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AuszeichnungenGeschichte & Physik

Von Habsburgermonarchie bis Biophysik: ÖAW vergibt Bader-Preise und Lieben-Preis

Vermessene Rechte, elektrifizierte Macht, selbstorganisierte Zellen: Die Österreichische Akademie der Wissenschaften verleiht drei Preise für Forschungen zu Rechtsgeschichte, Technikgeschichte und Biophysik an Svit Komel, Tijana Rupčić und Edouard Hannezo.

11.05.2026
© ÖAW/Daniel Hinterramskogler

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zeichnet in diesem Jahr den Rechtshistoriker Svit Komel und die Technikhistorikerin Tijana Rupčić mit dem Bader-Preis für die Geschichte der Wissenschaft und Technik aus. Die beiden Forscher:innen untersuchen, wie technische und juristische Praktiken gesellschaftliche Verhältnisse prägen. Mit dem Ignaz L. Lieben-Preis wird der Biophysiker Edouard Hannezo vom Institute of Science and Technology Austria (ISTA) gewürdigt. Er erforscht, wie lebende Gewebe ihre komplexen Formen hervorbringen. Der Bader-Preis ist in diesem Jahr mit jeweils 18.000 Euro pro Preisträger:in, der Lieben-Preis mit 36.000 US-Dollar dotiert.
 

Recht und Vermessung im Habsburger Reich

Der Bader-Preis für die Geschichte der Wissenschaft und Technik geht in diesem Jahr an Svit Komel von der Universität Ljubljana. Ausgezeichnet wird seine Dissertationsschrift „Rule and measure. A history of juridical practices in the age of surveys“, in der er die Abschaffung von Grundlasten und kollektiven Landnutzungsrechten in der Habsburgermonarchie zwischen 1853 und 1895 untersucht.

Komel zeigt, wie die Grundentlastung, also die Auflösung gemeinschaftlicher Rechte von Bauern an Wäldern und Weiden, nicht nur ein agrarpolitischer Einschnitt war, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden Veränderung im Verhältnis zwischen Staat, Wissenschaft und lokaler Gesellschaft. Im Zentrum seiner Analyse steht das Konzept der Vermessung: Kommissare wurden in alle Winkel der Monarchie entsandt, um Gewohnheitsrechte zu erfassen und neu zu kategorisieren – ein Prozess, der auf das Wissen der bäuerlichen Bevölkerung zwingend angewiesen war.

Elektrifizierung als Machtinstrument im sozialistischen Jugoslawien

Ebenfalls mit dem Bader-Preis ausgezeichnet wird Tijana Rupčić für ihre Dissertation „Powering Connections. Electric Infrastructure in Socialist Yugoslavia 1945–1991“, abgeschlossen an der Central European University.

Rupčić analysiert die politische und ideologische Dimension elektrischer Infrastruktur im sozialistischen Jugoslawien. Ihre Studie zeigt, dass Stromleitungen und Wasserkraftwerke weit mehr waren als technische Modernisierungsprojekte: Sie dienten als strategische Instrumente zur Festigung staatlicher Autorität, zur Positionierung Jugoslawiens zwischen Ost und West im Kalten Krieg und zur Teilnahme an internationaler Kooperation – insbesondere innerhalb der Bewegung der Blockfreien Staaten. Gleichzeitig verdeutlicht die Arbeit, wie Infrastrukturausbau wirtschaftliche Ungleichheiten innerhalb der Föderation verschärfte.

Physik lebender Gewebe

Den Ignaz L. Lieben-Preis 2025 erhält Edouard Hannezo vom ISTA in Klosterneuburg. Ausgezeichnet wird er für seine interdisziplinären Forschungsleistungen an der Schnittstelle von theoretischer Physik und Biologie, insbesondere für seine Beiträge zum Verständnis kollektiver Zellbewegungen und der Entstehung komplexer Gewebestrukturen.

Mit mathematischen und computergestützten Modellen untersucht Hannezo die physikalischen Prinzipien der Morphogenese, also der Selbstorganisation von Zellen zu Organen und Embryonen. Ein zentrales Thema ist das Zusammenspiel mechanischer Kräfte und biochemischer Signale: Seine Gruppe konnte zeigen, dass chemische Reaktionen durch mechanische Energie einer Vielzahl biologischer Phänomene zugrunde liegt – von Signalwellen in Epithelgeweben bis hin zu Verzweigungsmustern in Drüsen und Nieren. Dabei arbeitet Hannezo stets eng mit experimentellen Gruppen zusammen und kombiniert physikalische Modellierung mit quantitativer Bildgebung und Genomik.

Über die Preisstifter:innen

Der Ignaz L. Lieben-Preis der ÖAW wurde im Jahr 1863 gestiftet und ist nach den Gründern des Bankhauses Lieben benannt. Zu den prominenten Preisträger:innen zählen bedeutende Wissenschaftspersönlichkeiten wie die Physikerinnen Marietta Blau und Lise Meitner sowie die späteren Nobelpreisträger Viktor Hess und Otto Loewi.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938 wurde die Preisvergabe eingestellt. Die Familie Lieben wurde enteignet und vertrieben. Heinrich Lieben, der im Jahr 1937 den letzten Stifterbrief unterzeichnet hatte, wurde im Jahr 1945 im Konzentrationslager Buchenwald von den Nationalsozialisten ermordet.

Der Chemiker und Kunstmäzen Alfred Bader, geboren 1924 in Wien, sah sich 1938 aufgrund der nationalsozialistischen Herrschaft gezwungen, im Rahmen eines Kindertransports nach England zu fliehen. In Kooperation mit seiner Frau Isabel Bader initiierte er die Wiederaufnahme der Preisvergabe. Seit 2004 wird der Ignaz L. Lieben-Preis wieder regelmäßig verliehen – dank ihres großzügigen Engagements. Die Finanzierung der Preise wird von der Stiftung Bader Philanthropies im Auftrag des Stifters weitergeführt.

Die Preisträger:innen

 

Auf einen Blick

Preise der ÖAW