





















Welche gesellschaftliche Verantwortung tragen die Wissenschaften? Ist es mit der Schaffung von Grundlagen für das Verständnis unserer Zeit und Vergangenheit und für den Fortschritt getan? Oder haben Wissenschaftler nicht geradezu die Pflicht, mit ihrem Wissen lautstark auf problematische Entwicklungen hinzuweisen und diese zum Besseren zu wenden? An einem bedeutenden historischen Datum stellte sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit ihren hochrangigen Gästen diesen großen Fragen – und fand im Rahmen der Feierlichen Sitzung deutliche Antworten.
Der 8. Mai 1945 besiegelte als Tag der Befreiung das Ende der NS-Herrschaft und damit eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Europas. 70 Jahre später sind zwar viele Seiten dieses Kapitels aufgearbeitet. Doch nicht zuletzt die Rolle der Wissenschaften bei Vertreibungen und Ermordungen unter der NS-Herrschaft und bei der auch nach dem Krieg fortgesetzten Ausgrenzung tausender Intellektueller ist nach wie vor Gegenstand kontroversieller Debatten.
"Wir wissen, dass wir damals unsere Elite aus Österreich verbannten und in die Emigration trieben", hielt Vizekanzler und Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft Reinhold Mitterlehner bei der Feierlichen Sitzung fest. Und gab kritisch zu bedenken: "Hätten Einrichtungen wie die Akademie der Wissenschaften oder die Universitäten nicht generell die Aufgabe, vor irrationalen Dogmen, vor Faschismus und Rassenhass zu bewahren oder zumindest die Gefahren aufzuzeigen?"
Eine Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaften, die auch für die Zeit nach dem Krieg gestellt werden muss. Denn Österreich und sein Wissenschaftsbetrieb verabsäumten es lange, sich nach 1945 um eine Rückkehr der vertriebenen Intelligenz zu bemühen - und auch dann erfolgte dies vielfach nur punktuell und anlassbezogen: Wenn sich Österreich nur für Nobelpreisträger aus der Heimat interessiert, stellte Bundespräsident Heinz Fischer bei der Feierlichen Sitzung der ÖAW zur Debatte, "dann wäre das ein unsinniger und falscher und ungerechter Maßstab."
Gezogene Lehren
Tatsächlich wurde die Lehre aus dem Versäumnis der Wissenschaften, auf gesellschaftliche oder politische Entwicklungen vor, während und nach der NS-Zeit einzuwirken, spät gezogen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten begannen viele Wissenschaftseinrichtungen Österreichs, ihre eigene Geschichte, nicht nur in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, kritisch und umfassend aufzuarbeiten. Ein Unterfangen, das freilich noch keineswegs abgeschlossen ist. "Es ist für die Akademie sehr wichtig, ihre eigene Geschichte zu erforschen", betonte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger bei der Feierlichen Sitzung. Und verwies dabei auf zahlreiche Veranstaltungen, mit denen sich die ÖAW im letzten Jahr dem Ausbruch des Ersten und des Zweiten Weltkriegs widmete sowie auf künftige Aktionen des Gedenkens, wie etwa den geplanten Aufbau eines Online-Gedenkbuchs für die NS-Opfer an der Akademie.
Die Verpflichtung und Bereitschaft zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung dokumentiert die Akademie indes längst nicht nur in Hinblick auf ihre Geschichte. Auch die kritische Auseinandersetzung mit Entwicklungen der Gegenwart, die öffentliche Reflexion der eigenen Forschungsergebnisse und Stellungnahmen zu wissenschaftspolitischen Fragen sind zu einem integralen Bestandteil des Selbstverständnisses der Akademie geworden. So machte Zeilinger klar: "Die ÖAW stellt bewusst ihre Dienste der Öffentlichkeit zur Verfügung".
Neben auf ÖAW-Forschungen basierender und der Öffentlichkeit bereitgestellter Expertise, von Fragen zu islamischer Identität im arabischen Raum über den demografischen Wandel in Europa bis hin zu quantentechnologischen Innovationen, setzt die Akademie konkrete Initiativen im Rahmen der öffentlichen "Science for Policy": So wird beispielsweise das Risikoszenario eines unerwarteten digitalen Stillstandes analysiert, werden europaweite Bürgerinnenforen zu Konsum & Nachhaltigkeit koordiniert und wird in Zusammenarbeit mit dem Parlament ein Projekt zum Thema Industrie 4.0 durchgeführt.
Verantwortung für Forschung und ihre Nützlichkeiten
Bei seiner Festrede "Über die Nützlichkeiten der Universitäten und der Forschung" betonte Gerhard Casper darüber hinaus, dass die Forschung - als Grundlage dieser Expertise - umso größere Nützlichkeiten (sic) aufweist, je freier ihre Rahmenbedingungen sind: „Wir müssen unsere Gesellschaften davon überzeugen, dass sie ohne Investitionen in Institutionen, die eine rigorose Wissenstradition und eine rigorose Wahrheitssuche mit der Freude über Zufallsentdeckungen verbinden, ärmer werden“, so der ehemalige Präsident der Stanford University. Gelingt dies, sind die Wissenschaften in der Lage, ihren Gesellschaften diese Investitionen in Form eines größtmöglichen naturwissenschaftlichen wie geisteswissenschaftlichen Ertrags zurückgeben - und damit jene Verantwortung in und für die Öffentlichkeit zu tragen, zu der sie sich nicht zuletzt angesichts der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts verpflichtet haben.