Weltweiter Wettlauf um kritische Rohstoffe entbrannt
01.04.2025
Kritische Rohstoffe sind mehr als nur ein wirtschaftlicher Faktor – sie sind die treibende Kraft hinter den Technologien, die unsere Zukunft gestalten sollen. Ob für Elektroautos, Windräder oder Künstliche Intelligenz: Ohne Rohstoffe wie Lithium, Kobalt oder Seltene Erden ist der Fortschritt undenkbar. Doch mit der Abhängigkeit von globalen Lieferketten wächst auch die Herausforderung für die EU, sich vor den Unsicherheiten internationaler Märkte zu schützen.
Steffen Bettin, Volkswirt und Sozialwissenschaftler am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Experte für Rohstoffpolitik, zeigt auf, warum Europa angesichts wachsender geopolitischer Spannungen und Umweltprobleme mehr denn je in der Pflicht steht, seine Strategien zur Rohstoffsicherung zu überdenken. Dabei rücken auch Fragen nach ethischen und ökologischen Standards immer stärker in den Fokus.
Kritische Rohstoffe immer wichtiger
Was sind kritische Rohstoffe und warum sind sie wichtig für die EU?
Steffen Bettin: Wenn wir von kritischen Rohstoffen sprechen, geht es um Materialien, die für wichtige Technologien unerlässlich sind und deren Versorgung stark auf wenige Länder konzentriert ist. Kritische Rohstoffe sind für die EU-Wirtschaft essentiell, insbesondere für die Energiewende, aber auch für die Digitalisierung, da sie in Technologien wie Wärmepumpen oder Computerchips verwendet werden. Die Liste der kritischen Rohstoffe der EU wird seit 2011 regelmäßig aktualisiert. Während die erste Liste 14 Rohstoffe enthielt, sind es 2023 bereits 34.
Der Abbau vieler Rohstoffe ist oft mit erheblichen Umwelt- und sozialen Problemen verbunden.
Welche Rohstoffe werden da konkret gelistet?
Bettin: Seit 2023 sind Feldspat, Helium, Mangan und Nickel hinzugefügt worden. Auch Kobalt, Lithium und seltene Erden sind auf der Liste. Diese sind essenziell für Batterien, Windräder und andere Schlüsseltechnologien. Daneben gibt es strategische Rohstoffe wie Kupfer, wo die Versorgungslage derzeit nicht kritisch ist, aber aufgrund ihrer Bedeutung für zukünftig relevante Technologien eben als strategisch eingestuft werden.
Europa abhängig von Importen
Welche Probleme können beim Abbau kritischer Rohstoffe auftreten?
Bettin: Der Abbau vieler Rohstoffe ist oft mit erheblichen Umwelt- und sozialen Problemen verbunden. Die ökologischen Folgen sind oft massiv, da große Landflächen umgewälzt werden. Soziale Probleme entstehen, weil in vielen Ländern niedrige Umwelt- und Arbeitsstandards herrschen. Die Arbeitsbedingungen in den Minen sind teilweise menschenunwürdig, Sicherheitsstandards werden ignoriert und die lokale Bevölkerung kann unter Umweltverschmutzung leiden.
Prinzipien der Kreislaufwirtschaft könnten Europa helfen, die Abhängigkeit von Importen zu verringern.
Wie abhängig ist Europa denn von Ländern wie China, Chile oder der Demokratischen Republik Kongo?
Bettin: Europa ist stark von Rohstoffimporten abhängig, insbesondere von den aufgezählten Ländern. Diese Abhängigkeit wird nicht einfach verschwinden, weil es wirtschaftlich kaum machbar ist, den Abbau in Europa auszuweiten. Hier sind die Kosten für Löhne und Energie allerdings deutlich höher. Die Konzentration auf wenige Länder ist aber nicht nur auf das Thema Abbau begrenzt. Auch die Veredelung und Weiterarbeitung der Rohstoffe findet hauptsächlich in wenigen Ländern statt. Ein zentraler Grund: die Kosten für Energie und Arbeitskraft, die hierfür benötigt wird. Das heißt: Auch wenn in Europa mehr abgebaut werden würde, könnte die Abhängigkeit im Bereich der Veredelung weiter bestehen bleiben.
Rohstoffe intelligenter abbauen und recyclen
Sollte Europa nicht mehr eigene Rohstoffe abbauen, um Umwelt- und Sozialstandards besser kontrollieren zu können?
Bettin: Rohstoffe sind auf der Erde ungleich verteilt – einige Länder verfügen über große Vorkommen, während andere kaum welche haben. In Europa wurde bereits viel abgebaut, mit natürlich großen Auswirkungen auf die Natur. Auch in Österreich stößt der Bergbau immer wieder auf Widerstand, da viele die Natur und die schönen Berge schützen wollen. Gleichzeitig hinterfragt jedoch kaum jemand, woher und zu welchem Preis die Rohstoffe für unsere alltäglichen Geräte tatsächlich kommen.
Die Begehrlichkeiten der USA gegenüber Kanada und Grönland zeigen, dass es letztlich um Ressourcen geht.
Welche Ansätze gibt es, um die Rohstoffabhängigkeit zu verringern und Ressourcen nachhaltiger zu nutzen?
Bettin: Zum Beispiel auf der Nachfrage-Seite: Themen wie Recycling, Digital Product Passes oder die Wiederverwendung bereits geförderter Materialien spielen dabei eine Rolle. Die Idee, Rohstoffe im Kreislauf zu halten, klingt vielversprechend und ist ein sinnvolles Ziel. Allerdings fehlen derzeit vielerorts die notwendigen Strukturen und Kenntnisse, um dies in großem Umfang umzusetzen. Gleichzeitig gibt es Forschung zu effizienteren Methoden im Bergbau, etwa durch energiesparende Verfahren oder den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Identifikation neuer Rohstoffvorkommen – beispielsweise mithilfe von Satelliten und Erdbeobachtungstechnologien. In unserer aktuellen Studie haben wir eine Vielzahl solcher Ansätze betrachtet.
USA wollen Ressourcen durch Machtpolitik
Verdeutlichen aktuelle US-Äußerungen zu Grönland und der Ukraine eine neue Dringlichkeit in der Rohstoffpolitik – oder nur eine noch offenere Machtdemonstration unter Trump 2.0?
Bettin: Neu ist dieses Muster nicht. Doch heute geschieht es noch unverhohlener, insbesondere in der Ukraine – mit all den offensichtlichen Gräueltaten und dem menschlichen Leid. Auch das Gerede über Kanada als „51. Bundesstaat“ oder die Begehrlichkeiten gegenüber Grönland zeigen, dass es letztlich um Ressourcen geht. Diese will man sich nicht mehr primär durch Handel holen, sondern durch Erpressung.
Man könnte sagen, dass manche Erdteile nun etwas erleben, was andere Regionen bereits durchgemacht haben. Die vormals zumindest ansatzweise bestehende regelbasierte Ordnung, an die sich westliche Länder gehalten haben, scheint weiter aufzubrechen. Denken wir an TTIP – ein Versuch, Handelsbarrieren abzubauen, wobei Umwelt- und Verbraucherrechte oft als Hindernisse betrachtet wurden.
Wie kann die EU ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen reduzieren?
Bettin: Die EU könnte ihre institutionellen und Forschungskapazitäten stärken, um effektive Lösungen zu entwickeln. Dazu gehören die Bereitstellung zusätzlicher Ressourcen für Forschung und Innovation sowie die strategische Rohstoffdiplomatie. Zudem könnte die Integration von Prinzipien der Kreislaufwirtschaft helfen, die Abhängigkeit zu verringern.
Apropos Forschung. Was sind die wesentlichen Ergebnisse der Forschung zu kritischen Rohstoffen?
Bettin: Die EU-Forschung konzentriert sich besonders auf Materialien, die in Schlüsseltechnologien wie Lithium-Ionen-Batterien und Katalysatoren verwendet werden. Allerdings erhielten andere kritische Rohstoffe im betrachteten Zeitraum nur wenig EU-Finanzierung.
Auf einen Blick
Steffen Bettin ist Volkswirt und Sozialwissenschaftler mit Themenschwerpunkt institutionelle und evolutionäre Politische Ökonomik und seit 2018 am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt.In einem Dossier mit dem Titel „Innovation für kritische Rohstoffe“ nimmt er Europas Abhängigkeit beim Abbau kritischer Rohstoffe wie Lithium unter die Lupe.



