

Marco Polo und Christoph Kolumbus umsegelten einst die Weltmeere mit der Hoffnung auf Reichtümer und exotische Schätze. Dem Zeitalter der Entdecker und Eroberer folgte aber bald die Ära der wissenschaftlichen Expeditionen. Transkontinentale Schifffahrten zur Erkundung einer zum Teil noch unbekannten Welt wurden zwar ursprünglich finanziert, um neue Kolonien und Handelsrouten zu erschließen. Doch inspiriert vom Geist der Aufklärung kam im 19. Jahrhundert das Motiv der wissenschaftlichen Erkundung hinzu, wie sie beispielsweise Alexander von Humboldt unternommen hat.
In diesem philanthropisch-universellen Sinne, aber auch, um die Größe der österreichischen Monarchie, die selbst keine Kolonien besaß, zu demonstrieren, beauftragte Erzherzog Ferdinand Maximilian – der jüngere Bruder Kaiser Franz Josephs und spätere Kaiser von Mexiko – in den 1850er Jahren eine Weltumsegelung. Mit an Bord: die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften, die Vorgängerin der heutigen Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Denn neben dem Knüpfen von Handelskontakten, war das Zusammentragen von Anschauungsmaterial für die Grundlagenforschung sowie die Datenerhebung auf zahlreichen Feldern der Naturwissenschaft das Ziel der Reise um die Erde.
High-Tech-Schiff SMS Novara
Für die kostbare wissenschaftliche Fracht benötigte man vor allem eines: Platz. Daher wurde das Kriegsschiff SMS Novara, das man auf die Reise schicke wollte, aufwendig umgebaut. Vierzehn der 44 Kanonen wurden entfernt, um Stauraum für die Sammlungen zu schaffen. Doch auch die umgebaute Fregatte selbst diente der Forschung, zum Beispiel als Testplattform zur Erprobung der neuesten Technologien, wie einem Schleppnetz, mit dem der Meeresboden untersucht werden konnte oder einer modernen Destilliermaschine für die Aufbereitung von Trinkwasser.
Für die medizinische Betreuung und hygienische Prävention wurde ebenfalls auf neueste Innovationen im Gesundheitsbereich zurückgegriffen: Es gab modernste Konservennahrung, speziell konstruierte Duschapparate, Emaille-Gesundheitsgeschirr, Impfungen sowie ein eigenes Bordspital mit Quarantänemöglichkeit, um Seuchen an Bord vorzubeugen.
Großunternehmen der Grundlagenforschung
Die Akademie der Wissenschaften war unmittelbar an der wissenschaftlichen Vorbereitung und Durchführung dieses Großunternehmens der Forschung beteiligt. Fachgelehrte wie der Geologe Ferdinand von Hochstetter wurden auf die Fahrt entsendet oder der erfahrene Forschungsreisende Karl von Scherzer, der als Expeditionsschreiber teilnahm und später korrespondierendes Mitglied der Akademie wurde.
Im April 1857 startete die Fregatte Novara schließlich von Triest zu ihrer Weltseefahrt. An Bord waren eine 345 Mann starke Schiffsbesatzung und ein wissenschaftlicher Stab von 7 Personen. Die Überseereise führte das 50 Meter lange Schiff über Südamerika, Afrika, Indien, China und Australien rund um den Globus. Auf der Route lagen über 30 Stationen, darunter Metropolen wie Hongkong, Kapstadt, Singapur, Shanghai, Sydney, Rio de Janeiro und Boston.
Enormer wissenschaftlicher Ertrag
Nach über zwei ereignisreichen Jahren auf den Weltmeeren lief die Novara am 26. August 1859 wieder in Triest ein. Mit an Bord hatte sie neben verschiedensten Kulturobjekten, wie Amuletten, Idolen, Arbeitsgeräten und Musikinstrumenten, auch 26.000 zoologische Objekte, darunter 320 Säugetiere, 1.500 Vögel, 950 Amphibien, 2.000 Fische und etwa 13.000 Insekten.
Der wissenschaftliche Ertrag war gewaltig. Die meereskundlichen Forschungen, insbesondere im südlichen Pazifik, lieferten bahnbrechende Erkenntnisse für die Ozeanographie und Hydrographie. Die mitgebrachten Sammlungen an botanischen, zoologischen und ethnographischen Schätzen flossen in die Bestände der österreichischen Museen ein. So besitzt Österreich aufgrund dieser Forschungsreise noch heute die weltweit größte Sammlung an Volkskunst von den Nikobaren, einer Inselgruppe im Golf von Bengalen. Zahlreiche bis dahin unbekannte Tierarten konnten anhand der mitgebrachten Exponate beschrieben werden. Die während des ganzen Expeditionsverlaufes gemachten erdmagnetischen Beobachtungen vermehrten die wissenschaftlichen Kenntnisse auf diesem Gebiet entscheidend.
Bestseller Akademie-Reisebericht
Der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden die wissenschaftlichen Resultate in Form einer nicht weniger gewaltigen Publikation. Ganze 21 Bände umfasst das Werk „Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde“, das von der Akademie der Wissenschaften zwischen 1861 und 1876 veröffentlicht wurde. Ein Bestseller war die gekürzte populäre Ausgabe. Sie war binnen eines Jahres vergriffen und ihre Neuauflage ging bis heute millionenfach über die Ladentheke. Damit war der Novara-Reisebericht nach Alexander von Humboldts „Kosmos“ das meistverkaufte derartige Werk im deutschsprachigen Raum. Darüber hinaus hielten die mitgereisten Wissenschaftler in den Sitzungen der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Vorträge über ihre wissenschaftlichen Beobachtungen in Übersee, die in Form der Sitzungsberichte veröffentlicht wurden.
Wissenschaft gehört allen
Bis heute hat die erste und einzige Weltumsegelung eines österreichischen Forschungsschiffes als herausragende Leistung der Grundlagenforschung nichts an ihrer Faszination eingebüßt. Und bereits damals war die Mission der Novara im Zeichen von Innovation und Wissenschaft so anerkannt, dass sie selbst von politischen Konflikten dieser Zeit unbeeinträchtigt blieb. Noch während der Expedition brach der Sardinische Krieg zwischen Österreich und Frankreich aus. Doch die Novara, immerhin ein Schiff der österreichischen Kriegsmarine, wurde nicht angegriffen. Im Gegenteil: Sie wurde vielmehr – noch lange vor UNESCO oder Völkerbund – sogar vom Gegner Napoleon III. selbst unter Schutz gestellt. Denn, so der Kaiser der Franzosen wörtlich: „…die Wissenschaft ist Gemeingut aller Völker.“