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DatenschutzRegulierung

Daten sind kein Privatbesitz

Tech-Konzerne verdienen Milliarden mit unseren Daten. Doch Daten können fair, sicher und zum Wohle aller eingesetzt werden. Über rechtliche Regulierung und Solidarität in der digitalen Welt spricht ÖAW-Mitglied Barbara Prainsack im Interview.

17.04.2026
© Adobe Stock

Daten sind die Währung der digitalen Welt: Sie machen Tech-Konzerne reicher, während sie viele Menschen an den Rand drängen. Barbara Prainsack, ÖAW-Mitglied und Politikwissenschaftlerin, fordert in ihrem neuen Buch „Datenschlussverkauf – Solidarität in der digitalen Welt“ ein neues Konzept: Daten müssen gerecht geteilt und verantwortungsvoll genutzt werden. Im Interview erklärt sie, wie wir mit Transparenz, Teilhabe und faire Regulierung die Kontrolle über die Datenwelt zurückgewinnen können.

Solidarität ist ein zentraler Begriff im sozialpolitischen Kontext. Warum ist er auch für die Datenwelt relevant?

Barbara Prainsack: Das ist eine zentrale Frage, weil wir mit den falschen Konzepten über Daten nachdenken. Daten sind kein Rohstoff wie Öl – ein Vergleich, der oft fällt, aber irreführend ist. Öl ist eine natürliche Ressource die gefördert, verkauft, und verbraucht wird. Daten hingegen entstehen durch uns alle: durch unser Einkaufsverhalten, unsere Wege durch das Gesundheitssystem, unsere Nutzung öffentlicher Infrastrukturen. Selbst wenn es um die Daten einer einzelnen Person geht, sind es doch wir als Gesellschaft – als Konsument:innen, Patient:innen, durch öffentliche Infrastrukturen, die diese Daten erst möglich machen. Wir tragen kollektiv zur Wertschöpfung bei, doch die finanziellen Profite fließen häufig zu wenigen Großkonzernen. Das ist nicht nur ungerecht, sondern untergräbt Vertrauen in die Datennutzung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Solidarität ist hier genauso entscheidend wie im Gesundheitswesen oder beim Klimaschutz. Wenn Daten eine zentrale Ressource moderner Gesellschaften darstellen, dann sollten sie auch als Teil unserer öffentlichen Infrastruktur verstanden werden, vergleichbar mit Straßen oder Schulen. Entsprechend brauchen wir Regeln, die sicherstellen, dass ihr Nutzen der Gesellschaft insgesamt zugutekommt.

Wo Datennutzung großen gesellschaftlichen Wert hat, etwa in der medizinischen Forschung, müssen wir Hürden abbauen.

Sie sprechen von einer wirtschaftlichen Unwucht. Welche Regulierungsschritte sind am dringlichsten?

Prainsack: Unser Ansatz der Datensolidarität kombiniert Nutzen, Risiko und Wertschöpfung. Er besteht aus drei Säulen. Erstens: öffentlichen Wert fördern. Wo Datennutzung großen gesellschaftlichen Wert hat, etwa in der medizinischen Forschung, müssen wir Hürden abbauen. Ein Beispiel: Wenn Patienten-Daten nicht genutzt werden können, weil die Zustimmung einzelner Personen fehlt – etwa weil sie nicht erreichbar sind –, und die Risiken gleichzeitig sehr gering sind, kann dies Forschung behindern, die potenziell vielen zugutekommt. Ein weiteres Problem ist, dass kleine Forschungsinstitute oder non-profits oft nicht die nötige Zeit oder das Geld haben, alle Genehmigungen einzuholen. Hier zeigt Finnland durch die Schaffung der Findata-Agentur, wie man gesellschaftlich wertvolle Forschung fördern kann: Die Agentur hilft dabei, komplexe Genehmigungsprozesse zu koordinieren und einen rechtssicheren, effizienten Zugang zu Daten für gesellschaftlich relevante Forschung zu ermöglichen. Wir brauchen mehr solche Modelle.

Schäden vermeiden und lindern 

Und die anderen Säulen?

Prainsack: Die zweite Säule: Schäden vermeiden und lindern. Datensolidarität verlangt, dass Datennutzung so gestaltet wird, dass sie Menschen nicht schadet – und dass dort, wo Schäden dennoch entstehen, schnell und wirksam reagiert werden kann. Einige Formen der Datennutzung sind eindeutig schädlich und sollten verboten werden, etwa wenn gezielte Werbung besonders verletzliche Gruppen oder Jugendliche ausnutzt. Aber auch scheinbar harmlose oder formal zulässige Datennutzungen können für Betroffene belastend oder verletzend sein – etwa wenn eine Frau nach einer Fehlgeburt weiterhin personalisierte Babywerbung erhält oder wenn Suchmaschinen diskriminierende oder herabwürdigende Assoziationen mit Namen verknüpfen. Deshalb braucht es ergänzend zu Verboten auch institutionelle Mechanismen zur Schadenslinderung – wie etwa unabhängige Anlaufstellen, an die sich Menschen wenden können, wenn sie durch Datennutzung geschädigt wurden – auch wenn kein Gesetz verletzt wurde.
Und drittens geht es darum, Profite gerecht zu teilen: Große Tech-Konzerne machen große Gewinne mit unseren Daten, ohne etwas zurückzugeben.

Große Tech-Konzerne machen große Gewinne mit unseren Daten, ohne etwas zurückzugeben.

Können Sie konkrete Instrumente nennen?

Prainsack: Ja, gemeinsam mit meinem Team haben wir etwa das Pluto-Tool entwickelt: Es berechnet den erwarteten öffentlichen Wert einer Datennutzung und was man tun müsste, um diesen Wert zu erhöhen. Er ist nur dann positiv, wenn der Nutzen hoch und die Risiken gering sind. So kann jede:r prüfen, ob etwa eine App Daten fair nutzt.
Für Schadensfälle brauchen wir zudem Ombudsstellen, die schnell und unbürokratisch helfen, wenn Daten legal, aber schädlich genutzt werden. Und bei der Gewinnbeteiligung setzen wir unter anderem auf Benefit-Sharing-Verträge: Wenn etwa eine Krankenanstalt anonymisierte Daten mit einem Unternehmen teilt, das diese Daten für die Entwicklung einer Diagnose-Software verwendet und damit große finanzielle Profite erzielt, dann sollte ein Anteil der finanziellen Gewinne zurück an das Krankenhaus fließen. International werden auch Datensteuern diskutiert: sie können globale Ungerechtigkeit mildern, etwa wenn Daten aus Niedrigeinkommensländern genutzt, aber Steuern dort nicht gezahlt werden.

Die politische Instrumentalisierung von Daten 

Tech-Milliardäre wie Peter Thiel oder Elon Musk nutzen Daten für politische Machtprojekte. Wie lässt sich das verhindern?

Prainsack: Das Problem ist, dass wir Daten jahrzehntelang wie Privatbesitz behandelt haben – als gehöre er denen, die ihn verarbeiten. Doch Daten entstehen kollektiv. Diese Machtkonzentration führt zu politischer Dominanz: Eine kleine Gruppe misogyner weißer Männer untergräbt mit ihren Plattformen Diversität, Minderheitenrechte und Demokratie. Wir müssen Daten als gemeinsames Eigentum begreifen und demokratisch kontrollieren.

Sollte KI als öffentliches Gut gelten?

Prainsack: Nicht jede KI-Anwendung muss im öffentlichen Eigentum stehen. Aber die Daten, also die „Moleküle der KI“, sollten als gemeinsames Eigentum der Bevölkerung behandelt werden. Und zentrale digitale Infrastrukturen wie Rechenzentren brauchen demokratische Kontrolle. Das bedeutet nicht automatisch Verstaatlichung: Gerade in autoritären Kontexten kann staatliche Kontrolle selbst problematisch sein. Entscheidend ist vielmehr, dass grundlegende Infrastrukturen im öffentlichen Interesse gesteuert und reguliert werden.

Eine wirksame Regulierung wird langfristig nur durch internationale Kooperation möglich sein.

Kann Österreich allein etwas bewegen – oder braucht es hier supranationale Gebilde wie die EU?

Prainsack: Einzelne Staaten können bereits viel tun: schädliche Formen der Datennutzung verbieten und gemeinwohlorientierte Alternativen gezielt fördern. Gleichzeitig ist klar: Eine wirksame Regulierung wird langfristig nur durch internationale Kooperation möglich sein. Auf europäischer Ebene gilt es, öffentliche Infrastrukturen gezielt zu stärken und bei öffentlichen Förderungen für Schlüsseltechnologien klare Mitbestimmungsrechte zu verankern.

Was können Einzelne tun?

Prainsack: Erstens: anders über Daten nachdenken. Daten sind kein Privatbesitz von Tech-Firmen, sondern kollektives Gut, zu dem wir alle beigetragen haben. Zweitens: bewusst entscheiden, unter welchen Umständen man die eigenen Daten hergibt. Zum Beispiel mit Tools wie Pluto prüfen, ob Datennutzung gesellschaftlichen Wert schafft. Wo möglich, Alternativen zu WhatsApp & Co. nutzen. Drittens: politischen Druck ausüben. Parteien müssen demokratische Kontrolle über digitale Infrastruktur einfordern. Druck von unten kann Gemeinwohlprojekte realisieren und Dinge finanzieren, die heute unfinanzierbar erscheinen.

Ein optimistischer Ausblick?

Prainsack:
Ja, das Bewusstsein wächst. Wir können Datenmacht demokratisieren – wenn wir gemeinsam handeln.

 

Auf einen Blick

Barbara Prainsack ist Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Davor war sie Professorin am Department of Global Health & Social Medicine des King’s College in London. Sie war Fellow des Wissenschaftskolleg zu Berlin und hat mehrere Sachbücher zu Fragen der Bioethik, zum Grundeinkommen sowie zur Zukunft der Arbeit veröffentlicht. Ihr aktuelles Buch „Datenschlussverkauf – Solidarität in der digitalen Welt“ ist 2026 im Verlag Wagenbach erschienen.