Tag 10:
Heute ist das Wetter endlich freundlicher - zum ersten Mal seit unserer Ankunft sehen wir sogar den Horizont. Weit im Süden, in etwa 80 Kilometern Entfernung, liegt Somerset Island, wohin wir am Freitag fliegen und den Boomerang Lake befischen werden. Dazwischen glitzert ein riesiger, von einem grönländischen Gletscher stammender Eisberg mit etwa 400 Metern Durchmesser. Er ist vor zwei Jahren wenige Kilometer vor Resolute Bay in der Nordwestpassage auf Grund gelaufen. Damals landeten wir mit dem Hubschrauber auf dieser "Eisinsel" - heute wird sie von Kollegen von der Carleton University in Ottawa untersucht.
Ist das Wetter gut, glaubt man hier in der Arktis tatsächlich, unendlich weit zu sehen. Die trockene staubfreie Luft und der Mangel an Objekten zum Größenvergleich lassen zugleich alles viel näher erscheinen als es tatsächlich ist. Ein vermeintlich halbstündiger Spaziergang kann sich hier schnell zu einer dreistündigen Wanderung auswachsen.
Fischfang
Heute ist der Small Lake unser Ziel. Während Paul und Karista Wasserproben und Sedimentbohrkerne nehmen, setzen Joeffrey Okalik und ich die Fischnetze. Wir kontrollieren die Netze im Abstand von 15 Minuten, da wir für einen Kollegen auch Muskelproben für RNA-Analysen nehmen sollen. Weil diese Proben am noch lebenden Tier entnommen werden müssen, bringen wir den frischen Fang sofort an Land und legen los.
Auch dieser See ist noch zu etwa 60 Prozent eisbedeckt. Wir haben vorerst also keine Chance, die Temperatursensoren zu bergen. Aber vielleicht geht es ja morgen. Falls nur der Wind dreht...
Rettung in letzter Sekunde
Wie gefährlich Wind hier sein kann, hat Kollege Paul soeben am eigenen Leib erfahren. Als er gerade auf einer an das Ufer gedrückten Eisdecke hochkonzentriert Zuckmücken sammelt, frischt der Wind plötzlich auf. Ohne dass Paul es merkt, setzt sich die Eisdecke in Richtung Seemitte in Bewegung. Nur dank unserem entsetzten Geschrei horcht Paul noch rechtzeitig auf, sprintet über die Eisdecke und landet nach einem Riesensatz im knietiefen Wasser. Wenig später ist das Eis schon 100 Meter vom Ufer entfernt.
Zurück im Labor, sezieren wir die gefangenen Seesaiblinge und frieren die Proben ein.
Nach dem Abendessen habe ich noch eine recht spezielle Aufgabe zu erledigen. Da unser Projektbudget leider nicht jedes Jahr die Reise zum auf Ellesmere Island im nördlichsten Nationalpark der Welt (Quttinirpaaq National Park) gelegenen Lake Hazen, dem zehntgrößten arktischen See, erlaubt, haben uns Nationalpark-Ranger angeboten, Fische für uns zu fangen, zu sezieren und die Proben mit dem Versorgungsflugzeug zu unserer Forschungsstation zu schicken. Dann werden wir sie weiter bearbeiten. Eine für Auge und Nase nicht gerade angenehme Arbeit! Apropos Arbeit! Hier auf über 74° nördlicher Breite geht im Sommer die Sonne nicht unter und wir haben wir 24 Stunden Tageslicht, die wir angesichts unseres knappen Zeitfensters auch nutzen (müssen). Von Nine-to-Five-Job keine Spur - unter 13 Stunden endet hier kein Arbeitstag!
Der „High Arctic“-Blog von Günter Köck:
ÖAW-Gebirgsforscher
Günther Köck forschte in der kanadischen Arktis. Er untersuchte mit
einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Für
die ÖAW berichtete er über den Alltag in Resolute Bay.
Kontakt:
Dr. Günter Köck
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
T +43 1 51581-1271
guenter.koeck(at)oeaw.ac.at