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Iran und IsraelAtomwaffen

Vom Uran zur Atomwaffe: Irans nukleare Ambitionen im Faktencheck

Israel begründet den jüngsten Angriff auf den Iran damit, dass man den Bau einer Atombombe stoppen wolle. Nuklearforscher Georg Steinhauser klärt über das waffenfähige Element Uran auf, über technische Hürden beim Bombenbau und warum die Angst vor einem zweiten Tschernobyl unbegründet ist.

18.06.2025
Wie nahe der Iran einer Atombombe ist, bespricht Georg Steinhauser im Interview.
© Adobe Stock

Nach dem israelischen Angriff auf den Iran ist wieder von einer möglichen nuklearen Eskalation im Nahen Osten die Rede. Denn der Iran reichert schon seit geraumer Zeit Uran an – das Element, aus dem Atomwaffen gebaut werden können. Doch wie weit ist das Land bei der Urananreicherung tatsächlich? Wie nah ist Iran an der Atombombe? Was hat Israels Angriff bewirkt? Welche Rolle spielt die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in diesem geopolitischen Konflikt? Und was passiert, wenn eine Uran-Anreicherungsanlage im Konflikt getroffen wird?

Der Nuklearforscher Georg Steinhauser gibt im Interview einen Überblick: über die chemischen und politischen Hintergründe von Urananreicherung, über technische Grenzen, diplomatische Spielräume – und warum die große atomare Katastrophe in diesem Fall (noch) ausbleiben dürfte.

Was ist denn überhaupt Uran?

Georg Steinhauser: Uran ist ein natürlich vorkommendes Element, das im Wesentlichen aus zwei verschiedenen Isotopen besteht: dem Uran-235 und dem Uran-238. Uran-238 hat drei Neutronen mehr im Kern und ist deswegen ein bisschen schwerer. 

Was versteht man unter Urananreicherung?

Steinhauser: Das wertvolle Uran ist das Seltenere: Denn im natürlichen Uran kommt das Uran-235 nur zu 0,72 Prozent vor. Folglich sind mehr als 99 Prozent das wertlose Uran-238. Für verschiedenste Zwecke braucht es eine höhere Konzentration von Uran-235. Also muss der Gehalt an spaltbaren Uran-Isotopen angereicht werden. In einer Anreicherungsanlage werden dafür gasförmige Uranverbindungen zentrifugiert – sie werden also mit einer Zentrifuge nach ihrer Dichte getrennt, das leichtere Isotop wird vom schwereren separiert.

Für eine Atombombe braucht man eine über 90-prozentigen Anreicherung.

Für Uran, das in einem Atomkraftwerk zum Einsatz kommen kann, muss das natürliche Uran von knapp einem Prozent auf drei bis fünf Prozent angereichert werden. Und für andere Zwecke wird Uran in höherer Anreicherung benötigt. Zum Beispiel werden für einen Forschungsreaktor knapp 20 Prozent benötigt. Und bei 20 Prozent ist eine magische Grenze: Ab dann gilt nämlich das angereicherte Uran nicht mehr als niedrig angereichertes Uran, sondern als hoch angereichertes Uran. Weil es ab dann auch in die gefährliche Richtung geht, nämlich im Hinblick auf den Einsatz von Atomwaffen. 

Ein Spiel mit dem Feuer

Welchen Anreicherungsgrad braucht Uran, um damit eine Atombombe bauen zu können?

Steinhauser: Für eine Atombombe braucht man eine über 90-prozentigen Anreicherung. Und obwohl der Iran erst 60 Prozent angereichert hat, ist Israel schon jetzt nervös. Der Grund: Wenn man von Natur-Uran mit nur sehr geringem Uran-235-Gehalt ausgeht, dann braucht es zwar viele, viele Wiederholungen und Zentrifugen bis man schön langsam den Gehalt an Uran-235 erhöht und steigert. Aber je höher der Anreicherungsgrad dann erst einmal ist, desto weniger aufwendiger wird es, ihn weiter zu steigern. Der Aufwand wird zu einem Katzensprung. Von 60 auf 90 Prozent Anreicherungsgrad – das kann man in wenigen Wochen erreichen.

Wenn der Iran so viel hoch angereichertes Uran gelagert hat, ist das natürlich eine Provokation und ein Spiel mit dem Feuer.

Zielt der Iran auf den Bau von Atomwaffen ab?

Steinhauser: Für so hoch angereichertes Uran gibt es so gut wie keine zivile Nutzung mehr. Das bedeutet, wenn der Iran so viel hoch angereichertes Uran gelagert hat, ist das natürlich eine Provokation und ein Spiel mit dem Feuer. Weil man weiß, dass es mit diesem Lager nur noch ein kurzer Weg zu einem bombenfähigen Material zurückzulegen ist. Das bedeutet aber nicht, dass man mit einer ausreichenden Menge an hochangereichertem, waffenfähigem Uran auch gleich eine Bombe hat.

Der steinige Weg zur Atombombe

Wie weit ist der Weg bis zur Atomwaffe?

Steinhauser: Der Anreicherungsvorgang von 60-prozentigem Uran auf waffenfähiges Uran beziffert sich wahrscheinlich am ehesten in Wochen. Aber was es darüber hinaus noch zur Atomwaffe bedarf, ist sehr schwer zu beziffern. Es ist jedenfalls immer noch ein steiniger Weg. Zwar ist die erste große Hürde geschafft, wenn man das waffenfähige Uran hat, und es ist ein Riesenschritt in die Richtung, aber es ist bei weitem nicht der letzte Schritt. Es sind noch einige technische Hürden zu überwinden, die zu einem guten Teil auch experimentell überwunden werden müssen. Das heißt, man muss Erfahrung sammeln mit dem Material. Das ist ein Weg, der sich sicher über Monate, wenn nicht noch Jahre erstreckt.

Das ist ein Weg, der sich sicher über Monate, wenn nicht noch Jahre erstreckt.

Wie kann die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) agieren?

Steinhauser: Sie kann versuchen, zu deeskalieren – auf diplomatischem Weg. Die IAEA verurteilt natürlich den Angriff Israels – ein Angriff auf eine Nuklearanlage ist natürlich immer problematisch. In Zeiten des Iran-Deals unter dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama hat sich der Iran sehr kooperativ gezeigt, er hat alle Inspektoren ins Land gelassen, hat seine ganzen Anlagen deklariert und offengelegt. Das war eine sehr gute Sache. Mit dem Ausstieg aus dem Iran-Deal durch Präsident Donald Trump hat sich der Iran dann auch nicht mehr an das Abkommen gebunden gefühlt. 

Mit wie viel Sorge beobachten Sie denn als Nuklearforscher die Lage aktuell?

Steinhauser: Natürlich schon mit Sorge, das ist keine Frage. Aber dass der Iran so knapp vor einer Atombombe steht und dass der Konflikt binnen kürzester Zeit nuklear eskalieren könnte, glaube ich nicht. Da ist der Iran noch nicht so weit. In der konventionellen Kriegsführung sieht man auch, dass Israel dem Iran haushoch überlegen ist. Es kommt ja natürlich auch noch dazu, welches „Delivery System“ man für eine Atombombe andenkt, also wie man sie ins Ziel befördern will: Soll das eine ballistische Rakete sein? Das braucht viel Entwicklungsarbeit. Das ist ein Szenario, von dem ich mir im Augenblick nicht gut vorstellen kann, dass der Iran eine Methode hat, eine Waffe ins Ziel zu lenken. Trotzdem wird die Frontlage immer unversöhnlicher.

Nach diesem Angriff Israels auf den Iran wird die Rückkehr an den Verhandlungstisch schwieriger.

Nach diesem Angriff Israels auf den Iran wird die Rückkehr an den Verhandlungstisch schwieriger. Was Israel mit seinem Angriff jetzt geschafft hat, ist, die nuklearen Vorhaben des Irans zu verlangsamen. Aber wenn der Iran auf lange Sicht Atomwaffen bauen will, wird es niemand schaffen, ihn davon abzuhalten. Ich denke, Israel spekuliert jetzt eher auf einen Regimewechsel, auf einen Aufstand der Bevölkerung, auf einen Umsturz. Aber wenn das nicht passiert, dann hat sich der Angriff nicht „gelohnt“, dann hat man sich eher die Rückkehr an den Verhandlungstisch erschwert oder ihn womöglich schon unmöglich gemacht.

Kommt der nächste nukleare Unfall? 

Was passiert, wenn eine Uran-Anreicherungsanlage getroffen wird?

Steinhauser: Viele Leute machen sich Sorgen, dass das quasi ein zweites Tschernobyl, ein zweites Fukushima, ein weiterer Atomunfall in diesem Ausmaß wäre. Ich kann beruhigen, wir sprechen hier von ganz anderen Dimensionen. Das Uran selbst ist fast nicht radioaktiv, es hat so eine lange Halbwertszeit, dass es praktisch nicht zerfällt. Eine Freisetzung aus so einer Anreichungsanlage wäre sicher unangenehm, weil wenn eine Zentrifuge zerstört wird durch einen Treffer, dann wird eine gasförmige Uranverbindung freigesetzt. Die reagiert sehr schnell mit der Luftfeuchtigkeit und führt zu einer lokalen Kontamination. Es ist definitiv nicht der Fall, dass eine radioaktive Wolke über die Welt zieht und wir einen weiteren großen Atomunfall zu befürchten hätten.

 

Auf einen Blick

Georg Steinhauser ist Professor für Angewandte Radiochemie an der Technischen Uni Wien und ist dem TRIGA Center Atominstitut und der Fakultät für Technische Chemie zugeordnet.