Richard Johann Kuhn (1900–1967), Chemiker und Medizine
1938 Nobelpreis für Chemie für „seine experimentellen Arbeiten über Carotinoide und Vitamine“
Der Nobelpreis wurde 1948 von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften nachgereicht, da Kuhn ihn 1938 aufgrund eines Erlasses der nationalsozialistischen Machthaber nicht annehmen durfte.
1940 Korrespondierendes Mitglied Reichsbürger der Akademie der Wissenschaften in Wien, umgewidmet in
1945 Korrespondierendes Mitglied im Ausland der Akademie der Wissenschaften in Wien
1952 Ehrenmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
1938 Rudolf-Wegscheider-Preis der Akademie der Wissenschaften in Wien
Mitglied des NS-Lehrerbunds
Mitarbeiter der Sparte Chemie im NS‐Bund Deutscher Technik
(Richard Kuhn, in: Stadtarchiv Linz, Straßennamenbericht Wels, Juni 2023, S. 45; Birgit Nemec, Richard‐Kuhn‐Weg, benannt seit 1973 nach Richard Kuhn, in: Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“, Forschungsprojektendbericht, Wien 2013, S. 102)
Kuhn, ab 1926 Ordinarius für allgemeine und analytische Chemie an der Technischen Hochschule in Zürich, übernahm 1929 die Abteilungsleitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Medizinische Forschung in Heidelberg (1937 Direktor), das er zu einer international anerkannten Forschungsstätte ausbaute. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte er teilweise in den USA, konnte aber auch in seiner Funktion als Direktor am nunmehrigen Max-Planck-Institut verbleiben. Kuhn gilt als ein Wegbereiter der modernen Biochemie und der medizinischen Grundlagenforschung. Er befasste sich mit Enzymen, mit der Stereochemie aliphatischer und aromatischer Verbindungen, mit der Synthese von Kohlenwasserstoffen, mit Pflanzenpigmenten, mit Befruchtungs- und geschlechtsbestimmenden Stoffen bei Pflanzen und Tieren, mit der chemischen Wirkweise eines Gens sowie mit Vitaminen. Ein großer Teil seiner Forschungen widmete er der chemischen Natur der Carotinoide, wobei er mehrere neue Pflanzenstoffe entdeckte und analysierte. Außerdem gelang ihm die Isolierung von Laktoflavin (Vitamin B2) aus der Milch, und er entdeckte die Beziehung zwischen Vitamin B2 und Atmungsferment. 1938 synthetisierte er das Vitamin B6, in seinen weiteren Forschungen die Pantothensäure. Darüber hinaus entwickelte er die Verfahren der Chromatographie und Spektroskopie weiter.
Politisch gesehen war Kuhn gesamtdeutsch und deutschnational eingestellt. Nach seiner Fronterfahrung im Ersten Weltkrieg beteiligte er sich freiwillig an der Niederschlagung der Räterepublik in München. Dem NS-Regime stand er mit offener Begeisterung gegenüber. Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 entließ Kuhn seine jüdischen Mitarbeiter:innen. Drei Jahre später denunzierte er jüdische Mitarbeiter bei der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, insbesondere den Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin des Jahres 1922 Otto Meyerhof, da dieser noch jüdische Mitarbeiter:innen beschäftigte. Kuhn begrüßte den „Anschluss“ 1938 und zeichnete sich in Reden durch eine machtpolitisch-visionäre Rhetorik im Sinne der NS-Propaganda aus. 1941 gründete er am Kaiser-Wilhelm-Institut für Medizinische Forschungen eine Kampfstoffabteilung und war selbst an Forschungen über Nervengase beteiligt. Dabei gelang ihm gemeinsam mit seinen Fachkollegen Konrad Henkel und Günter Quadbeck die Synthetisierung des chemischen Kampfstoffs Soman. Diese Forschungen brachten ihn zudem in näheren Zusammenhang mit Versuchen an KZ-Häftlingen. Darüber hinaus hatte Kuhn einige standespolitische Agenden übernommen: 1938 machte man ihn zum „Führer“ der Deutschen Chemischen Gesellschaft, 1940 zum Fachspartenleiter für Organische Chemie der Deutschen Gemeinschaft zur Erhaltung und Förderung der Forschung und 1944 zum wissenschaftlichen Beirat des Generalkommissars für das Sanitäts- und Gesundheitswesen Karl Brandt. Kuhn gilt als einer der zentralen biochemischen Wissenschaftler, die mit ihren Arbeiten die Bedürfnisse des NS-Regimes unterstützten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kooperierte er mit den amerikanischen Besatzungsmächten und bot seine Hilfe bei der Seuchen- und Krankheitsbekämpfung an. Daher musste er auch keine Konsequenzen für seine Handlungen in der NS-Zeit befürchten. Das Entnazifierzierungsverfahren wurde 1946 eingestellt.
Auszeichnungen und Benennungen
1936 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle/Saale
1937 Korrespondierendes Mitglied der Niedersächsichen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
1938 Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
1941 Korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften
1958 Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste
1960 Ehrendoktorat der philosophischen Fakultät der Universität Wien, 2022/23 als „problematisch“ eingestuft
1961 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
1962 Preis der Stadt Wien für Naturwissenschaften
1968–2005 Richard-Kuhn-Medaille
1973 Richard-Kuhn-Weg in Wien, 2018 unbenannt in Stadt-des-Kindes-Weg
1978 Richard-Kuhn-Straße in Wieblingen, 2025 umbenannt in „Am Lerchenbuckel“
Gemeinsame Gedenktafel für Richard Kuhn und Wolfgang Pauli an der Fassade des Döblinger Gymnasiums (Gymnasiumstraße 83, 1190 Wien)
2009 Mondkrater Kuhn
Akademiemitgliedschaften
Literatur
Angelika Ebbinghaus, Karl Heinz Roth, Vernichtungsforschung. Der Nobelpreisträger Richard Kuhn, die Kaiser‐Wilhelm‐Gesellschaft und die Entwicklung von Nervenkampfstoffen während des Dritten Reichs, in: Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 17 (2002), H. 1, S. 15–50.
Autorin: Daniela Angetter-Pfeiffer, ÖAW ACDH
