Buddhismus prägt seit langem das Leben am Dach der Welt. Seine Attraktivität verdankt er umfassender Spiritualität wie auch großer Anpassungsfähigkeit. ÖAW-Forschung leistet einen international höchst anerkannten Beitrag zum ideellen Fundament der vom Buddhismus getragenen Gesellschaften.
Tibet und der Dalai Lama sind in Österreich beliebt. Dazu mögen sicherlich das freundliche Auftreten des Oberhaupts des tibetischen Buddhismus und seine innige Freundschaft mit dem Kärntner Bergsteiger und Buchautor Heinrich Harrer (1912–2006) beigetragen haben. Ebenso wecken traditionelle tibetische Heilmethoden sowie der Buddhismus als friedliebende Religion positive Assoziationen. Solche Zuschreibungen sind aber oft nur in idealisierten Vorstellungen begründet, die losgelöst wenig mit der historisch-kulturellen Realität buddhistisch geprägter Gesellschaften zu tun haben.
Dass es heute in Österreich einen fundierten Zugang zur indo-tibetischen Geistesgeschichte gibt, ist vor allem Erich Frauwallner (1898–1974) und seinem Schüler Ernst Steinkellner, den Begründern der Buddhismuskunde und Tibetologie hierzulande, zu verdanken. Auf seinem Wirken baut das heute von Vincent Eltschinger geleitete ÖAW-Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens (IKGA) auf. Die reiche Tradition des Buddhismus, und wie er sich in Tibet weiterentwickelt hat, ist neben der indologischen und japanologischen Forschung einer der Forschungsschwerpunkte am Institut. Das Besondere an dieser Tradition: Sie steht einerseits mit dem Ursprung des Buddhismus in Indien in Verbindung und stellt andererseits eine wichtige Etappe in der weiteren Ausbreitung der Weltreligion dar. „Die erfolgreiche Verbreitung des Buddhismus bis heute beruht auf seiner kulturellen wie auch politischen Anpassungsfähigkeit. Seine Plastizität ist tatsächlich dogmatisch“, erklärt Vincent Eltschinger, „und erstaunlicherweise kommt seine aktuelle Attraktivität nicht zuletzt daher, dass er nach außen hin oft gar nicht als ‚Religion‘ erscheint.“
Schreiben an einer „global history“
Am IGKA liegt ein wissenschaftlicher Fokus auf jener Zeit, als der Buddhismus im Ursprungsland Indien immer mehr in Bedrängnis kam. Im mittelalterlichen Tibet ab dem 10. Jh. wurde er positiv aufgenommen und entfaltete sich in den folgenden Jahrhunderten zunehmend im engen Austausch von religiösen Autoritäten und politischen Eliten.
Der Konnex zur Politik ist es, der es für Wissenschafter/innen des IKGA interessant macht, sich an einem interdisziplinären Forschungsschwerpunkt zu beteiligen: Bei dem „VISCOM – Visions of Community“ genannten Großprojekt geht es um einen sehr weit gefassten historischen Vergleich religiös motivierter Gemeinschaftsvorstellungen von christlichen, islamischen und buddhistischen, mittelalterliche Gesellschaften in Europa, im Nahen Osten und in Asien (VISCOM-Europa, VISCOM-Südarabien, VISCOM-Tibet).
Den Asienwissenschafter/innen am IKGA stehen primär historische, religiöse Schriftquellen, ergänzt durch einen sozialanthropologischen Zugang in Feldforschung, zur Verfügung. „Wir erforschen indische und tibetische buddhistische Quellen, widmen uns der Philosophie und Erkenntnistheorie. Wir erschließen bislang weitgehend unbearbeitete Quellen aus Schriftarchiven und tibetischen Klöstern. Sie geben Auskunft über Ideengeschichte, Symbolik und Ritual, herausragende Persönlichkeiten und manchmal auch über „soziale Realität“ im alten Indien und mittelalterlichen Tibet . Und wir haben die Ehre – vertraglich mit dem China Tibetology Research Center (CTRC) in Peking geregelt – lange verschollen geglaubte Sanskrit-Handschriften zur buddhistischen Philosophie erstmals erforschen und edieren zu dürfen“, fasst Eltschinger, selbst Indologe und Buddhismuskundler, zusammen. „Bei all unseren Arbeiten versuchen wir, die bislang eurozentrisch-geprägte Geschichtsschreibung hin zu einer integrativen ‚global history‘ zu entwickeln“, so Eltschinger. Auch die Mitarbeit am VISCOM-Projekt sieht der IKGA-Direktor als Chance, diesem Ziel näher zu kommen: Man müsse sich intensiv mit der methodischen Vergleichbarkeit zentraler Begriffe über die Makroregionen hinweg auseinandersetzen. Begriffe wie etwa Volk, Reich, Klan oder auch Kloster, haben global gesehen oft sehr unterschiedliche Konnotationen. „Das zu klären ist aus Sicht der Wissenschaft wichtig. Die Erkenntnisse werden uns aber über die Grenzen der Wissenschaft hinaus ein tieferes Verständnis der tibetischen Kultur ermöglichen und die historische Bedeutung dieses Großraums ins richtige Licht rücken“, so Eltschinger.
Quellenlage
„In Asien, sowohl im hinduistisch wie auch im buddhistisch geprägten Raum, sind wir mit einer dürftigen, oder zumindest sehr einseitigen Quellenlage konfrontiert“, erklärt Eltschinger. Im Vergleich zum europäischen Mittelalter sind Urkunden und Alltagsdokumente nicht erhalten. Religiös-philosophische Texte hingegen und die darin enthaltenen Ideen und Lehren wurden sorgsam in den vielfältigen religiösen Strömungen tradiert, sodass man heute Einblicke in Ritual- und Lehrtexte oder Wunderpredigten aus der indischen Zeit des Buddhismus (ca. 400 v. –1300 n. Chr.) hat. Die überlieferten Texte richteten sich an einen engen Gelehrtenkreis. Dementsprechend „abgehoben“ wirken sie heute. „Wir wissen aber, dass solche Texte später in Tibet auf großes Interesse gestoßen sind und für die Etablierung des Buddhismus auf dem Dach der Welt eine zentrale Rolle gespielt haben“, berichtet Eltschinger.
Die Lehre im Original
Längliche Streifen Birkenrinde, Palmblättern oder Papier, eng beschrieben in Sanskrit, der Sprache der Gelehrten in Indien. Das sind jene buddhistische Handschriften, die ungefähr im 12 Jh. n. Chr. entstanden sind und teilweise bis in das 20. Jh. in tibetischen Klosterbibliotheken überdauert haben. Der Fachwelt war ein Großteil dieser Texte bisher nur in tibetischer oder chinesischer Übersetzung oder gar nicht bekannt. Manche der Manuskripte haben somit den Niedergang des Buddhismus in Indien überdauert. In Tibet ging die größte Gefahr für die wertvollen Dokumente von der Zerstörungswut während der Kulturrevolution aus. Ernst Steinkellner ist es zu verdanken, dass das IKGA die außergewöhnliche Chance hat, diese Zeugnisse der ursprünglichen Lehre in der Originalsprache zu erforschen. „Nach einer ersten rohen Transkription erstellt man eine ‚diplomatisch‘ genannte, Buchstaben getreue Edition. Im nächsten Schritt, in der ‚kritischen‘ Ausgabe, werden Fehler korrigiert und die Texte mit weiteren Quellen in Beziehung gesetzt und kollationiert. In Zukunft sollen unsere Editionen auch im Web verfügbar sein“, beschreibt Eltschinger die Etappen auf dem Weg, die außergewöhnlichen Dokumente weltweit zugänglich zu machen. „Allein vom IKGA allein aber wäre die Aufgabe kaum zu bewältigen: „Seit einiger Zeit schulen wir deshalb eine neue Generation von chinesischen Kollegen – ein spannender und lohnender Beitrag zur ‚global history‘, sowohl inhaltlich als auch methodologisch betrachtet“, freut sich IKGA-Direktor Eltschinger.
VISCOM-Tibet: Klöster und vorbildliche Meister
VISCOM-Südarabien
VISCOM-Europa
Mehr zum gesamten Spezialforschungsbereich VISCOM
Kontakt:
Doz. Dr. Vincent Eltschinger
Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens