27.09.2018

„Zeitgeschichte gehört ins Museum“

Das Haus der Geschichte Österreich eröffnet im November. Für die deutsche Kulturwissenschaftlerin und ÖAW-Mitglied Aleida Assmann ein Anlass im Interview die heutige Rolle zeitgeschichtlicher Museen zu reflektieren.

Zeitgeschichtliche Museen boomen – auch hierzulande: Am 10. November 2018 wird das Haus der Geschichte Österreich erstmals seine Pforten für Besucher/innen öffnen. Damit stellt sich auch die Frage: Wie lässt sich Zeitgeschichte eigentlich ausstellen?

Die Frage hat durchaus Brisanz. Denn Zeitgeschichtemuseen verstehen sich als Ort der Kritik am Festschreiben nationaler Identitäten und Geschichtserzählungen. Demgegenüber stehen jedoch nationalistisch gefärbte Gedächtniskulturen, die an der Tradition des nation building des 19. Jahrhunderts orientiert sind.

Das Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nimmt dieses Spannungsfeld nun bei seiner internationalen Jahrestagung am 3. und 4. Oktober in den Blick. Unter dem Titel „Das umkämpfte Museum“ diskutieren Historiker/innen, Kulturwissenschaftler/innen und Museumsverantwortliche über die Herausforderungen, mit denen zeitgeschichtliche Museen, Gedenkstätten und Memorial Museums in Europa gegenwärtig konfrontiert sind.

Die deutsche Ägyptologin Aleida Assmann befasst sich seit Langem mit Themen wie Gedächtnis, Erinnern und Vergessen aus kulturwissenschaftlicher Sicht. Welche gesellschaftliche Funktion zeitgeschichtliche Museen haben und warum die Deutungshoheit über die Vergangenheit immer wieder umkämpft ist, erzählt Assmann, die ÖAW-Mitglied im Ausland ist, im Interview.
 

Ein Jahrhundert nach der Gründung der Ersten Republik erhält Österreich nun im November 2018 ein Haus der Geschichte. Gehört Zeitgeschichte eigentlich ins Museum?

Aleida Assmann: Die Formulierung „gehört ins Museum“ ist mehrdeutig: Das Heeresgeschichtliche Museum Wien wirbt mit dem schönen Slogan: „Kriege gehören ins Museum“. Hier wird die Bedeutung „museal“ ins Spiel gebracht und betont, dass etwas zu einer vergangenen Vergangenheit gehört, mit der wir nichts mehr zu tun haben wollen. Das Museum enthält aber auch Bestände, die wir als Vorgeschichte zu unserer Gegenwart verstehen, sowie solche, die wir als Grundlage und andauerndes normatives Fundament unserer Gegenwart betrachten, wie etwa die Gründung der Republik. Also ja: In diesem Sinn gehört Zeitgeschichte unbedingt ins Museum.

Erinnerung braucht einen Rahmen. Aber ist das Nationale, das in den diversen Geschichtsmuseen als Einheit konstruiert wird, angesichts von Globalisierung und Migration überhaupt noch sinnvoll und zeitgemäß?

Assmann: Die Alternative national oder transnational ist meiner Meinung nach falsch gestellt und realitätsfremd. Wir leben weiter in Nationalstaaten und sehen derzeit keine Zeichen, dass diese abgeschafft werden. Was sich allerdings radikal verändert hat, ist unser Verständnis des Nationalen. Es gibt inzwischen Nationen, die das Nationale durchlässig, demokratisch, dialogisch, divers und selbstkritisch definieren, und andere, die sich gerade wieder in einem monologischen Verständnis des Nationalen verbarrikadieren, das auf Homogenität und Exklusivität und Geschichtsvergessenheit ausgerichtet ist. Deshalb erlebt die EU ja gerade Brüche und Spaltungen, weil der transnationale Rahmen, den sie bereitstellt, nicht mehr gewünscht wird.

 



Museen sind Orte der Sinnstiftung; gleichzeitig ist es ihre Aufgabe, diese Sinnstiftung selbst auch kritisch zu hinterfragen. Wie weit müssen und sollen Museen in der „Dekonstruktion“ ihrer Aufgaben gehen?

Assmann: Sinn oder Konstruktion werden als Reizworte verwendet, die ohne Kontexte völlig inhaltslos sind. Die Frage, die mich interessiert, lautet: welcher Sinn wird hier konstruiert? In einem Demokratiemuseum geht es um historische Fakten, um Lernen, politische Bildung, um Menschenrechte, um Partizipation, um Emotionen, Empathie und historische Sensibilisierung für die Fragilität der Demokratie und die Gefahren, die mit ihrer Abschaffung verbunden sind – Österreich und Deutschland haben die desaströsen Folgen im 20. Jahrhundert gleich zwei mal erlebt!

Durch die Digitalisierung verändern sich die Ausstellungspraxis und die Funktion von Museen radikal. Verlieren originale Exponate an Attraktivität oder gewinnen sie im Gegenteil – und wie wichtig bleibt das Museum als realer Ort?

Assmann: Auch hier ist die Wahrheit komplexer. Es gibt Museen, die auf auratischen Objekten beruhen und den Evidenzwert von Orten oder Dokumenten herausstellen, und solche, die auf Informationen und Botschaften beruhen, die ausschließlich medial vermittelt werden. Beides hat seine Berechtigung, meist verschränken sich ja die beiden Zugänge zur Vergangenheit: digitale und analoge Zugänge schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich.

Sie blicken auf eine Jahrzehnte lange Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur zurück: Wo sehen Sie die größte Herausforderung für das zeitgeschichtliche Museum im 21. Jahrhundert?

Assmann: Wir erleben heute einen neuen Museumsboom, der im Gegensatz zu den 1990er Jahren allerdings mit der beunruhigenden Entwicklung eines Museums-Streits und -Kampfes um die Deutungshoheit über die Vergangenheit verbunden ist. In Polen zeigt die große Vermehrung der Museen gerade, wie stark die geschichtspolitische Verordnung von oben in die Gesellschaft eingreift. In Wien ist das anders, hier könnte die Phase einer anhaltenden Geschichtsapathie in der Gesellschaft, die stillschweigend auf Kontinuität setzt, sich immer noch habsburgisch fühlt und mit der politischen Opfer-These sehr zufrieden war, endlich zu einem Abschluss gebracht werden.