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Antisemitismus

„DAS MENSCHLICHE LEID AM 7. OKTOBER WURDE SCHAMLOS AUSGENUTZT“

Wie bildet sich der Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 in Sozialen Medien ab? Welche Trends sind zu beobachten? Und welche Auswege gibt es aus der Eskalation? Darüber spricht ÖAW-Iranistin Ariane Sadjed im Interview anlässlich des Symposiums "Der 7. Oktober und Österreich" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

07.10.2024
"Rechtsextreme Gruppen nutzen soziale Medien gezielt als Alternative zu sogenannten Mainstream-Medien," so Ariane Sadjed im Interview. © Shutterstock

Seit den Angriffen der Hamas auf die Besucher:innen des Nova-Festivals am 7.10.2023 ist der Nahost-Konflikt wieder entflammt. Auch der Antisemitismus in Österreich spitzt sich seither zu. ÖAW-Forscherin Ariane Sadjed vom Institut für Iranistik der ÖAW und Institut der Kulturwissenschaften der ÖAW spricht über die Rolle von Sozialen Medien und Onlineforen, sowie die Chancen einer deeskalierenden Gesprächskultur. Bei einem Symposium am 14.10. wird die Entwicklung des Antisemitismus in Österreich näher beleuchtet. 

Antisemitismus in Österreich 

Wie hat sich aus Sicht von Jüdinnen und Juden in Österreich der Antisemitismus im Land verändert?

Ariane Sadjed: In Interviews, die wir im Rahmen eines Forschungsprojekts zu Antisemitismus in sozialen Netzwerken mit Jüdinnen und Juden in Österreich vor und nach dem 7. Oktober führten, fanden wir eine ganze Bandbreite von Perspektiven auf das Thema Antisemitismus. Diese Vielfalt spiegelt sich in der öffentlichen Debatte und auch in den Medien kaum wider. Das Erleben von Antisemitismus unterscheidet sich je nach Alter, aber auch dahingehend, was als antisemitisch wahrgenommen wird und wie stark es als Bedrohung empfunden wird. Personen, die in den 1960er und 70er Jahren in Wien gelebt haben, berichteten von Formen von Judenhass, den sie in der Schule, an der Universität oder auf der Straße erlebten, die heute kaum mehr wahrgenommen werden. Einige begründen dies mit dem „Aussterben“ der Generation, die nationalsozialistisch sozialisiert wurde. Dieser Theorie widersprechen Untersuchungen, die bereits seit Anfang der 1980er Jahre, vor allem unter jungen Menschen in (West-)Deutschland rechtsradikale Einstellungen verbreitet fanden. Eine vergleichbare Studie wurde in Österreich aber bisher nicht durchgeführt.

Soziale Medien und Antisemitismus

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?

Sadjed: Darauf lag ein weiterer Schwerpunkt unserer Forschung. Wir machten stichprobenartige Erhebungen in Online-Foren wie derstandard.atFacebook und X (vormals Twitter). Rechtsextreme Gruppen, deren erklärtes Ziel es ist, ihre Positionen in gesellschaftlichen Institutionen zu normalisieren, nutzen soziale Medien gezielt als Alternative zu sogenannten Mainstream-Medien, die als undemokratisch oder manipulativ dargestellt werden. Die Themen kreisen um wirtschaftliche Verschwörungstheorien, Probleme der Globalisierung und Multikulturalismus sowie um damit verbundene vermeintliche Bedrohungen für eine „weiße“ nationale Identität. Damit verbunden ist auch die Angst vor Migrant:innen und Flüchtlingen, vor den Gefahren des Islam, vor Abweichungen von traditionellen Geschlechterrollen und vor einem „deep state“, also der Einschränkung persönlicher Freiheit durch den Staat.  

Die Kommentarfelder wurden mit Forderungen nach einer massenweisen Abschiebung dieser Bevölkerungsgruppen geflutet.

Sind diese rechten Gruppen erfolgreich dabei, mit ihren Strategien in der Mitte der Gesellschaft anzukommen?

Sadjed: In Österreich fanden diese scheinbar unzusammenhängenden Themen von den Rändern der Gesellschaft zuletzt während der Pandemie immer stärkere Verbreitung in Richtung Mitte und haben seitdem Fuß gefasst. Das menschliche Leid am 7. Oktober wurde schamlos für diese Strategie ausgenutzt. Im derstandard.at-Forum, dem größten seiner Art im deutschsprachigen Raum, konnte man beispielsweise beobachten, wie die Diskussion zu manchen Artikeln, in denen es um Antisemitismus ging, auf Muslime und Geflüchtete gelenkt wurde. Die Kommentarfelder wurden mit Forderungen nach einer massenweisen Abschiebung dieser Bevölkerungsgruppen geflutet.

Kampfbegriffe statt Gesprächskultur

Aber nur unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Antisemitismus?

Sadjed: Dass es hier in der Realität nicht um die Bekämpfung von Antisemitismus oder das Wohl von Juden und Jüdinnen geht, wird spätestens klar, wenn man Ausführungen der Identitären Bewegung zu Israel liest: Juden gelten selbst als „Einwanderer und Flüchtlinge“, die die „ansässige“ Bevölkerung verdrängen. Dieses Narrativ propagiert die Neue Rechte für ihre Leser:innenschaft in Deutschland, Österreich, England oder den USA: Hier sind es die „weißen“ Einheimischen, die von Auslöschung bedroht sind und sich endlich wehren müssen. Den mehrheitlich jungen Nutzer:innen von X geben sich die Protagonist:innen der Neuen Rechten als freundliche „Aktivist:nnen“. Das extremistische und gewaltbereite Gedankengut, das sie durch Bedrohungsszenarien transportieren, zielt jedoch darauf ab, die Gesellschaft zu destabilisieren. Aus unseren Interviews mit jüdischen Jugendlichen geht hervor, dass auch Begriffe wie „Genozid“ oder „Apartheid“ in sozialen Medien als Kampfbegriffe fungieren, bei denen es vorrangig um die Deutungshoheit geht, wodurch eine inhaltliche Diskussion weitgehend verhindert wird. 

Den Kontroversen Raum in einer sachlichen Gesprächskultur zu geben, wäre ein wichtiger Prozess.

Wie kommen wir aus diesen ideologischen Kämpfen wieder raus?

Sadjed: Wie kontrovers das Thema (wieder) ist, sieht man nicht zuletzt in den Feeds verschiedener Online-Medien. Der politische Diskurs in Österreich bietet seit dem 7. Oktober leider wenig Foren. Stattdessen werden Begriffe verwischt und moralisierende Ansprüche formuliert. Den Kontroversen Raum in einer sachlichen Gesprächskultur zu geben, wäre ein wichtiger Prozess in der Bildung mündiger Bürger:innen, und um sie gegen die Eskalationen in sozialen Medien und darüber hinaus zu wappnen.

 

AUF EINEN BLICK 

Ariane Sadjed studierte Psychologie und Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und der Goldsmith University London. 2011 schloss sie ihr Doktorat im Fach Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität Berlin ab. Seit 2023 ist sie  wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften, sowie seit 2024 stellvertretende Direktorin des Insituts für Iransitik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)

Symposium: Der 7. Oktober und Österreich

Termin: 14. Oktober 2024, 9:00 bis 17:30 Uhr

Ort:
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Theatersaal
Sonnenfelsgasse 19
1010 Wien

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