




Neun Millionen Menschen leben in Österreich – und bereits jede fünfte Person ist über 65 Jahre alt. Die demographische Entwicklung ist von zunehmender Alterung und niedrigen Fertilitätsraten geprägt. Bald gehen die Babyboomer – jene Menschen, die nun zwischen 55 und 69 Jahre alt sind – in Pension. Und die Zahl der Jüngeren, die das finanzieren sollen, schrumpft.
Wie lange hält der Generationenvertrag noch? Was bedeutet die Lücke zwischen Jung und Alt für unser Pensionssystem, unsere sozialen Sicherungsnetze und die Bildungspolitik? Bei einem Pressegespräch auf Einladung von Statistik Austria und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gab es Antworten.
Neben der renommierten – und frisch in den deutschen Wissenschaftsrat berufenen – Soziologin Jutta Allmendinger diskutierten ÖAW-Präsident Heinz Faßmann, Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas sowie Caroline Berghammer vom Institut für Demographie der ÖAW über die Risiken der demographischen Entwicklung und darüber, was die Wissenschaft und die Politik jetzt tun können, um eine tickende Zeitbombe zu entschärfen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, sagte Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas: Aktuell stehen in Österreich drei Menschen im erwerbsfähigen Alter (20-64 Jahre) einer Person im Pensionsalter gegenüber. Im Jahr 2042 wird dieses Verhältnis auf zwei zu eins schrumpfen. Das hat tiefgreifende Konsequenzen für Arbeitsmarkt, Sozial- und Gesundheitssysteme. Tobias Thomas betonte: „Österreich steckt im dritten Rezessionsjahr in Folge.“ Und die Anzahl der Erwerbspersonen werde in naher Zukunft stagnieren oder gar zurückgehen.
„Die Frage nach dem Pensionsantrittsalter ist heikel – aber wenn wir sie jetzt nicht stellen, wann dann?“
Heinz Faßmann
ÖAW-Präsident Heinz Faßmann verwies auf den Spezialteil zum demographischen Wandel des aktuellen Wissenschaftsbarometers der ÖAW (Link). Darin wurden 1.500 Menschen in Österreich befragt. 53 Prozent der Befragten nannten den demographischen Wandel als Thema, das sie besonders beschäftigt. Sorge bereitet vor allem, dass die gesundheitliche Versorgung nachlassen könnte und dass der Fachkräftemangel immer eklatanter wird. Die Befragten sehen eine Lösung in mehr Arbeitsplätzen für Arbeitslose und Frauen, stehen Arbeitskräften aus dem Ausland aber teils skeptisch gegenüber – das Thema polarisiert.
ÖAW-Demographin Caroline Berghammer lieferte entscheidende Fakten: Die Babyboomer-Generation sei in Österreich nicht nur zahlenmäßig die größte Kohorte, sondern werde auch so alt wie keine Kohorte zuvor. Damit kommen Herausforderungen: Berghammer erwartet mehr Altersarmut bei Frauen in der Generation Babyboomer – durch lange Erwerbsunterbrechungen und Teilzeit. Außerdem sei das Gesundheits- und Pflegesystem nicht ausgerichtet auf so große Kohorten wie die Babyboomer.
Die Soziologin Jutta Allmendinger – kürzlich in den deutschen Wissenschaftsrat berufen und für einen Vortrag von Statistik Austria und ÖAW in Wien zu Gast – sprach sich für eine neue Form der wissenschaftlichen Politikberatung aus, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Nämlich für eine Beratung, die nicht in Extremen denkt.
„Österreich steckt im dritten Rezessionsjahr in Folge.“
Tobias Thomas
„Wir müssen in machbaren Mittelwegen denken.“ Die aktuellen Herausforderungen seien nur zu bewältigen, wenn man alle Komponenten im Blick behält: Sinkende Geburtenraten, Zuwanderung und das Alter. Allmendinger mahnte: „Wir können nicht die alten Menschen als Schmarotzer abstempeln, die wir durchfüttern müssen. Wir können aber auch nicht Frauen dazu verdammen, fünf Kinder zu bekommen. Und wir müssen begreifen: Ausgebildete Arbeitskräfte aus anderen Ländern abzuziehen würde uns nur schaden.“
Als notwendig empfindet Allmendinger, neue Lebensmodelle jenseits der starren Dreiteilung von Ausbildung, Erwerbsleben und Ruhestand. Denn die Realität sehe längst anders aus – viele Biografien sind unterbrochen, etwa durch Pflegezeiten oder Weiterbildungen. Was den Pensionsantritt angeht, brauche es flexiblere Modelle, in denen auch eine frühere Auszeit beziehungsweise ein früherer Pensionsbezug mit späterer Erwerbstätigkeit kombiniert werden könnte. Als Beispiel nannte sie ihren eigenen Sohn, der jetzt als junger Mensch reisen möchte und „nicht im Pensionistenbus“ – dafür sei er aber bereit, später länger zu arbeiten.
Ein zentrales Anliegen Allmendingers: die Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Noch immer tragen Frauen den Großteil der Care-Arbeit – mit Folgen für Erwerbskarrieren und Geburtenverhalten. „Viele Frauen verzichten heutzutage lieber auf Kinder als auf ihre berufliche Entwicklung“, so Allmendinger. Eine moderne Vereinbarkeitspolitik müsse deshalb beide Geschlechter in den Blick nehmen. Länder wie Frankreich und Schweden seien hier weiter. Österreich habe aber zumindest mit der Abschaffung des Ehegattensplittings – einer steuerlichen Regelung, die vor allem Alleinverdienerhaushalte begünstigt und Erwerbsarbeit von Frauen unattraktiver macht – einen wichtigen Schritt getan. Ein Beispiel, dem Deutschland bislang nicht gefolgt ist.
„Wenn Männer von 40 auf 35 Stunden gehen und Frauen gleichzeitig mehr Erwerbsarbeit leisten können, steigt die gesamtwirtschaftliche Produktivität.“
Jutta Allmendinger
Elterngeldmodelle, die partnerschaftliche Aufteilung fördern, hätten erwiesenermaßen positive Effekte. Die Soziologin widersprach der gängigen Kritik, dass Arbeitszeitreduktion bei Männern leistungsmindernd sei: „Wenn Männer von 40 auf 35 Stunden gehen und Frauen gleichzeitig mehr Erwerbsarbeit leisten können, steigt die gesamtwirtschaftliche Produktivität.“
Allmendinger fordert zur Bewältigung der Herausforderungen einen „neuen und engeren Nexus“ zwischen Wissenschaft und Politik. Die Pandemie habe gezeigt, dass das Vertrauen in die Wissenschaft hoch, das Vertrauen in die Politik hingegen erschüttert sei. Doch beide müssten zusammenwirken. „Die Wissenschaft hat auch den Auftrag, das Vertrauen in die Politik zu erhöhen.“ Es brauche eine neue Kultur der Wissenschaftskommunikation – eine, die der Öffentlichkeit verständlich macht, dass Falsifikation Teil des wissenschaftlichen Prozesses ist. „Wissenschaftlerinnen, die sich öffentlich äußern und zum Beispiel in Talkshows auftreten, dürfen nicht diskreditiert werden“, so Allmendinger.
Genauso sieht die Soziologin die Politik in der Pflicht. Programme wie „Journalists in Residence“ oder „Politicians in Residence“ – bei denen Journalist:innen bzw. Politiker:innen für begrenzte Zeit in wissenschaftliche Institutionen eingebunden werden – könnten Brücken bauen und langfristig für einen Mehrwert in der Zusammenarbeit führen.
ÖAW-Präsident Heinz Faßmann warnte davor, den demographischen Wandel weiter zu ignorieren: „Die Frage nach dem Pensionsantrittsalter ist heikel – aber wenn wir sie jetzt nicht stellen, wann dann?“
Jutta Allmendinger erhielt 1992 einen Ruf als Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2007 bis 2024 war sie Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Gleichzeitig wurde sie an der Humboldt-Universität zu Berlin zur Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung ernannt. Jutta Allmendinger ist Mitglied mehrerer Wissenschaftsakademien. 2022 übernahm sie den Vorsitz des Gender Equality Advisory Councils (GEAC) der G7-Staaten. 2024 wurde sie in den Deutschen Ethikrat berufen. Für die Funktionsperiode 2023 bis 2028 ist sie Mitglied des Universitätsrats der Universität Wien.
Jutta Allmendinger war als Vortragende bei der ÖAW-Statistik Austria Lecture in Wien zu Gast. Sie trug am 19. Mai 2025 zum Thema "Die alternde Gesellschaft. Wie kann evidenzbasierte Politikberatung zu unserer Zukunft beitragen?“ vor.