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Wahrnehmung in Kunst und Wissenschaft

Spannende Begegnungen von Natur- und Geisteswissenschaften in der Öffentlichen Gesamtsitzung der ÖAW

09.03.2015

„Wenn Schönheit unbewusst auch Nützlichkeit signalisiert, dann hat das Einfluss auf die Evolution, weil damit Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster festgelegt werden, etwa in der Partnerwahl“: Wie sich Fragen der Ästhetik mit jenen biologischer Entwicklung kreuzen könne, zeigte schon der Biologie Friedrich G. Barth in seinem, als Spurensuche in der Malerei angelegten Vortrag im Rahmen der Öffentlichen Gesamtsitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Diese präsentierte am Freitag, dem 6. März, spannende Begegnungen von Natur- und Geisteswissenschaften unter dem Thema „Wahrnehmung in Kunst und Wissenschaft.

Barth, wirkliches Mitglied der ÖAW und seit 1987 Professor an der Universität Wien, arbeitete die Kardinalseigenschaften des Wahrnehmungsprozesses heraus. Er ist zunächst sehr selektiv: „Wir nehmen wahr, was biologisch wichtig ist“. Was wir etwa als Licht erleben, ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem Spektrum elektromagnetischer Wellen. Und er ist ein aktiver Prozess: er arbeitet mit dem Erfahrungsschatz der Vergangenheit. „Identische Reize können auf Basis unterschiedlicher sensorischer Vorgeschichte zu völlig diversen Wahrnehmungen führen“.  Die Wahrnehmung von Kunst, so Barth, ist daher in hohem Maß auch Selbsterfahrung.

Bernhard Leitner, em. Professor für medienüberschreitende Kunst an der Universität für angewandte Kunst und von ÖAW-Präsident Anton Zeilinger als Pionier der Klangkunst vorgestellt, stellte seine grundlegenden Forschungen zum „Hören und Messen von Tonräumen“ aus den 1970er bis 1990er Jahren vor, die sich heute als Installationen materialisiert in Museen und Wissenschaftseinrichtungen rund um die Welt finden. Sie gehen von einer neuen, tonalen Idee von der Wahrnehmung des Raums aus. In diesem Tonraum werden wir Menschen akustisch über den ganzen Körper adressiert. Das Hören geht über den Körper.

Birgit Wagner schließlich, korrespondierendes Mitglied der ÖAW und Romanistin an der Universität Wien, näherte sich der Geschichte der Wahrnehmung über die Geschichte des Films. Sie zitierte eingangs Maxim Gorkis eindrucksvolle Beschreibung des verstörenden Erlebnisses eines auf das Publikum zu rasenden Zuges in der legendären Filmvorführung der Brüder Lumière anno 1896. Dabei, so Wagner, gäbe es im Film ja gar keine bewegten Bilder, wir erlebten  nur die Illusion der Bewegung, Durch die Überrumpelung unserer Sinneswahrnehmung werde Medienwirklichkeit konstruiert, so der Medientheoretiker Frank Hartmann. Im Lauf der Filmgeschichte hat sich diese Medienwirklichkeit dann immer mehr der realen Wahrnehmung  angenähert: durch den Tonfilm, dann den Farbfilm, schließlich durch computergenerierte simulierte Realitäten. Die Wahrnehmung ist immer nur ein Teil unserer Fähigkeit, Bilder zu entziffern, schloss Wagner.