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Der Blick nach Innen

Der menschliche Geist aus Sicht von Wissenschaft und Religion stand im Mittelpunkt der „Maimonides Lectures“ an der ÖAW.

17.11.2015
Hommage an René Magritte. Bild: Wikimedia/CC

Religion und Wissenschaft gelten oft als konträre Gebiete: Wahrheitssuche auf der einen Seite, Glaube auf der anderen. Dabei müssen sich die beiden nicht unbedingt ausschließen, sondern können bei der Suche nach Erkenntnis einander durchaus Anregungen liefern. Im Bereich der Psychologie und insbesondere beim Blick auf die psychische Gesundheit ist die Zusammenschau der Sichtweisen von Religion und Wissenschaft besonders ergiebig.

Das zeigten die „Maimonides Lectures“, die vom 4. bis 5. November 2015 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) stattfanden. Unter dem Titel „Mental Health: A Dialogue between Clinical Sciences and Faith“ wurden international namhafte Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen der klinischen Wissenschaften Psychoanalyse, Psychiatrie und Psychotherapie eingeladen, um in ein Gespräch mit Dimensionen des Glaubens einzutreten.
 
Freud und die Religion

Auch Brigitte Mazohl, Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, betonte in ihrer Begrüßungsansprache, wie wichtig die Begegnung zwischen Wissenschaft und Religion sei, gerade weil beide Seiten oft unterschiedliche Sprachen sprechen. Denn für die Religionen sei es im Kontext der modernen Lebenswelt unentbehrlich, sich an wissenschaftlichem Denken zu orientieren. Die Wissenschaften wiederum „werden durch den Kontakt mit den Religionen, die sich immer auf die letzten Fragen konzentrieren, daran erinnert, dass ihr Sinn nicht primär im wirtschaftlichen und technischen Nutzen liegt, sondern im Streben nach der Wahrheit und nach Erkenntnis als solcher“,  so Mazohl.

Den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Glaube betonte auch der Psychoanalytiker H. Shmuel Erlich, Professor emeritus des Sigmund-Freud-Lehrstuhls der Hebräischen Universität Jerusalem. Er beleuchtete in seiner Keynote Lecture das Verhältnis von Religion und Psychoanalyse. Deren Gemeinsamkeit bestünde in dem „tiefen Interesse für das menschliche Befinden, seinen Geist, sein Gemüt und sein Wohlbefinden“. Trotzdem, so Erlich, werfe die Begegnung der beiden Gebiete mehr Fragen auf, als sie Antworten böte. Erlich machte dies am Beispiel Sigmund Freuds deutlich, indem er die vielfältige, lebenslange Auseinandersetzung des Begründers der Psychoanalyse mit dem Problem der Religion darstellte: von frühen Versuchen bis zu den Spätschriften, in denen Religion als Illusion entlarvt und als eine Sichtweise verstanden wird, die überwunden werden soll.

Freuds negativer Befund in Sachen Religion ist allerdings heute, auch das machte Erlich deutlich, nicht mehr Konsens in der Psychoanalyse. Längst werden Phänomene wie das von Freud kritisierte „ozeanische“ Gefühl  (Romain Rolland) oder das „Urvertrauen“ (Erik Erikson) berücksichtigt. Denn für die psychische Gesundheit des Menschen sei es unerlässlich, so Erlich, sich als Teil eines größeren Ganzen zu erleben und in dieses einzuordnen zu können. So unterschiedlich die Sichtweisen von Religion und Psychoanalyse sein mögen, in diesem Punkt berühren sie einander wieder.

Traumaforschung und Traumdeutung

Dem Verhältnis von klinischen Wissenschaften und Religion widmeten sich im Laufe des Symposions auch vier weitere Beiträge. David Vyssoki und Stefan Strusievici berichteten von ihrer klinischen Arbeit am Psychosozialen Zentrum ESRA, das vom Psychiater David Vyssoki selbst ursprünglich für die psychologische Betreuung Überlebender der NS-Verfolgung und deren Nachkommen gegründet wurde und transgenerationale Traumatisierung betreut. Er zeigte eindrucksvoll, wie stark Extrem- und Mehrfachtraumatisierungen in die psychophysische Gesundheit noch der dritten und sogar vierten Generation eingreifen. Dazu ergänzend, hob der Psychoanalytiker David Meghnagi von der Università Roma Tre den Beitrag der Freud´schen Traumdeutung für ein tieferes Verständnis der gesellschaftlichen Phänomene des Vorurteils und der Diskriminierung hervor.

Ebenfalls mit Sigmund Freud befasste sich der evangelische Theologe und Philosoph Hermann Westerink von der Radboud Universiteit Nijmegen. Er sprach über den sich über Jahrzehnte erstreckenden Briefwechsel Freuds mit dem Schweizer Theologen Oskar Pfister, mit dem er befreundet war und der versuchte, die Psychoanalyse in seine theologische Position zu integrieren. Ob die von Pfister eröffneten Wege auch heute noch gangbar sind, ließ Westerink offen. Erla Maria Ammerer, Psychoanalytikerin und klinische Psychologin der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, näherte sich dem Thema Psychoanalyse und Religion schließlich durch grundlegende Einsichten des Faches zur Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen an. Durch das Hinzutreten einer dritten Person, normalerweise des Vaters, könne ein Ausgang gefunden werden aus der ursprünglich dyadischen Beziehung zwischen Mutter und Kind. Erst dadurch, so Ammerer, entstehe die Fähigkeit, mehrere Beziehungen zu verschiedenen Personen einzugehen. Vom Gelingen dieser “Triangulierung“ und vom jeweiligen institutionellen Rahmen hänge es ab, ob die dyadisch gedachte Beziehung zwischen Gott und Mensch in eine reife Persönlichkeit integriert werden kann, so die Wissenschaftlerin.

Wissenschaft und Religion im Dialog

Die „Maimonides Lectures“, die nach dem mittelalterlichen Philosoph, Gelehrten und Arzt Mosche ben Maimon benannt sind, nahmen sich bereits zum vierten Mal eines spezifischen Themas an, das sie aus der Sicht von Wissenschaft und Religion beleuchteten. Frühere Symposien thematisierten „Geisteswissenschaften: Tradiertes Erbe und gegenwärtige Herausforderung“, „Gerechtigkeit: Religion und Bildung“ sowie „Geisteswissenschaften und Offenbarung“. Die Reihe ist eine gemeinsame Unternehmung der ÖAW und abrahamitischer Religionsgemeinschaften. Die wirklichen Mitglieder der ÖAW Patrizia Giampieri-Deutsch und Hans-Dieter Klein zeichnen für das wissenschaftliche Konzept verantwortlich.