Absolutes Gehör: Fluch oder Superkraft?
10.09.2025
Menschen mit absolutem Gehör können jeden Ton auf Anhieb erkennen. Sie brauchen keinen Vergleichston und keine Stimmgabel. Komponisten wie Wolfang Amadeus Mozart sollen diese spezielle Gabe besessen haben. Aber nach wie vor weiß die Forschung nicht genau, warum manche Menschen dieses Talent haben und andere nicht. Und ob man sich ein absolutes Gehör auch antrainieren kann.
Bei Aufnahmeprüfungen auf Musikschulen, sind Anwärter:innen mit absolutem Gehör in einer privilegierten Situation. Nur rund 0,1 bis ein Prozent der Menschheit verfügen über diese Fähigkeit. Bei Musiker:innen kann diese Zahl höher liegen. Aber heißt das auch, dass diese die begabteren Musiker:innen sind? Oder kann absolute Gehör auch Nachteile mit sich bringen? Ébano Resende de Souza vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat in seiner Zeit als Musiklehrer die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit absolutem Gehör weniger Freude an der Musik hatten. An der ÖAW betreibt er dazu nun im Rahmen eines Seal of Excellence Projekts Forschungen. Im Gespräch erklärt er, was es mit diesem Phänomen auf sich hat.
Wie sind Sie zu diesem Forschungsthema gekommen?
Ébano Resende de Souza: Absolutes Gehör ist noch immer eine Art von Mysterium. Selbst Menschen, die sich mit Musik beschäftigen, können oft nicht wissenschaftlich benennen, warum es sich dabei handelt. Viele denken, es sei eine Art von Superkraft und ein Talent, das manche haben und andere nicht. All diese Ideen haben mich dazu gebracht, mich näher damit zu beschäftigen.
Absolutes Gehör vs. relatives Gehör
Wie ist dieses Phänomen wissenschaftlich definiert?
Resende de Souza: Eine allgemeine Definition lautet, die Fähigkeit, ohne externe Referenz die Höhe eines gehörten Tones exakt zu bestimmen. Bei Farben brauchen wir diesen Vergleich nicht. Ich benötige kein Rot in der Nähe, um Blau zu identifizieren. Bei Tönen ist die Sache schwieriger, die meisten von uns haben ein relatives Gehör, wir können einen Ton mithilfe eines Referenztones identifizieren und/oder wiedergeben. Wir nutzen dabei das Intervall zwischen dem Referenz- und dem Zielton.
Wenn wir Musik hören, wird fast das gesamte Gehirn aktiviert.
Erkennen Menschen mit absolutem Gehör die Töne, egal, um welches Instrument es sich handelt?
Resende de Souza: Es gibt Beispiele an Musiker:innen und Komponist:innen bei denen das der Fall ist. Aber uns interessieren in der Forschung vor allem die Einschränkungen, also die sogenannten nicht-globalen absoluten Tonhöhenbesitzer, die nur in bestimmten Kontexten über absolute Tonhöhe verfügen. Das sind Menschen, die haben das absolute Gehör zum Beispiel nur für die Geige oder das Klavier, aber für keine anderen Instrumente. Oder sie können, zum Beispiel nur in höheren Frequenzbereichen die Töne exakt erkennen und wiedergeben. Dann gibt es auch welche, die können sieben Noten identifizieren, aber nicht alle zwölf. Diese Besonderheiten und Einschränkungen können uns helfen, besser zu verstehen, was das absolute Gehör überhaupt ist und wie es im Gehirn funktioniert. In den letzten Jahren wurde viel in der Neurowissenschaft geforscht. Wenn wir Musik hören, wird fast das gesamte Gehirn aktiviert. Es lassen sich jedoch Besonderheiten feststellen. Relatives Gehör: Wir können Regionen auf der rechten Seite identifizieren, die stärker aktiviert sind. Absolutes Gehör: Regionen auf beiden Seiten. Wir können auch Unterschiede in der Anatomie des Gehirns in Bezug auf absolutes und relatives Gehör feststellen.
Erlernt oder angeboren?
Kann man absolutes Gehör lernen?
Resende de Souza: In der gängigen Literatur gibt es eine Meinungsverschiedenheit, ob man mit dem absoluten Gehör geboren wird oder man es auch erlernen kann. Eine neuere und mittlerweile mehr akzeptierte Hypothese liegt irgendwo zwischen den beiden vorherigen Hypothesen: Einige Menschen haben eine genetische Veranlagung, die während einer kritischen Phase in der frühen musikalischen Ausbildung aktiviert wird und stark mit unserem Prozess der Tonhöhenkategorisierung verbunden ist. In jungen Jahren ist das, wie eine zweite Sprache zu lernen. Erwachsene tun sich damit viel schwerer, eine Sprache akzentfrei zu erwerben.
Das relative Gehör ist wichtig, wenn es um Kreativität und Gefühle geht.
Welche Vorteile hat man durch das absolute Gehör?
Resende de Souza: Man kann komponieren, ohne ein Musikinstrument in der Nähe zu haben. Wenn man ein Lied hört, kann man es später aufschreiben. Die richtige Tonalität lässt sich dadurch leicht erinnern. Aber es gibt nicht nur Vorteile, das relative Gehör ist wichtig, wenn es um Kreativität und Gefühle geht, die auch wesentlich zum Komponieren gehören. Menschen, die nur ein absolutes Gehör haben, tun sich oft schwer, zum Beispiel musikalisch mit anderen zu improvisieren. Sie erkennen mathematisch genau den richtigen Ton, aber es fällt ihnen nicht unbedingt leicht, die Musik auch wirklich zu fühlen. In einigen Fällen ist es so, dass sie anstatt etwas zu empfinden, die Töne einfach nur erkennen und benennen. Sie verlieren damit oft auch die Freude an der Musik. Deshalb ist es für sie wichtig, die Nachteile ihrer Fähigkeit zu verstehen. Und das relative Gehör ebenfalls zu trainieren, damit ihre musikalischen Empfindungen nicht leiden.
Müssten Musikschulen diesbezüglich umdenken?
Resende de Souza: Wir wollen mit unserer Forschung eine Diskussion über Musikpädagogik in Gang setzen, wie man mit dem absoluten Gehör an Musikschulen und Konservatorien umgeht. Diese Studierenden haben vor allem zu Beginn ihres Studiums einen großen Vorteil anderen gegenüber, weil ihnen bestimmte musikalische Aufgaben leichter fallen. Sie hören eine Melodie und können sie sofort aufschreiben. Aber es wäre wichtig, auch die emotionale Wahrnehmung von Musik zu trainieren und die Improvisationsfähigkeit zu schulen und harmonische Funktionen zu identifizieren. Absolutes und relatives Gehör können bei einer Person sowohl vorhanden als auch nicht vorhanden sein, was vielfältige Möglichkeiten des Hörens und der Wahrnehmung von Klängen eröffnet. Diese große Bandbreite gilt es zu erforschen und in der Ausbildung zu berücksichtigen.
