Tag 6:
Frei nach Freddie Frintons´s Dinner for One: “The same procedure as last day!” Auf dem Weg zu unserer arktischen Forschungsstation hält uns ein hartnäckiges Wetterpech seit Tagen im nordkanadischen Iqaluit fest. Auch heute heißt es, am Flughafen der Stadt auf Neuigkeiten zu warten. Es kommt wie befürchtet: Uns wird mitgeteilt, dass der Flug zur Forschungsstation in Resolute Bay wieder abgesagt werden musste. Nächster Startversuch wäre Samstag 9h30. Schön langsam macht sich nun doch Verzweiflung breit!
Zwei Wissenschaftler stornieren postwendend ihren Flug nach Resolute Bay und kehren nach Ottawa zurück. Auch wir wissen, dass das Zeitfenster für unser Forschungsvorhaben immer kleiner wird. Wir kehren wieder ins Hotel zurück und beschließen, eine Wanderung entlang der Küste bis zur längst verlassenen Station der Hudson Bay Company zu machen. Die dortige Frobisher Bay hat mit bis zu elf Metern einen der größten Gezeitenunterschiede weltweit, und jetzt bei Ebbe sind große Teile der Küste trockengefallen. Da der Küstenstreifen sehr sonnenexponiert ist, wachsen hier verblüffend viele Pflanzenarten. Der Weg führt geradezu durch ein Meer aus violetten Blüten des Dwarfed Fireweed (Epilobium latifolium, Arktisches Weideröschen). Dazwischen wiegen sich die weißen Blüten des Large-flowered Wintergreen (Pyrola grandiflora ,Wintergrün) und das gelblühende Yellow Oxytrope (Oyxtrope maydelliana, Spitzkiel) in der leichten Brise. Die weißblühende Prickly Saxifrage (Saxifraga tricuspidata, Steinbrech) bildet richtige Polster. In der Kultur der Inuit haben viele Tundrapflanzen ihren fixen Platz, etwa zu Genusszwecken, als Vitaminquelle, und zu Heilungszwecken.
Wahrung des Wissens
Um das traditionelle Wissen um die Verwendung dieser Pflanzen zu bewahren, laufen hier seit einigen Jahren Projekte, die das breite Wissen der Großelterngeneration sammeln und der Jugend vermitteln. Bekanntlich stellt der Kampf gegen den Verlust traditionellen Wissens nicht nur hier eine Herausforderung dar. In Österreich wurde erst kürzlich – finanziert vom an der ÖAW angesiedelten Nationalkomitee für das UNESCO-Programm „Man and the Biosphere“ – ein Projekt durchgeführt, in dem Wissenschaftler(innen) der BOKU Wien gemeinsam mit Kindern und der älteren Bevölkerung des Großen Walsertals den Erfahrungsschatz über den Gebrauch von Heilpflanzen aufgezeichnet haben.
Tag 7:
Pünktlich um 8:15 finden wir uns am Flughafen von Iqaluit ein. Wieder wird uns mitgeteilt, dass die Wettersituation in Resolute Bay schlecht sei. Inzwischen warten in Resolute Bay rund 50 Personen auf den Rückflug. Und noch dramatischer: Die Nahrungsmittel in der Forschungsstation werden schön langsam knapp. Allein deshalb will die Fluglinie den eigentlich bereit stehenden Jet unbedingt nach Resolute Bay durchbringen. Auf Kosten der Sicherheit darf das dennoch nicht gehen. Erst vor drei Jahren ist eine Maschine im Anflug auf Resolute Bay wegen widrigen Sichtbedingungen neben der Piste zerschellt!
Warwick Vincent hängt schon seit Samstag hier. Der Kollege von der Université Laval in Quebec begegnet der Situation mit Galgenhumor: Das einzig Positive am Festhängen in Iqaluit sei, dass es hier im Gegensatz zu Resolute Bay wenigstens ein Pub gibt! Dumm nur, dass die hohen Bierpreise das Ertränken unseres Kummers verhindern.
Tag 8:
Nicht sonderlich optimistisch laden wir morgens unser Gepäck auf den Pickup und fahren zum Flughafen. Kaum zu glauben: es sieht gut aus! Nach einer Stunde werden wir tatsächlich zum Boarding aufgerufen. Unter dem Gejohle des Bodenpersonals, das uns applaudierend Spalier steht, gehen wir erleichtert durch das Gate zum Flugzeug. Die sind sichtlich froh, uns los zu sein!
Zwei Stunden später landen wir endlich in Resolute Bay. Ich habe im dortigen Flughafengebäude noch nie so viele fröhliche Menschen gesehen! Kein Wunder! Nach dem langen Aufenthalt ist für die einen der Flug zurück in den Süden nun sicher. Für die, die hier bleiben, ist der langersehnte Nahrungsnachschub endlich eingetroffen! Wir treffen einige alte Freunde und Bekannte, auch Debbie Iqaluk erwartet uns. Debbie ist eine exzellente Fischerin (bezeichnenderweise bedeutet ihr Nachname übersetzt „Fisch“), und ich gestehe, dass sie das erste Jahr des Projekts gerettet hat. 1997 wurden wir bei unserer Ankunft von einer 1,7 Meter dicken Eisdecke auf den Seen überrascht und hatten vom Eisfischen noch keine Ahnung. Nicht auszudenken, wenn wir damals ohne Fische als Studienobjekte nach Österreich hätten zurückkehren müssen. Das Projekt wäre beendet gewesen, bevor es noch richtig begonnen hat. Debbie ist seit nunmehr 18 Jahren mit all ihrem Inuit-Wissen dabei und ist uns eine liebe Freundin geworden.
Das Wetter ist wie befürchtet nicht berauschend. Regen und starker Wind – trostlos ist wohl der richtige Ausdruck! Wir laden das Gepäck auf die bereitstehenden Pickups und werden zur Forschungsstation gefahren, die praktisch am Flughafen angedockt ist. Nach dem Mittagessen halten wir eine Lagebesprechung. Wir beschließen, dass Debbie morgen mit Derek und Scott Lamoureux´s Gruppe nach Melville Island fliegt, während ich hier das Resolute Bay-Team leiten werde. Da unser Zeitfenster nun sehr eng geworden ist, wäre der mehrtägige Ausflug nach Cape Bounty für mich zu riskant und ein zusätzliches Risiko, wetterbedingt wieder hängenzubleiben. Jetzt, da der Plan für die verbleibenden Tage steht, werden wir den Rest des Tages dazu nützen, unsere Ausrüstungsgegenstände zu sichten und uns im Labor häuslich einzurichten.
Der „High Arctic“-Blog von Günter Köck:
ÖAW-Gebirgsforscher
Günther Köck forschte in der kanadischen Arktis. Er untersuchte mit
einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Für
die ÖAW berichtete er über den Alltag in Resolute Bay.
Kontakt:
Dr. Günter Köck
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
T +43 1 51581-1271
guenter.koeck(at)oeaw.ac.at