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Medien-AnalyseSprachforschung

Austriazismen in der Medienlandschaft: Warum Jänner, Matura und Sackerl nicht verschwinden

Die bislang größte Analyse von Medien in Österreich durch Forschende der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien zeigt: Typisch österreichische Wörter bleiben über 23 Jahre hinweg erstaunlich stabil.

21.08.2026
Foto von Tomaten in einem Einkaufssack
© AdobeStock

„Jänner“ oder „Januar“? „Paradeiser“ oder „Tomate“? „Rauchfangkehrer“, „Kaminkehrer“ oder „Schornsteinfeger“? An Wörtern wie diesen entzünden sich regelmäßig Debatten über Sprache, Identität und die Frage, ob das österreichische Deutsch unter Druck gerät oder gar verschwindet. Eine neue Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien zeigt nun: Zumindest in der österreichischen Medienlandschaft halten sich Austriazismen erstaunlich gut.

Untersucht wurde österreichisches Mediendeutsch der Jahre 2001 bis 2023. Grundlage war das Austrian Media Corpus mit rund 51 Millionen Presseartikeln und etwa zehn Milliarden Wörtern. Das Ergebnis: Die Häufigkeitsverhältnisse zwischen Austriazismen und ihren „Konkurrenzvarianten“ bleiben über den gesamten Zeitraum hinweg „weitgehend stabil“, sagt Alexandra N. Lenz, Sprachwissenschafterin an der Universität Wien und am Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW. „Wir haben keine Variante gefunden, die verschwunden ist, sondern in der Regel eine Stabilität der Gebrauchsfrequenzen. Das ist sehr interessant, weil es vielen Erwartungen widerspricht.“

Mehr als Erdapfel und Paradeiser

Austriazismen sind Wörter, die mit dem österreichischen Deutsch verbunden beziehungsweise mit diesem assoziiert sind. Klassische Beispiele sind Lebensmittelbezeichnungen wie „Erdapfel“ oder „Karfiol“, von denen 23 sogar im Beitrittsvertrag Österreichs zur EU 1995 schriftlich festgehalten wurden. Doch Austriazismen sind viel mehr als die bekannten Beispiele aus Küche und Alltag, betont Lenz: „Wir gehen davon aus, dass es je nach Definition etwa 7.000 bis 8.000 Austriazismen gibt.“

Wie man bestimmt, ob ein Austriazismus vorliegt? Entscheidend kann sein, ob ein Wort in Wörterbüchern als österreichisch markiert ist, ob es im tatsächlichen Sprachgebrauch häufig vorkommt oder ob Sprecher:innen es selbst als typisch österreichisch wahrnehmen.

Diese Ebenen fallen aber nicht immer zusammen. Der „Jänner“ etwa ist in allen Bundesländern verbreitet, wird von vielen Menschen aber gar nicht sofort als Austriazismus wahrgenommen. Der „Paradeiser“ dagegen wird häufig als typisch österreichisch klassifiziert, ist im tatsächlichen Gebrauch aber vor allem im Osten Österreichs verankert.

Nicht einzelne Wörter, sondern Wortgruppen

Viele Studien haben bisher mit kleineren Wortlisten und Befragungen gearbeitet, um Austriazismen zu untersuchen. Dabei hat sich oft gezeigt, dass ältere Generationen bestimmte Austriazismen eher kennen oder verwenden als jüngere. Daraus entstand die Sorge, typisch österreichische Wörter könnten allmählich verschwinden.

Die neue Studie setzt umfassender an und ist die bislang größte ihrer Art. Sie untersucht nicht nur einzelne Wörter, sondern ganze Variationsfelder: also Austriazismen gemeinsam mit jenen Varianten, die dasselbe oder Ähnliches ausdrücken und dies in unterschiedlichsten Bereichen des Wortschatzes, auch jenseits der Kulinarik. „Jänner“ steht etwa in Konkurrenz zu „Januar“, „Rauchfangkehrer“ steht „Schornsteinfeger“, „Kaminkehrer“ oder „Kaminfeger“ gegenüber und auch „Haube“, „Mütze“ und „Kappe“ variieren miteinander. Insgesamt analysierte das Forschungsteam 76 solcher Wortgruppen (linguistisch „Variablen“).

Darin enthalten waren Wörter, die entweder für Gesamtösterreich oder nur für bestimmte Teilregionen Österreichs als typisch gelten. Was in Wien oder Niederösterreich selbstverständlich klingt, kann in Kärnten, Tirol oder Vorarlberg unüblich sein – und umgekehrt. Neben dem Faktor „Zeit“ wurde also auch die oft wenig beachtete räumliche Dimension von Austriazismen in den Blick genommen.

Stabile Verhältnisse in der Medienlandschaft

Bei der Analyse zeigte sich: Die Verhältnisse zwischen den Varianten haben sich über 23 Jahre kaum verschoben. „Austriazismen, die schon Anfang des 21. Jahrhunderts mit niedrigen Frequenzen gestartet sind, haben heute noch niedrige Frequenzen“, sagt Lenz. „Aber sie sind nicht verloren gegangen.“ Gleiche Stabilität gilt für Austriazismen mit hohen Frequenzen.

Ein Beispiel ist „Rauchfangkehrer/in“. In großen Teilen Österreichs ist diese Variante im Mediendeutsch dominant. Bereits 2001 lag sie in den untersuchten Zeitungstexten bei rund 95 Prozent – und dieser Wert blieb bis 2023 stabil. Im Westen Österreichs kommt daneben auch häufiger der/die „Kaminkehrer/in“ vor, ebenfalls über den gesamten Zeitraum hinweg mit etwa 30% aller Fälle. Nur niedrige Gebrauchsfrequenzen erreicht bundeslandübergreifend hingegen der/die „Schornsteinfeger/in“.

Auch bei „Haube“, „Mütze“ und „Kappe“ zeigen sich stabile regionale Muster über die Zeit hinweg. In Kärnten und der Steiermark ist „Haube“ in den untersuchten Pressetexten besonders stark vertreten, während „Mütze“ und „Kappe“ kontinuierlich daneben vorkommen. Beim „Paradeiser“ zeigt sich ebenfalls kein Verschwinden: Zwar ist im österreichischen Mediendeutsch insgesamt die „Tomate“ dominant, doch der „Paradeiser“ hält sich über die Jahre hinweg stabil, vor allem im Osten Österreichs. Ähnlich stabil sind auch bekannte Austriazismen wie „Jänner“, „Matura“, „Sackerl“, „Jause“ oder „Trafik“.

Sprache, Identität und KI

Die Sorge um Austriazismen kommt daher, weil Sprache und Identität so eng verknüpft sind, sagt Lenz. „Wir produzieren Sprache nicht einfach nur, um Informationen zu übermitteln, sondern immer auch zur Positionierung: zur Aushandlung der eigenen Identität, des Verhältnisses zum Gegenüber und der eigenen Position in der Gesellschaft.“

Gerade deshalb sind Austriazismen im öffentlichen Diskurs so präsent. Die neue Studie zeigt dennoch: In der österreichischen Printmedienlandschaft leisten Austriazismen offenbar Widerstand gegen ein schnelles Verschwinden. „Die Presselandschaft scheint etwas für die Stabilität der Austriazismen zu tun“, sagt Lenz. „Wer möchte, dass bestimmte Wörter erhalten bleiben, kann vor allem eines tun: sie gebrauchen.“ Österreichisches Deutsch sei zudem viel mehr als nur Wörter, es gehe genauso um Grammatik und die Lautebene. Austriazismen finden sich auf all diesen Ebenen der Sprache. „Sprachwandel ist komplex. Deswegen ist es wichtig, dass wir auch komplexe Forschung dazu betreiben.“

Eine offene Frage bleibt für Lenz zum Beispiel auch, wie sich Künstliche Intelligenz (KI) und große Sprachmodelle künftig auf das österreichische Deutsch wie auf Sprachvariation im Allgemeinen auswirkt. Häufig werde vermutet, dass KI-generierte Texte homogener seien und sprachliche Vielfalt reduziert werden könnte. Ob sich dadurch auch stabile Variationsverhältnisse verändern, will das Forschungsteam in den kommenden Jahren untersuchen. Lenz betont: „Ich bin sehr für Variation und für das Aufrechterhalten von Variation, weil damit auch Identitäten sichtbar und wichtige soziale Funktionen von Sprache aufrechterhalten werden.“

 

Auf einen Blick

Publikation

Lenz, Alexandra N.; Baumann, Andreas; Koppensteiner, Wolfgang; Mattes, Claudia; Ziegler, Theresa; Dorn, Amelie (2026): Austriacisms and Their Co-Variants—Short-Term Diachrony in the 21st Century. Languages 11(5), 102.
DOI: https://doi.org/10.3390/languages11050102