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OsternMedizingeschichte

Auf den Zahn gefühlt

Brutale Zahnbrecher, Waterloo-Zähne und der Zahnwehhergott am Wiener Stephansdom: Anlässlich des österlichen Schoko-Tsunamis wirft ÖAW-Medizinhistorikerin Daniela Angetter-Pfeiffer einen Blick auf die Geschichte der Zahngesundheit. Österreich hat darin, so viel darf man vorwegnehmen, eine Vorreiterrolle gespielt.

03.04.2026
Eine Frau beißt in einen Schoko-Hasen
Der Biss in den Hasen ist aus Sicht der Zahnmedizin nicht ideal, aber zu Ostern vertretbar.
© AdobeStock

Schokohasen, Schokoeier, Schokonester: Ostern ist für viele Menschen in Österreich die Hauptsaison des süßen Lebens. Für unsere Zähne stellt das, trotz inzwischen weit verbreiteter Mundhygiene und modernen Methoden zur Erhaltung der Zahngesundheit, eine gewisse Belastung dar. Die Vorstellung, wie Menschen ohne dieses moderne medizinische Wissen in früheren Jahrhunderten mit Zahnproblemen umgingen, vermag zu überraschen. 

Zahnärzt:innen gab es keine, wenn der Schmerz unerträglich wurde, waren auf Jahrmärkten sogenannte „Zahnbrecher“ die letzte Rettung – gezogen wurde natürlich ohne lokale Betäubung. Kein Wunder, dass dieses Gewerbe lange einen schlechten Ruf hatte. Wie Zahnarzt und Zahnärztin ein angesehener Beruf wurde und welche wichtige Rolle Österreich dabei gespielt hat, erklärt Daniela Angetter-Pfeiffer, Medizinhistorikerin am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Gespräch.

Naschen in der Geschichte

Hatten die Menschen im Mittelalter bessere Zähne, weil sie weniger genascht haben?

Daniela Angetter-Pfeiffer: Die Zahnproblematik gibt es seit der Antike, die Menschen hatten eigentlich immer in irgendeiner Form Probleme mit ihren Zähnen. Das weiß man, weil schon vor rund 7.000 Jahren v. Chr. Gebisse mit aufgebohrten Zähnen gefunden wurden.  Im Vergleich zu anderen Zivilisationskrankheiten, die erst im höheren Alter auftreten, haben es die Zähne im Lauf der Evolution nicht geschafft, sich daran anzupassen, dass wir älter werden.

Österreich war durch Gerard van Swieten, den Leibarzt von Maria Theresia, ein Vorreiter.

Ab wann gab es Mundhygiene?

Angetter-Pfeiffer: Zahnbürsten und Zahnseide sind neumodische Erfindungen. Man hat sich früher wenig um Zahnhygiene bemüht. Österreich war durch Gerard van Swieten, den Leibarzt von Maria Theresia, ein Vorreiter. Er hat entschieden, dass es am Hof auch einen Zahnarzt geben muss. Georg Carabelli widmete sich der Zahnmedizin, eine praktische Ausbildung gab es damals keine. Zahnärzte genossen ein geringes gesellschaftliches Ansehen. Carabelli gilt als Begründer der wissenschaftlichen Zahnmedizin in Österreich, er war der Leibzahnarzt von Franz I. Er wollte Moritz Heider als seinen Assistenten, aber dieser meinte, ein honetter Mann, der etwas gelernt habe, könne kein Zahnarzt werden. Weil er keinen anderen Posten bekommen hat, musste er dann doch einwilligen. Er wusste aber auch, dass man mit der Pflege der Zähne nicht früh genug anfangen kann.

Zahngesundheit bei Kindern

Inwiefern war Österreich in der Zahnpflege Vorreiter?

Angetter-Pfeiffer: Die moderne Schulzahnpflege nahm in Berndorf, Niederösterreich, ihren Ausgang. Der Industrielle Arthur Krupp finanzierte eine Studie an rund 1.000 Kindern. Zu Beginn des Schuljahres 1907/08 stellte man fest, dass der Großteil schlechte Zähne hatte.  Daraufhin wurde 1909 eine Schulzahnklinik eingerichtet, um die Zähne der Kinder zu überwachen. Martha Wolf, die erste heimische Zahnärztin, hat bereits 1912 einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie den Müttern nahelegt, regelmäßig auf die Zahnhygiene zu achten. Sie hat Anweisungen gegeben, wie man schon bei Babys anfangen soll. Und hat appelliert, dass Kinder früh genug zur Kontrolle gehen – um dadurch die Scheu vor den Zahnärzt:innen zu verlieren. Ihr war wichtig, dass diese Vertrauenspersonen sind. Dass die Kinder freiwillig hingehen und den Mund aufmachen. 

Behandlungen wurden lange von sogenannten Zahnbrechern durchgeführt, teilweise auf Jahrmärkten.

Warum hatten Zahnärzt:innen so einen schlechten Ruf?

Angetter-Pfeiffer: Behandlungen wurden lange von sogenannten Zahnbrechern durchgeführt, teilweise auf Jahrmärkten. Es gab keine wissenschaftliche Grundlage für ihr Gewerbe. Man kann sich vorstellen, wie schmerzhaft es gewesen sein muss, ohne Lokalbetäubung einen eitrigen Zahn gezogen bekommen zu haben. Wenn man die Geräte und Zangen sieht: das war brutales Zahnziehen. Man sieht aber auch, dass es schon früh Operationen bei Kieferfehlstellungen gab, da wurde versucht, diese deformierten Knochen auseinanderzubrechen und dann gewaltsam in die richtige Stellung zu positionieren und mit Drähten zu fixieren. Man weiß, dass die Patient:innen damals angekettet waren. Wie gesagt, alles ohne lokale Anästhesie. Zahnbrecher waren für die Menschen oft eine letzte Option, wenn sie es gar nicht mehr ausgehalten haben. 

Ab wann wurde Äther eingesetzt?

Angetter-Pfeiffer: Interessanterweise auch von einem Zahnarzt. Am 16. Oktober 1846 durch den Amerikaner William Thomas Green Morton, der erfolgreich einen Backenzahn unter Äther-Narkose gezogen hat. Der Arzt Crawford W. Long verwendete Äther bereits zur Entfernung eines Hals-Tumors, publizierte dies jedoch nicht sofort. Es war eine Sensation, dass Patient:innen nichts mehr gespürt haben während der Operation. Auf die Idee dazu kamen Ärzte dadurch, dass sich Menschen auf Jahrmarktsbesuchen mit Äther berauscht haben. Und, dass sie Schmerzen von kleineren Verletzungen damit bekämpft haben.

Zahnärzte im Krieg

Wie sah es mit der Zahnpflege im Militär aus?

Angetter-Pfeiffer: Man hat bereits im ersten Weltkrieg Zahnärzte mit an die Front geschickt. Das war auch dem geschuldet, dass bei Schrapnellschüssen das Gestein im Gebirge abgebröckelt ist und Splittverletzungen im Gesicht und Zahnbereich verursacht hat. Die Zahnärzte haben versucht, diese Verletzungen schnell zu behandeln, weil Wundverschmutzung ein Problem war, dadurch entstanden oft Blutvergiftungen. Im Zweiten Weltkrieg hat die US-Regierung ihren Soldaten ein Hygiene-Kit zur Verfügung gestellt.

Man hat bereits im 19. Jahrhundert damit begonnen, künstliche Zähne und Zahnplatten aus Elfenbein herzustellen.

Was waren die sogenannten „Waterloo-Zähne“?

Angetter-Pfeiffer: Bei diesem Begriff muss man vorsichtig sein, er besagt, dass nach der Schlacht von Waterloo den gefallenen Soldaten die Zähne entnommen wurden. Aber eigentlich war das auch schon vorher üblich, auch bei Personen, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Man hat die Zähne wiederverwendet und mit Drähten fixiert. Man hat aber auch bereits im frühen 19. Jahrhundert damit begonnen, künstliche Zähne und Zahnplatten aus Elfenbein herzustellen. Das war dementsprechend teuer und zerbrechlich. Und Patient:innen haben sich beschwert, dass ihre Zähne knirschen.

Zahnpasta mit Geschmack

Die erste moderne Zahnpasta aus der Tube wurde 1907 in Dresden erfunden. Weiß man, wie sie geschmeckt hat?

Angetter-Pfeiffer: Scheußlich, sie bestand aus Kreide, Seife, Glycerin und ätherischen Ölen. Aber wie heißt es: Eine Medizin, die gut schmeckt, wirkt nicht. Im Vergleich, wie viele Jahrtausende es schon Seifen gibt, ist erstaunlich, wie spät Substanzen für die Zahnpflege entwickelt wurden.

Was hat es in Wien mit dem sogenannten „Zahnwehhergott“ auf sich?

Angetter-Pfeiffer: An der hinteren Außenseite des Stephansdoms gibt es eine steinerne, gotische Christusfigur, die fest in der Volkslegende verankert ist. Sie stellt Jesus dar, aber es wirkt, als habe er Zahnschmerzen. Der Sage nach sind drei junge Männer nach einem Wirtshausbesuch dort vorbeigekommen und haben sich über die Figur lustig gemacht. Zum Spott haben sie ihr ein Tuch um das Kinn gebunden. Kurz darauf haben sie Zahnschmerzen bekommen, gegen die nichts geholfen hat. Dann mussten sie reumütig zur Jesus-Statue zurückkehren, das Tuch entfernen und um Vergebung beten. Nach wie vor gehen Menschen dorthin, wenn sie Zahnweh oder starke Kopfschmerzen haben.

 

Auf einen Blick

Daniela Angetter-Pfeiffer studierte Geschichte und Germanistik und ist am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig. Die aktive Notfallsanitäterin befasst sich mit Medizin-, Militär-, (Natur-) und Wissenschaftsgeschichte, Notfall- und Katastrophenmedizin. 2024 wurde sie für das Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet.