt. Genau diese Netzwerke wurden für Wirth aber später wichtig.

Zwischen Bewunderung und Strategie

In ihren Briefen an Disraeli präsentiert sich Wirth als bewundernde Leserin. Sie lobt seine Werke, schmeichelt dem berühmten Autor und bewegt sich damit scheinbar ganz innerhalb der Geschlechterrollen ihrer Zeit: hier die empfindsame Frau, dort das männliche Genie. Doch Mayer betont: Wirth sei keineswegs so unbedarft gewesen, wie sie sich gab. Sie hatte bereits Texte veröffentlicht, etwa in der damals auflagenstarken Zeitschrift „Gartenlaube“, und ließ in ihren Briefen immer wieder ihre eigenen Ambitionen durchblicken. „Das ist eine Frau, die schreiben möchte“, wurde Mayer schnell klar. „Und die die Möglichkeiten, die sich ihr anbieten, auch nutzen möchte.“

Besonders deutlich wird das, als Wirth Disraeli anbietet, seinen letzten Roman Endymion ins Deutsche zu übersetzen. Sie verweist auf ihre Sprachkenntnisse, ihren Aufenthalt in England und ihre Nähe zur englischen Kultur. „Das hätte natürlich ein toller Coup sein können“, sagt Mayer. Auch wenn daraus nichts wurde, zeigt der Versuch, wie gezielt Wirth Kontakte nutzte, um sich im Literatur- und Medienbetrieb zu positionieren.

Die einzige Frau auf weiter Flur

Tatsächlich machte sich Wirth später als Journalistin und Auslandskorrespondentin einen Namen. In einem Bericht aus dem Jahr 1890 über die Vertreter der ausländischen Presse in Wien erscheint sie als Wiener Korrespondentin der Londoner „Daily News“ – neben Korrespondenten großer Blätter wie „Le Figaro“, oder „The Times“. „Sie ist die einzige Frau auf weiter Flur“, sagt Mayer.

Das war außergewöhnlich. Auslandskorrespondenten verstanden sich damals als journalistische Elite. Sie prägten das Bild eines Landes im Ausland und berichteten häufig über politische Themen. Während Frauen im Journalismus oft auf Gesellschaftsthemen verwiesen wurden, war Wirth als politische Korrespondentin einer großen britischen Zeitung durchaus eine Ausnahmeerscheinung.

Ab den 1880er-Jahren bezeichnete sie sich in Wiener Adressbüchern und auf ihrem Briefpapier ausdrücklich als Korrespondentin der „Daily News“, des „Economist“ und des „Berliner Lokalanzeiger“. Für Mayer zeigt sich darin ein klares berufliches Selbstverständnis: „Das hat für sie eine identitätsstiftende Funktion.“

1894 wurde Wirth außerdem Gründungsmitglied der Society of Women Journalists in London. Österreichische Zeitungen hoben damals hervor, dass sie die einzige Nicht-Britin in führender Rolle war. „Das sagt schon sehr viel aus über ihren Status, den sie damals hatte“, sagt Mayer. Auch als Wirth 1926 stirbt, wird sie in Wiener Zeitungen als „Pionierin des deutschsprachigen Journalismus“ beschrieben.

Sichtbar – und doch verschwunden

Heute ist von Bettina Wirth jedoch wenig bekannt. Einen eigenen Nachlass konnte Mayer nicht finden. Ihre Geschichte lässt sich nur aus verstreuten Spuren zusammensetzen: aus Briefen in fremden Nachlässen, Zeitungsnotizen, Adressbüchern, Auktionshinweisen und kleinen Archivfunden.

„Sie lebt eigentlich nur in den Nachlässen anderer weiter“, sagt Mayer. Die Nachlässe berühmter Männer wurden häufiger bewahrt, geordnet und erforscht. Frauen hatten oft weder die Zeit noch die Ressourcen, ihre eigene Überlieferung zu sichern – besonders dann, wenn sie Familie und Erwerbsarbeit verbinden mussten.

Mayers Forschung macht Bettina Wirth nun wieder sichtbar: als Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin, die in einer männlich dominierten Öffentlichkeit um Anerkennung rang, internationale Netzwerke nutzte und als Korrespondentin eine Pionierrolle einnahm. Zugleich erzählen die Briefe an Disraeli weit über Wirths Biografie hinaus von den Dynamiken einer Zeit, in der Frauen im Literatur- und Medienbetrieb neue Möglichkeiten fanden, aber weiterhin auf männliche Netzwerke und deren Wohlwollen angewiesen waren. Wirth nutzte Bewunderung, Mehrsprachigkeit, Übersetzung und Kontakte strategisch, um sich Sichtbarkeit zu verschaffen. Gerade deshalb sind ihre Briefe mehr als persönliche Dokumente: Sie geben Einblick in weibliche Autorschaft im 19. Jahrhundert – und zeigen, wie viel in Archiven noch verborgen liegt und wie stark Überlieferung davon abhängt, wessen Leben als erinnerungswürdig gilt.

 

Auf einen Blick

Sandra Mayer ist Literatur- und Kulturwissenschafterin am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). In ihrem Beitrag „I have read a great deal, and written a little“ in Victorian Literature and Culture untersucht sie Bettina Wirths Briefe an Benjamin Disraeli und fragt, was sie über weibliche Autorschaft, transnationale Netzwerke und die Position professionell schreibender Frauen im 19. Jahrhundert erzählen.

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