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Wie Wittgensteins Schwester die Akademie rettete

History revisited: Die Schwester des berühmten österreichischen Philosophen war eine große Förderin der Akademie und bewahrte sie einst vor einem finanziellen Desaster

27.07.2015

Die 1920er Jahre waren in Wien eine Zeit der geistigen Hochblüte: Der "Wiener Kreis" versammelte Größen der damaligen Wissenschaft, wie Moritz Schlick, Rudolf Carnap oder Kurt Gödel. In Chemie, Physik und Biologie fand Pionierforschung statt, die weltweit für Aufsehen sorgte, etwa am Institut für Radiumforschung oder der Biologischen Versuchsanstalt, die beide Einrichtungen der damaligen kaiserlichen Akademie der Wissenschaften waren. Die "Goldenen Zwanziger" waren nicht nur aufgrund von Kunst und Kultur sondern auch durch die Wissenschaft so legendär.

Weniger glänzend war allerdings die finanzielle Situation vieler wissenschaftlicher Einrichtungen. Hier war das Gold vielmehr etwas, das fehlte. Der Erste Weltkrieg hatte aus der Monarchie Österreich-Ungarn eine kleine Republik gemacht, die um ihr Überleben kämpfte und politisch wie wirtschaftlich vor einem Scherbenhaufen stand. Auch für die Akademie der Wissenschaften war die Situation äußerst schwierig. Es fehlten sogar die Mittel, um laufende Publikationen wie Sitzungsberichte und Denkschriften zu bezahlen. Man stand kurz vor einem finanziellen Desaster.

Die Rettung trug einen klingenden Namen: Margarethe Stonborough-Wittgenstein. Die Schwester des bedeutenden österreichen Philosophen Ludwig Wittgenstein hatte nicht nur ein großes Interesse an der Wissenschaft - sie befasste sich etwa mit Mathematik, Psychoanalyse und hatte zeitweilig in einem chemischen Labor in Zürich gearbeitet. Sie war überdies mit dem wohlhabenden New Yorker Fabrikanten Jerome Stonborough verheiratet. Beste Voraussetzungen, um der klammen Akademie unter die Arme zu greifen.

Rettender „Check“

"Hochgeehrter Herr", schrieben die Stonboroughs im Oktober 1921 an den damaligen Generalsekretär der Akademie, den Mineralogen Friedrich Becke, "bezugnehmend auf unser letztes Gespräch bitten wir Sie, den beiliegenden Check von K 500.000.- (Fünfhunderttausend Kronen) in die Stonborough Stiftung einzuverleiben. Die Summe soll dazu dienen die entstandenen Mehrkosten der Naturwissenschaftlichen Klasse zu decken."

Es war nicht die erste Spende von Margarethe und Jerome Stonborough. Bereits im Dezember 1920 hatten sie der Akademie die Summe von einer Millionen Kronen "zur Fortführung der Veröffentlichungen" übergeben. Und es war nicht die letzte Spende. Die gesamten 1920er Jahre hindurch unterstützten die Eheleute die Akademie mit wechselnden aber immer beträchtlichen Beträgen. Sie bewahrten die traditionsreiche Wissenschaftsinstitution dadurch mehrmals vor dem finanziellen Aus.

"Schwarzer Freitag"

Der "Schwarze Freitag", der große New Yorker Börsenkrach im Oktober 1929, der die Weltwirtschaftskrise einleitete, machte diesem privaten Sponsoring ein jähes Ende. Nun waren es die Wittgenstein-Stonboroughs selbst, die vor dem Ruin standen. Jerome Stonborough erholte sich von dem Schock, den Großteil seines Geldes verloren zu haben, nicht mehr. 1938 wählte er den Freitod. Margarethe war als Jüdin gezwungen, 1940 in die USA zu emigrieren.

Die Akademie hat den Einsatz der beiden für die Wissenschaft nicht vergessen. Auf vielen Publikationen der 1920er Jahre findet sich der Vermerk „Gedruckt aus Mitteln des Jerôme und Margaret Stonborough-Legats“, Schriftverkehr und Dankesschreiben der Akademie sind für zukünftige Generationen sicher im Archiv der ÖAW verwahrt. Damit bleibt die Erinnerung an das Engagement und die Begeisterung zweier Menschen für die Forschung lebendig.  

 

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