Chinas Kampf um die globale Führungsrolle
06.10.2025
Seit Jahren wird spekuliert, ob China die USA als globale Führungsmacht ablösen könnte. Militärische Aufrüstung, neue Einflusszonen im Globalen Süden und ein selbstbewussterer außenpolitischer Kurs nähren diesen Eindruck. Doch reicht das, um Washingtons Rolle als Hegemon zu brechen? Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Sinologin und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ordnet ein, wo China tatsächlich steht – und welche Szenarien für die Weltpolitik denkbar sind.
USA noch immer Weltmacht Nummer 1
Wie weit ist China tatsächlich schon auf dem Weg, die USA als hegemoniale Macht herauszufordern oder sogar abzulösen?
Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Von hegemonialer Macht kann nur dann gesprochen werden, wenn es einen weltweiten Konsens gibt, dass ein bestimmtes Land als das führende Land anerkannt wird, das gewissermaßen die Weltpolitik dominiert. Betrachtet man die Situation seit dem Ende des Kalten Krieges, lässt sich feststellen, dass weltweit ein gewisser Konsens darüber bestand, die USA als das stärkste Land sowohl in wirtschaftlicher als auch in militärischer Hinsicht anzuerkennen – ergänzt durch ihre Softpower, insbesondere ihre politische und kulturelle Ausstrahlung. Auch Länder, die ökonomisch schon sehr nahe an die USA herangekommen waren – wie Europa oder Japan – unterstellten sich ausdrücklich der amerikanischen Vorherrschaft. Die Jugend strebte nach Amerika, und für Wissenschaftler:innen waren die USA ein Ort, an dem man unter den weltweit besten Bedingungen arbeiten konnte. Von einer solchen Stellung ist China aber weit entfernt.
Seit Xi Jinpings Machtübernahme 2012 hat China enorme Summen ins Militär investiert.
Welche Rolle spielt die ökonomische Stärke?
Weigelin-Schwiedrzik: Je nachdem, wie man das Bruttoinlandsprodukt berechnet, hat China die USA in manchen Berechnungen schon übertroffen. Aber wenn man das Pro-Kopf-Einkommen betrachtet, sieht man, dass es aufgrund der großen Bevölkerung in China noch weit unter dem Niveau Europas liegt. Das zeigt, dass das Land zwar wirtschaftlich enorm gewachsen ist, das persönliche wirtschaftliche Wohlergehen der Menschen – wie es in der US-amerikanischen Verfassung als „Streben nach Glück“ definiert wird – für viele in China noch nicht greifbar ist.
China hat militärisch aufgeholt
Und aus einer militärischen Perspektive?
Weigelin-Schwiedrzik: Seit Xi Jinpings Machtübernahme 2012 hat China enorme Summen ins Militär investiert. Das geschieht nicht nur aus geopolitischen Gründen, sondern auch aus innen- und wirtschaftspolitischen. Laut Berechnungen des Pentagon kann China mittlerweile in militärischer Sicht den USA das Wasser reichen. Das heißt, käme es zu einer direkten militärischen Konfrontation, könnte keine der beiden Seiten auf Sieg hoffen und wäre deshalb geneigt, womöglich Atomwaffen einzusetzen, um einen Sieg durch Vernichtung des Gegners zu erzwingen.
Wir stehen täglich vor der Möglichkeit, dass ein Dritter Weltkrieg ausbrechen könnte.
China hat in Afrika und Südamerika Einflusszonen aufgebaut – vor allem in Ländern, die sich von Europa als ehemalige Kolonialmacht distanziert haben. Was genau prägt diese Beziehungen?
Weigelin-Schwiedrzik: China hat in seiner Geschichte ein System internationaler Beziehungen entwickelt, das wir in der historischen Forschung als Tributsystem bezeichnen. Es beruhte nicht auf schriftlichen Verträgen, sondern auf Ritualen zwischen dem Reich im Zentrum – dem chinesischen Kaiserreich – und den umliegenden Staaten. Diese Tributstaaten bekundeten regelmäßig ihre Unterordnung, erhielten im Gegenzug aber die Garantie, dass ihre Herrschaft nicht infrage gestellt wurde – außer sie baten selbst um Hilfe, etwa bei inneren Konflikten.
Diese Logik passt kaum mehr in die moderne Welt, doch die chinesische Elite greift sie bis heute auf. Sie argumentiert, jedes Land solle selbst entscheiden, wie es mit Menschenrechten umgeht. Universelle Maßstäbe, wie sie Europa und die USA vertreten, werden abgelehnt. Im chinesischen Diskurs bemisst sich Legitimität allein daran, ob die Bevölkerung ihre Regierung akzeptiert.
Gerade für viele Länder des globalen Südens ist das attraktiv. Ihre politischen Systeme unterscheiden sich oft von westlichen Demokratien – was auch nicht überrascht, wenn man bedenkt, dass Europa selbst lange brauchte, um demokratische Strukturen zu entwickeln. Während der Westen Kredite an politische Bedingungen knüpft, verzichtet China bewusst darauf und begründet dies mit der notwendigen Diversität politischer, ideologischer und wirtschaftlicher Systeme.
Ein neues Zeitalter der Imperien?
Russlands Krieg in der Ukraine, Trumps Fantasien über Kanada und Grönland, Chinas Anspruch auf Taiwan: Sehen Sie die Gefahr, dass Großmächte sich künftig gegenseitig „gewähren“ lassen, wenn es um territoriale Ambitionen geht?
Weigelin-Schwiedrzik: Das ist nicht aus der Luft gegriffen, auch wenn kein Politiker dieser Länder das offen gesagt hat. Aber überlegen wir einmal, in welcher Zeit wir gerade leben: Wir stehen täglich vor der Möglichkeit, dass ein Dritter Weltkrieg ausbrechen könnte. Doch anstatt zu deeskalieren, geschieht fast jeden Tag etwas, das zur Eskalation beiträgt.
Wenn sich das weiter zuspitzt, werden wir irgendwann an den Punkt kommen, an dem die Menschen sagen: Wir akzeptieren fast alles, solange diese alltägliche Bedrohung endlich aufhört. In einer solchen Lage ist es durchaus denkbar, dass die drei Supermächte – USA, China und Russland – beschließen: Bevor wir gegeneinander Krieg führen, teilen wir die Welt auf. Jeder erhält seinen „Gewinn“: Russland dürfte in der Ukraine schalten und walten, wie es will. Amerika dürfte „in seiner Nachbarschaft“ – ich formuliere es vorsichtig – eigene Ansprüche geltend machen. Und China dürfte in Bezug auf Taiwan oder das Südchinesische Meer tun, was es für richtig hält.
Inwiefern wird darauf in Debatten in China Bezug genommen?
Weigelin-Schwiedrzik: In allen drei Ländern ist die Debatte über Imperienbildungzurückgekehrt. In China etwa argumentieren einflussreiche Wissenschaftler wie Jiang Shigong, ein Übersetzer Carl Schmitts, dass die westfälische Friedensordnung der Gleichheit der Nationen nie wirklich der Realität geopolitischer Machtverhältnisse entsprochen hat. Historisch habe es immer Großreiche gegeben, die die Welt in Einflusssphären aufteilten. Diese Reiche entstünden, teilten die Welt unter sich auf, zerfielen wieder – und neue träten an ihre Stelle. Mit anderen Worten: Die Geschichte der Menschheit lässt sich als Abfolge von Aufstieg und Niedergang von Imperien lesen, die ihre Einflussbereiche abstecken, um nicht permanent Krieg gegeneinander führen zu müssen. Und solche Diskussionen, die ich aus China sehr gut kenne, finden inzwischen auch in den USA und – soweit übersetzt – in Russland statt.
Europa spielt in den aktuellen globalen Debatten kaum eine Rolle.
Und in den USA?
Weigelin-Schwiedrzik: Bemerkenswert ist, dass auch im Westen in der Politikwissenschaft der Begriff Einflusssphäre, der nach dem Kalten Krieg fast verschwunden war, wieder häufiger auftaucht. Und wenn man genau hinhört, wie etwa Donald Trump Grönland oder Kanada ins Spiel brachte, begründete er das stets mit „nationaler Sicherheit“. Die Logik dahinter: Amerika könne nur dann sicher sein, wenn es größer ist als heute – und größer als die Imperien China und Russland. Denn auch die territoriale Größe scheint in dieser Logik ein entscheidendes Kriterium dafür zu sein, wer als Weltmacht gilt – oder nicht.
Verlierer Europa
Und Europa spielt dabei keine Rolle?
Weigelin-Schwiedrzik: Europa spielt in den aktuellen globalen Debatten kaum eine Rolle. China steht heute vor der Herausforderung, dass eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Russland es isolieren könnte. Deshalb sucht die Volksrepublik verstärkt Verbündete – auch in Europa. Europa selbst ist in einer schwierigen Lage: Es droht, seinen wichtigsten Verbündeten USA zu verlieren, hat Russland als Rohstofflieferanten eingebüßt und könnte bei einer Abwendung von China auch seinen wichtigsten Wirtschaftspartner verlieren. China und Europa wären Verlierer, käme es zu einer Annäherung zwischen den USA und Russland. Doch ist man in China nicht allzu optimistisch: Man fürchtet, ohne die USA im Hintergrund werde Europa zerfallen. Selbst wenn man in Brüssel hofft, dass die gemeinsame Gegnerschaft zu Russland den Zusammenhalt sichert, sieht man das in China eher skeptisch.
Auf einen Blick
Susanne Weigelin-Schwiedrzik ist Sinologin und war bis zu ihrer Emeritierung 2020 Professorin für Sinologie am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. Sie ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
