




Im Jahr 375 fielen die Hunnen in Osteuropa ein. Sie unterwarfen germanische Völker und zwangen viele andere zur Flucht aus ihren angestammten Gebieten. Um 450 beherrschten sie unter König Attila in Osteuropa ein mächtiges, aber kurzlebiges Reich. Ihre Herkunft war lange Zeit Gegenstand heftiger Debatten, insbesondere die Frage nach einer möglichen Verbindung zu den Xiongnu, einem Nomadenreich in der mongolischen Steppe. Doch stichhaltige Beweise blieben rar – bis heute.
Neue archäogenetische Analysen im Projekt HistoGenes des europäischen Forschungsrates (ERC) unter Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Universität Wien zeigen, dass die Bevölkerung der Hunnenzeit überraschend vielfältig war. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift PNAS erschienen.
„Die Vorfahren von Attilas Hunnen bewegten sich generationenlang durch die eurasiatischen Steppen und vereinten sich dort mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Mit manchen vermischten sie sich auch“, sagt Walter Pohl, Historiker vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und Professor am Institut für Geschichte der Universität Wien.
Die Untersuchung von 370 Genomen aus verschiedenen Epochen und Regionen ergab eine große genetische Vielfalt unter den Steppenvölkern. Dies deutet darauf hin, dass die Hunnen unterschiedlicher genetischer Herkunft waren und nicht aus einer homogenen Gruppe stammten. Während keine direkte Abstammung einer großen Gemeinschaft aus der mongolischen Steppe in das Karpatenbecken nachgewiesen werden konnte, zeigen einzelne genetische Linien, dass einige Hunnen tatsächlich Xiongnu-Vorfahren hatten.
Das Xiongnu-Reich, das zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. in der mongolischen Steppe existierte, zerfiel etwa 300 Jahre vor dem Auftreten der Hunnen in Europa. Diese genetischen Spuren unterstützen die These, dass Teile der Xiongnu-Elite in späteren Jahrhunderten eine Rolle bei der Entstehung der europäischen Hunnen spielten.
Um möglichst präzise Aussagen treffen zu können, kombinierte das internationale Forschungsteam um Erstautor Guido Alberto Gnecchi- Ruscone vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie archäologische Befunde mit genomischen Daten aus unterschiedlichen Zeiträumen und Regionen: Zum einen spielte die Xiongnu-Zeit (2. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.) in der mongolischen Steppe eine Rolle, aber auch die Zwischenzeit (2. bis 5. Jh. n. Chr.) in Zentralasien und zum anderen die Hunnenzeit (5. bis 6. Jh. n. Chr.) im Karpatenbecken.
Diese breite Datenbasis ermöglichte es, die genetische Entwicklung und die Wanderungen der Steppenvölker über mehrere Jahrhunderte zu verfolgen – und zeigte, dass die Xiongnu zwar wahrscheinlich nicht die Hauptvorfahren der europäischen Hunnen waren, einige jedoch nachweislich von ihnen abstammten. Auch archäologische Funde zentralasiatischer Herkunft sind eher selten.
„Die Zusammenarbeit von Genetik und Geschichte, Archäologie und Anthropologie kann uns ein neues Bild von der dramatischen Zeit liefern, in der das weströmische Reich zerfiel“, sagt Walter Pohl. „Trotz ihrer militärischen Erfolge haben die asiatischen Hunnen in Mitteleuropa nur wenige genetische und kulturelle Spuren hinterlassen.“
Publikation:
Ancient genomes reveal trans-Eurasian connections between the European Huns and the Xiongnu Empire, Guido Alberto Gnecchi-Ruscone et al. PNAS 2025 (Open Access)
DOI: https://doi.org/10.1073/pnas.2418485122
Rückfragehinweis:
Sven Hartwig
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften
T +43 1 51581-1331
sven.hartwig(at)oeaw.ac.at
Wissenschaftlicher Kontakt:
Walter Pohl
Institut für Mittelalterforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
und
Institut für Geschichte
Universität Wien
T +43 1 51581-7240
walter.pohl(at)oeaw.ac.at