Neue genetische Analysen zeigen, wie die slawische Migration Osteuropa veränderte
03.09.2025
Es gibt in historischer Zeit keine Wanderbewegung auf dem europäischen Kontinent, die so nachhaltig und prägend für die spätere Geschichte war wie die slawische, die ab dem 6. Jahrhundert einsetzte. Trotzdem wissen wir über die Ausbreitung der Slawen erstaunlich wenig. Während die Eroberungen germanischer Völker in den Quellen dramatisch geschildert wird, erfahren wir über die Ausbreitung der Slawen fast nichts. Sie haben zunächst keine großen Reiche gegründet, von ihren Anführern hören wir wenig, und auch archäologisch hinterließen sie kaum Spuren: ihre Toten verbrannten sie, ihre Keramik war schlicht, ihre Häuser einfach. Sie kannten weder Schrift noch eine adelige Elite, die Reichtum durch Prunkobjekte sichtbar machte. Wie konnten sie sich dennoch so erfolgreich ausbreiten?
Neue Ergebnisse bringt nun das großangelegte Forschungsprojekt „HistoGenes“, die jetzt im renommierten Fachjournal Nature veröffentlicht wurden. Erstmals wurden genomweite Daten von mehr als 550 Menschen aus dem 6. bis 8. Jahrhundert ausgewertet – aus Ostdeutschland, Polen, der Ukraine, Tschechien, Österreich, Kroatien und Russland.
Gegenmodell zu Eroberung und Imperium
„Es gab kleine, dörfliche Gemeinschaften, die weitgehend autonom waren, aber keine starken Gruppenidentitäten und übergreifende Organisation. Das war ein Gegenmodell zum straff durchorganisierten Römischen Reich“, sagt Walter Pohl Historiker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor am Institut für Geschichte der Universität Wien, der das vom European Research Council finanzierte Großprojekt „HistoGenes“ koordiniert. „Das ursprüngliche Modell, das in der Forschung geherrscht hat, ging von einer systematischen Expansion der Slawen von einer Urheimat aus“, so Pohl. Der Begriff „Expansion“ trifft also nur bedingt zu, enthält er doch die irreführende Vorstellung einer festen Einheit, die sich neue Siedlungsgebiete aneignet.
Waren es gerade diese simplen und flexiblen Strukturen, die in einer Zeit der Umbrüche und Krisen besonders gut geeignet waren, um sich in Europa auszubreiten? „Dieses Modell einer materiell weitgehend anspruchslosen Kultur, die keine sichtbaren Symbole von Status und ethnischer Zugehörigkeit hinterließ, konnte sich offensichtlich auch in schwierigen Zeiten von Klimaverschlechterung und Pestepidemien durchsetzen“, so Pohl. Womöglich waren viele Zeitgenoss:innen unzufrieden mit dem Römischen Reich, das an Glaubwürdigkeit verloren hatte. „Die Abgaben waren hoch, die Hoffnung auf ein gutes Leben konnte offensichtlich in vielen Regionen nicht mehr erfüllt werden“, so Pohl. Die Slawen boten auch eine pragmatische Alternative zum Vorrang einer kriegerischen Führungsschicht bei Goten, Hunnen oder Franken. Abgaben leisteten sie nur, wenn sie von Fremden unterworfen wurden, etwa von den awarischen Reitern.
Veränderte genetische Zusammensetzung der Bevölkerung
Die neuen Analysen zeigen einen tiefgreifenden Bevölkerungswandel: In Regionen wie Ostdeutschland, Polen/Ukraine und dem nördlichen Balkan stammten im 6.–8. Jahrhundert über 80 Prozent der Bevölkerung von Zuwanderern aus Osteuropa ab. Diese Ergebnisse werden durch eine unabhängige Studie aus Südmähren bestätigt, wo 18 Genome untersucht wurden, die mit einem der ersten slawischsprachigen Staaten verbunden sind.
Sie erlauben auch, die Herkunft slawischer Bevölkerungen zu rekonstruieren. Joscha Gretzinger vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie fasst die Ergebnisse zusammen: „Überall, wo ab dem 8. Jahrhundert Slawen bezeugt sind, finden sich ähnliche genetische Spuren. Sie deuten auf eine Herkunft der Zuwanderer aus einem Raum etwa zwischen Baltikum und Westukraine.“
Regionale Unterschiede
In vielen Regionen nördlich der Donau und der Karpaten war im 5. und 6. Jahrhundert die Bevölkerung germanischer Herkunft abgewandert, so dass sich die Slawen ungehindert ausbreiten konnten. Dort lässt sich später eine Bevölkerung nordöstlichen Ursprungs nachweisen. Weiter südlich vermischten sie sich in unterschiedlichem Maß mit der Vorbevölkerung, und ihre einfache Lebensweise setzte sich oft durch. Auch in Ostösterreich finden wir seit dem 8. Jahrhundert verbreitet Spuren der Zuwanderer, aber auch ihrer Verbindungen mit anderen Bevölkerungsgruppen.
„Wir können uns das als Grassroots-Bewegung vorstellen, die in kleineren Gruppen oder kurzfristigen Zusammenschlüssen neue Siedlungsgebiete erschloss, wo sie sich verstreut niederließen. Ihr Erfolg beruhte offenbar auf einer anspruchslosen und nachhaltigen Lebensweise ohne markante Hierarchien“, erklärt ÖAW-Historiker Pohl. Zum Unterschied von den Völkern germanischer Herkunft verlief ihre Ausbreitung nicht in großen Kriegszügen und dramatischen Herrschaftswechseln, weswegen darüber kaum berichtet wurde. Doch führte sie zu einem bleibenden Wandel der Bevölkerung, die auch ihre genetischen Herkunftsmerkmale weitgehend bewahrte.
Auf einen Blick:
Publikation:
Ancient DNA connects large-scale migration with the spread of Slavs. Joscha Gretzinger et al. Nature 2025.
DOI: https://www.nature.com/articles/s41586-025-09437-6
Rückfragehinweis:
Sven Hartwig
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
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Wissenschaftlicher Kontakt:
Walter Pohl
Institut für Mittelalterforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
und Institut für Geschichte Universität Wien
T +43 1 51581-7240
walter.pohl(at)oeaw.ac.at


