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„High Arctic“-Blog

ÖAW-Gebirgsforscher Günther Köck im Nebelmeer von Nunavut

28.07.2014

ÖAW-Gebirgsforscher Günther Köck ist in der kanadischen Arktis. Dort untersucht er mit einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Hier berichtet er regelmäßig unregelmäßig über den Alltag in Resolute Bay.

Tag 1-4

In Ottawa: Dienstag Früh treffe ich am Flughafen Ottawa meinen Freund und kanadischen Ko-Projektleiter Derek Muir (Environment Canada), der mit mir nach Iqaluit (der Hauptstadt der kanadischen Provinz Nunavut) und von dort über Arctic Bay nach Resolute Bay fliegen wird – wenn das Wetter mitspielt! Montag Abend haben wir die Nachricht erhalten, dass unsere Teamkollegen Paul Drevnick (University of Michigan) und Karista Hudelson (INRS Quebec), die schon einen Tag früher in Ottawa aufgebrochen sind, wegen schlechter Wetterbedingungen in Iqaluit hängengeblieben sind.

In Iqaluit: Drevnick und Hudelson berichten, das Wetter habe in Resolute Bay schon mehrere Tage keine Landung zugelassen. Die Liste der gestrandeten Passagiere ist lang. Trotzdem können wir gleich starten. Nach einem Tankstopp in Arctic Bay und eineinhalb Stunden Flug tauchen wir aus strahlendem Sonnenschein in ein Nebelmeer. Schon sehen wir „unsere“ Seen. Schon setzt das Flugzeug zur Landung an, da startet der Pilot wieder durch. Die Sicht sei zu schlecht, Besserung nicht absehbar. Wir kehren um. So kurz vor dem Ziel.
Zurück in Arctic Bay heißt es warten. Nein, erst heißt es, eine Übernachtungsmöglichkeit sichern, dann etwas Essen und Trinken zu besorgen. Am nächsten Morgen, um 05:30 Uhr sollen wir wieder am Flughafen sein.
Um 05:00 Uhr früh laden wir unser Gepäck auf die Ladefläche der Pickups und lassen uns um schlappe CAN $ 30 für 5 min Fahrzeit zum Flughafen fahren. Dort gilt es wieder zu warten, das Wetter in Resolute Bay ist immer noch schlecht. Um 10:00 Uhr wird der Flug nach Resolute Bay definitiv abgesagt. Wir sollen nach Iqaluit zurückkehren. Dort soll, so es die Wetterbedingungen zulassen, für morgen ein Sonderflug nach Resolute Bay organisiert werden. Wir besteigen das Flugzeug. Die Maschine rollt auf die Landebahn und stoppt – jetzt ist auch hier der Nebel eingefallen und wir müssen wieder warten. Zwei Stunden und ein kräftiges Frühstück später hebt sich der Nebel etwas, wir laufen zum Flugzeug, der Pilot startet die Motoren und knapp vor 12:00 Uhr Mittag beginnen wir den dreistündigen Rückflug nach Iqaluit.

In Iqaluit: Nach Rücksprache mit der Fluglinie wird uns mitgeteilt, dass für den nächsten Tag um 13:00 Uhr ein Flug nach Resolute Bay geplant ist. Falls es das Wetter zulässt! Allerdings lässt das Bodenpersonal durchblicken, dass die Wettervorsage für Resolute Bay nicht wirklich optimistisch klingt. Wir warten. Und hoffen

Wetter und Flüge – ein „da capo“

Derartige Vorkommnisse gehören zwar nicht zur Routine, allerdings sind wir mental darauf vorbereitet. Schließlich sind wir im Lauf der der letzten 17 Jahre schon mehrfach  in einem der drei genannten Orte teilweise tagelang hängengeblieben. „Weather permitting“ (was man wohl am besten mit „sichere Wetterbedingungen vorausgesetzt“ übersetzen kann, ist ein Nachsatz, den man hier in die Planung jedweder Aktivität einfließen lassen muss. Nicht nur der Flugbetrieb, auch die Feldarbeit werden von den extremen Wetterbedingungen beeinflusst. Ist die Sicht durch Nebel eingeschränkt, können wir den Hubschrauber nicht benutzen und damit die weiter entfernliegenden Seen nicht erreichen. Ist der Wind zu stark ist die Arbeit in einem kleinen Schlauchboot auf den Seen zu gefährlich. Derartige Probleme machen die exakte Planung einer Expedition natürlich schwierig, und der Einbau eines Zeitpuffers ist unabdingbar. Aber das Wichtigste ist wohl ein gewisses Maß an seelischer Ausgeglichenheit, Gelassenheit und Abgeklärtheit. Etwas, das ich in den vergangenen 17 Jahren durch Erfahrung , aber durch die enge Zusammenarbeit auch von den einheimischen Inuit lernen konnte. Zugegeben, eingedenk der hohen Kosten einer derartigen Forschungsreise ist es bei anhaltend schlechten Wetterbedingungen bei aller Erfahrung und Abgeklärtheit trotzdem schwierig, angesichts drohender magerer Probenausbeute nicht nervös zu werden.

Ein weiteres Problem bei wetterbedingten Störungen des Flugbetriebs ist neben der unangenehmen Wartezeit der Fluggäste auch der Rückstau der Fracht und des Fluggepäcks. Aufgrund von Kapazitätsproblemen kommt es häufig vor, dass  das Fluggepäck  oft erst Tage und sogar Wochen später in Resolute Bay eintrifft. Schon mehr als einmal mussten sich Kollegen von anderen Forschern Kleidung ausborgen. Fehlt überdies ein wichtiges Gerät, kann dies im schlimmsten Fall die Durchführung der Probennahmen gefährden. Mein eineinhalbtägiger Routineaufenthalt in Ottawa dient vor allem dazu, eventuell verspätetes Expeditionsgepäck abzuwarten. Falls ein Gepäcksstück verloren geht, kann man hier in Ottawa zumindest Kleidung nachkaufen. Bei Spezialausrüstung wie etwa Messgeräten oder Sediment-Corer ist das natürlich nicht möglich. Das Problem ist, dass die Strecke zwischen Iqaluit und Resolute Bay nicht so oft bedient wird und meist auch kleinere Propellermaschinen eingesetzt werden, die weniger Fracht als Jets aufnehmen können. Bei Flugausfällen staut sich an den Flughäfen dann natürlich auch die Fracht, die gegenüber dem Fluggepäck oft vorrangig behandelt wird, um die Versorgung der Ortschaften aufrecht zu erhalten. Wenn das Gepäck begleitet wird, ist die Chance, dass Passagiere und ihr Gepäck gleichzeitig in Resolute Bay ankommen, zwar erheblich größer. Trotzdem  wird man bei Kapazitätsproblemen oft vor die Wahl gestellt, sich für ein Gepäcksstück zu entscheiden. Die restlichen Gepäcksstücke sollten zwar mit einem der nächsten Flüge nachgeliefert werden, allerdings hält diese Zusage leider sehr oft nicht. Intelligentes Packen ist daher gefragt, um die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände auch tatsächlich vor Ort mitzuhaben.

 

Der „High Arctic“-Blog von Günter Köck:

ÖAW-Gebirgsforscher

Günther Köck forschte in der kanadischen Arktis. Er untersuchte mit

einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Für

die ÖAW berichtete er über den Alltag in Resolute Bay.

Kontakt:

Dr. Günter Köck
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
T +43 1 51581-1271
guenter.koeck(at)oeaw.ac.at