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Molekulare MedizinInnovation

Welche Folgen die US-Entscheidung für die mRNA-Forschung hat

Die Entscheidung der US-Regierung, die staatliche Förderung von mRNA-Impfstoffen zu beenden, hat international für Aufmerksamkeit gesorgt. Wissenschaftler:innen wie der Virologe Florian Krammer warnen vor Rückschritten in der Impfstoff- und Krebstherapieforschung. Dieses FAQ beleuchtet die wissenschaftlichen Grundlagen der mRNA-Technologie, ihren aktuellen Einsatz sowie die möglichen globalen Auswirkungen des US-Beschlusses.

11.08.2025
Illustration eines DNA-Strangs
mRNA-Impfstoffe bergen ein enormes medizinisches Potenzial.

Am 6. August 2025 gab US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. bekannt, dass die staatliche Unterstützung für die Erforschung und Entwicklung von mRNA-Impfstoffen eingestellt wird. Rund 500 Millionen US-Dollar an Fördermitteln werden gestrichen oder in andere Projekte umgeleitet. Als Begründung wird angeführt, mRNA-Impfstoffe böten keinen verlässlichen Schutz vor Infektionen – eine Einschätzung, die in der Fachwelt auf deutliche Kritik stößt.

Der Infektionsmediziner Florian Krammer, der an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York sowie an der MedUni Wien forscht, widerspricht dieser Darstellung entschieden: „Es stimmt zwar, dass injizierte Impfstoffe gegen respiratorische Viren keine optimale Immunantwort in den oberen Atemwegen auslösen, aber das trifft auf alle Arten von Impfstoffen zu, die intramuskulär injiziert werden.“ Er warnt zudem, dass die Kürzungen nicht nur klassische Impfstoffprojekte betreffen, sondern auch die Weiterentwicklung der mRNA-Technologie sowie vielversprechende Ansätze in der Krebstherapie gefährden.

Dieses FAQ bietet einen wissenschaftlich fundierten Überblick zu Funktionsweise, Vorteilen und Grenzen von mRNA-Impfstoffen und ordnet die möglichen Konsequenzen der US-Entscheidung für Forschung, Entwicklung und Pandemievorsorge ein.

Was sind mRNA‑Impfstoffe und wie unterscheiden sie sich von herkömmlichen Impfstoffen?

Die Idee von mRNA-basierten Impfstoffen reicht über 30 Jahre zurück. Doch erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten konnten entscheidende wissenschaftliche Durchbrüche und technologische Fortschritte die anfänglichen Hürden überwinden, die eine breite Anwendung dieser Impfstofftechnologie lange Zeit bremsten. Mit der rasanten Entwicklung der COVID-19-Impfstoffe auf Basis von nukleosidmodifizierter mRNA zeigte sich eindrucksvoll, wie schnell und flexibel diese Plattform einsetzbar ist. Sie erwies sich nicht nur als sicher und effektiv, sondern lässt sich auch in großem Maßstab produzieren.
Was mRNA-Impfstoffe von herkömmlichen Vakzinen unterscheidet ist, dass sie keine abgeschwächten Erreger, inaktivierten Erreger oder Proteinantigen enthalten, sondern messenger‑RNA, die den Körperzellen die Bauanleitung für ein virales Protein liefert. Die Zellen produzieren daraus das Antigen selbst, woraufhin das Immunsystem eine Reaktion entfaltet. Die mRNA gelangt dabei nicht in den Zellkern und verändert nicht das Erbgut. Diese Technologie gehört zu den genetischen (nicht gentherapeutischen) Impfstoffen und führt zu sowohl humoraler als auch zellulärer Immunität.

Welche Vorteile und Grenzen hat die mRNA‑Technologie?

Ein großer Vorteil ist die rasche Anpassung: mRNA-Impfstoffe lassen sich sehr schnell ändern und produzieren, etwa bei neuen Virusvarianten. Die Produktion ist zellfrei und unkomplizierter als bei klassischen Impfstoffen, außerdem werden andere Problem die bei herkömmlichen Impfstoffplattformen auftreten können, etwa Rückmutation oder Vektorimmunität, vermieden. Weiters ermöglicht die Plattform personalisierte Anwendungen, etwa bei Krebs oder genetischen Erkrankungen.
Im Bereich HIV, Malaria, Tuberkulose bestehen große Herausforderungen, etwa wegen hoher Mutationsrate, und konkrete Impfstoffe sind noch nicht zugelassen. Es handelt sich also nicht um ein Allheilmittel: Für manche Krankheiten wie HIV braucht es komplexes Antigendesign und zusätzliche Therapiekonzepte.

Für welche Krankheiten werden mRNA‑Impfstoffe aktuell eingesetzt?

Aktuell sind mRNA-Impfstoffe gegen COVID‑19 und RSV (Respiratorischen Synzytialvirus) in der Anwendung: Comirnaty von Biontech/Pfizer und Spikevax, der Impfstoff von Moderna, nutzen modifizierte mRNA und sind in der EU und weltweit zugelassen. Das Vakzin mResvia von Moderna soll vor Infektionen mit dem RS-Virus schützen.Japan verwendet einen weiteren RNA-basierenden COVID-19 Impfstoff. In den USA wurde zudem ein weiterer mRNA Impfstoff gegen COVID-19 von Moderna zugelassen. Er nennt sich mNEXSPIKE.

Darüber hinaus wird die Plattform auch für potenzielle Impfstoffe gegen Influenza, HIV, Hepatitis B, Malaria und Krebs erforscht. Klinische Studien zu Krebsimpfungen – etwa personalisierte mRNA gegen metastasiertes Melanom – laufen, diese Impfungen sind aber derzeit noch nicht zugelassen. Auch mRNA-Impfstoffe gegen Vogelgrippe (H5N1) befinden sich in Entwicklung, allerdings bisher ohne Zulassung.

Welche Nebenwirkungen und Risiken sind bekannt?

Bekannte Nebenwirkungen sind lokale Reaktionen an der Einstichstelle (Schmerz, Rötung, Schwellung) sowie systemische Symptome wie Fieber, Kopfschmerz, Müdigkeit, Muskel- oder Gelenkschmerzen – meist mild bis moderat und kurzfristig. Sehr seltene Risiken wie Myokarditis oder Perikarditis (Herzmuskel‑ bzw. Herzbeutelentzündung) sind dokumentiert, insbesondere bei jüngeren Männern, jedoch ohne langfristige Schäden. Große Studien zeigen kein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle, Herzinfarkte oder andere vaskuläre Komplikationen innerhalb von 28 Tagen nach Impfung. Allergische Reaktionen treten selten auf – etwa bei Personen mit schwerer Allergiegeschichte – und werden im Rahmen von Impfkampagnen intensiv überwacht.

Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für oder gegen die Wirksamkeit von mRNA-Impfstoffen?

Das deutsche Robert Koch-Institut bestätigt, dass die mRNA-Impfstoffe Comirnaty (Biontech/Pfizer) und Spikevax (Moderna) einen zuverlässigen Schutz vor schweren COVID‑19-Verläufen bieten – dieser Schutz hält mindestens zwölf Monate an, selbst gegenüber Omikron-Varianten. Die Wirksamkeit gegen symptomlose oder milde Infektionen ist zu Beginn moderat bis gering und nimmt mit der Zeit deutlich ab. Weltweite Daten – etwa aus Israel – zeigen eine Reduktion symptomatischer Erkrankungen um etwa 94 Prozent, schwere Verläufe um 87 Prozent und Todesfälle sind stark zurückgegangen. Es liegen auch Daten zur hybriden Immunität vor: Wer sowohl geimpft als auch infiziert war, bleibt über Monate gut geschützt.

Was hat das US-Gesundheitsministerium kürzlich entschieden und warum?

In den USA wird die translationale Impfstoffentwicklung gegen Atemwegserreger wie das Influenzavirus oder SARS-CoV-2 bislang maßgeblich von der Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) gefördert – einer Behörde unter dem Dach des US-Gesundheitsministeriums (HHS). Am 6. August 2025 verkündete US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. das Aus für die staatliche Förderung von mRNA-Impfstoffen durch BARDA. Fördermittel in Höhe von rund 500 Millionen US-Dollar wurden entweder gestrichen oder in andere Projekte umgeschichtet.

Zur Begründung hieß es unter anderem, mRNA-Impfstoffe böten keinen verlässlichen Schutz vor Infektionen – schon eine einzelne Mutation könne ausreichen, um ihre Wirksamkeit deutlich zu beeinträchtigen. Eine Einschätzung, die in der Fachwelt auf deutliche Kritik stößt. Für den Infektionsmediziner Florian Krammer ist diese Argumentation wissenschaftlich nicht haltbar: „Es stimmt zwar, dass injizierte Impfstoffe gegen respiratorische Viren keine optimale Immunantwort in den oberen Atemwegen auslösen, und vor allem vor symptomatischen Infektionen aber weniger vor Infektionen per se schützen. Das trifft allerdings auf alle Arten von Impfstoffen zu, die intramuskulär injiziert werden“, sagt Krammer und betont, dass mRNA-Impfstoffe sehr wohl Schutz bieten – auch bei sich verändernden Erregern: „Weiters schützen mRNA-Impfstoffe auch, wenn Viren mutieren, und es braucht, etwa bei SARS-CoV-2, eine größere Anzahl an Mutationen, damit es zu negativen Auswirkungen auf den Impfschutz kommt.“

Kritisch sieht der Virologe zudem, dass nicht nur klassische Impfstoffprojekte gestoppt wurden, sondern auch Programme, die auf die Weiterentwicklung der mRNA-Technologie abzielten. „Wichtig ist es auch zu erwähnen, dass Projekte terminiert wurden, welche die Weiterentwicklung der Technologie zum Ziel hatten. Weiters wurde auch zumindest ein Projekt terminiert, bei dem es um die Entwicklung von therapeutischer RNA ging, die auf konservierte Teile von Viren abzielt.“ Damit, so Krammer, könnten wichtige Innovationen ausgebremst werden, die über den Schutz vor aktuellen Erregern hinausreichen.

Inwiefern hat die US-Entscheidung Auswirkungen auf die Forschung und Entwicklung in Europa oder Österreich?

Für den Virologen Florian Krammer, der an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York sowie an der MedUni Wien forscht, hat der US-Beschluss weitreichende Konsequenzen: „Die Entscheidung hat relativ weite Auswirkung, da Förderungen für die Weiterentwicklung der Technologie ausfallen. Das wirkt sich nicht nur auf die spezifischen Projekte aus, sondern auch auf Projekte, die etwa an mRNA-basierenden Krebsimpfstoffen arbeiten – die Technologien sind ja nicht unabhängig voneinander. Und es sind die gleichen Firmen und Universitäten, die an diesen Dingen arbeiten. Und weniger Investitionen heißt dann eben weniger Innovationen.“
Krammer warnt damit vor einem Innovationsstau: Die gekürzten Mittel gefährden nicht nur Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten, sondern auch vielversprechende Ansätze in der Krebstherapie – denn beide Bereiche greifen auf dieselben technologischen Grundlagen und Akteure zurück.

Werden mRNA-Impfstoffe weiterentwickelt – und für welche Krankheiten?

Erste Nicht‑COVID-mRNA-Impfstoffe sind bereits zugelassen: zum Beispiel mResvia, ein mRNA-Impfstoff gegen das Respiratorische Synzytial‑Virus (RSV) bei Senioren – EU‑Zulassung erfolgte im August 2024. Zahlreiche mRNA-Impfstoffe in klinischer Entwicklung gegen Krebs, HIV, Malaria, Influenza und Hepatitis B.
Einen Überblick zum aktuellen Stand sowie den Perspektiven von mRNA-Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten bietet u.a. die Publikation „mRNA vaccines for infectious diseases – advances, challenges and opportunities“ von Norbert Pardi und Florian Krammer.

Welche alternativen Impfstoffplattformen gegen COVID-19 gibt es und wie unterscheiden sie sich von mRNA?

Neben mRNA-Impfstoffen gibt es vor allem zwei weitere wichtige Impfstofftypen: nicht-replizierende Vektorimpfstoffe (wie jene von AstraZeneca oder Johnson & Johnson) und proteinbasierte Impfstoffe (etwa Nuvaxovid/Novavax).
Vektorimpfstoffe schleusen genetisches Material – genauer gesagt virale DNA – mithilfe von  Adenoviren in den Körper ein. Diese DNA enthält den Bauplan für das Spike-Protein des Virus, das dann vom Körper selbst produziert wird, um eine Immunantwort auszulösen.
Proteinbasierte Impfstoffe hingegen enthalten das Spike-Protein bereits in fertiger Form. Es wird direkt injiziert – meist gemeinsam mit sogenannten Adjuvanzien, die die Immunreaktion verstärken.

Im Vergleich zur mRNA-Technologie gelten beide Plattformen als weniger flexibel und langsamer, wenn es darum geht, Impfstoffe an neue Virusvarianten anzupassen. Besonders proteinbasierte Impfstoffe benötigen längere Produktionszeiten. Manche dieser Impfstoffe können auch inaktivierte Viruspartikel enthalten, die sich im Körper nicht mehr vermehren können.

Was bedeutet die US-Entscheidung für bestehende mRNA-Impfungen, die bereits zugelassen und im Einsatz sind?

Virologe Florian Krammer warnt davor, die Folgen der gestrichenen Fördermittel zu unterschätzen. Zwar seien unmittelbar keine Engpässe zu befürchten, doch auf lange Sicht könnten finanzielle Probleme bei Herstellern auftreten, wenn Investitionen ausbleiben. Krammer: „Kurzfristig sind hier keine Änderungen und Probleme zu erwarten. Allerdings könnten Hersteller durch das Ausbleiben von weiteren Investitionen finanzielle Probleme bekommen, was langfristig dazu führen könnte, dass auch schon zugelassene Impfstoffe nicht mehr verfügbar sind.“ Kritisch sieht er die Signalwirkung für die Biotechnologie-Branche: „Grundsätzlich ist aber anzunehmen, dass der ‚Appetit’ von Biotechfirmen im Bereich mRNA-Technologie, Innovationen zu leisten, abnimmt. Was dann zu weniger Entwicklung und Zulassungen von neuen Impfstoffen und Therapien führt.“ Auch im Hinblick auf die Pandemievorsorge sei die Entwicklung problematisch, so Krammer: „Für die Vorbereitung auf zukünftige Pandemien wäre es jedenfalls schlecht, wenn weniger Produktionskapazität für mRNA-Impfstoffe zur Verfügung steht.“