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Forschen in der Huthi-Hochburg

Die aktuelle Huthi-Rebellion hat ihren Ausgangspunkt im Norden Jemens, weist aber über die Region weit hinaus und speist sich aus historischen Verwerfungen, wie Marieke Brandt, Sozialanthropologin und Jemenexpertin an der ÖAW erläutert.

07.05.2015
Nordjemenitisches Lehmhaus (1986). Bild: Wikimedia/CC

Scheinbar aus dem Nichts erschienen die Huthis im September 2014 auf der politischen Bühne des Jemen, als sie die Hauptstadt Sana’a einnahmen und die Übergangsregierung des Präsidenten Abd Rabbuh Hadi stürzten. Es folgte die Flucht des Präsidenten nach Aden, das weitere Vordringen der Huthis Richtung Süden, und schließlich eine von Saudi-Arabien geleitete Militärintervention im Jemen. Doch wer sind die Huthis?

Marieke Brandt vom ÖAW-Institut für Sozialanthropologie – Spezialgebiet ist die Stammesgesellschaft des nördliche Jemen nahe der Grenze zu Saudi-Arabien – gehört zu den wenigen Wissenschafter/innen, die diese Frage fundiert beantworten können. Trotz des Konflikts hat sie weiterhin zahlreiche Kontakte für ihre wissenschaftliche Arbeit im Nordjemen. Ihre jüngste Publikation widmet sich den inter- und transdisziplinären Zugängen zur hochkomplexen Lage im Jemen; und demnächst erscheint ihr Buch „The Tribal Narrative: Tribal Politics in the Huthi Conflict in Northwest Yemen“, welches die Perspektiven jemenitischer Stammesführer auf den Konflikt veranschaulicht.

Benannt nach der Familie al-Huthi
Huthi-Rebellen, die heute weite Teile des Jemen kontrollieren, sind nach der al-Huthi-Familie benannt, die die Bewegung anführt. Beheimatet im Norden des Jemen, nahe der Grenze zu Saudi-Arabien, gehören sie einer schiitischen Minderheit, den Zaiditen an. Zaiditen stellten bis zur Revolution 1962 mehr als ein Jahrtausend lang die Elite des Nordjemen. In der an die Revolution und den Bürgerkrieg anschließenden Zeit verloren sie ihren Einfluss aber zugunsten einer sunnitisch dominierten Zentralregierung. Als im Jahr  2004 Husayn al-Huthi, ein Anführer der zaiditischen Bewegung von Regierungstruppen getötet wurde, brach der Konflikt erneut blutig auf. Es folgten mehrere gewaltsame Auseinandersetzungen – bis 2010 auf den Nordjemen beschränkt.

„Den damaligen Huthi-Konflikt oder die derzeitige Krise im Jemen allein als einen religiösen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten darzustellen, greift sicher zu kurz“, erklärt Marieke Brandt. Nicht zu unterschätzen seien die jahrzehntelange wirtschaftlichen Benachteiligung der nördlichen Landesteile und der schiitischen Minderheit, sowie deren Ausschluss von politischer Partizipation auf Landesebene. Darüber hinaus befeuerten kontroverse Vorstellungen bei der Grenzbefestigung zwischen der nordjemenitischen Grenzregion  Sa’da und dem großen (sunnitisch ausgerichteten) Nachbarn, Saudi-Arabien, die Krise.

Nach 2010 gelang es den Huthis Allianzen und Zweckbündnisse mit lokalen Stämmen zu begründen. Viele, von der Zentralregierung enttäuschte, Stammesführer  ließen sich von den Huthis in den Konflikt ziehen. „Sowohl Huthis, wie auch die Regierung förderten damals den Ausbruch alter Stammesfehden, um die Stämme für die eigene Position zu mobilisieren“, erklärt Marieke Brandt. Sie hatte die Rolle der Stammesführer bei der Rebellion zwischen 2011 und 2013 in einem Feldforschungsprojekt untersucht.

Licht auf einen komplexen Konflikt
„Die Komplexität des Jemen ist ohne inter- und transdisziplinäre Zugänge nicht zu verstehen“, ist Marieke Brandt überzeugt. „Es genügt nicht einmal, sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse allein zu stützen. Auch Erfahrungen von außerhalb, insbesondere aus der Arbeit von NGOs und humanitären Einrichtungen, müssten eingebunden werden, ist Brandt überzeugt. Ihre sozialanthropologischen Erkenntnisse, die eher einem bottom-up Zugang entsprächen, verlangten nach der ergänzenden top-down-Sichtweise aus Politikwissenschaft und Geschichtsforschung. Insbesondere die religiösen, historischen und machtpolitischen Verbindungen des Nordjemen machten es notwendig, beispielsweise die Interessen des saudischen Nachbarn oder des schiitischen Iran zu kennen – ebenso wie die Motive des US-dominierten „war on terror“. „Viele aktuelle Konflikte im Jemen haben ihre Wurzeln noch in der Zeit des jemenitischen Bürgerkrieges in den 1960er Jahren“, erklärt Marieke Brandt. „Der aktuelle Krieg im Jemen wird ebenfalls langwierige Verwerfungen schaffen, denn ‚Blut ist geflossen’, wie man in der Stammesgesellschaft des Jemen sagt. So ist jeder noch so kleine Eingriff in dieses fragile System mit enormen Konsequenzen und Langzeitfolgen verbunden“.

Wie es im Jemen weitergeht, wird die Sozialanthropologin ab Herbst 2015 als Leiterin eines auf fünf Jahre ausgelegten Forschungsprojekts zu den bisher kaum erforschten Regionen Sa’da und al-Jawf im Nordjemen verfolgen. Dabei stehen so komplexe Themen wie die der religiösen Radikalisierung, des Grenzstreits zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen, der Rolle von Ölförderung und Schmuggel, sowie der Beziehung zwischen Stamm und Staat in diesem Gebiet im Fokus.

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