09.04.2021

Wie sich Corona-Mythen im Netz verbreiten

Desinformationen und Verschwörungsmythen zur aktuellen Pandemie verbreiten sich fast so schnell wie das Virus selbst. ÖAW-Medienwissenschaftlerin Maren Beaufort über Corona-Leugner/innen im Netz und wie sie die öffentliche Meinung manipulieren wollen.

Ein Like für den Träger einer MNS-Maske und Daumen runter für die Verschwörungstheoretikerin. In den sozialen Medien ist aber aber oft auch umgekehrt: Fake News zum Coronavirus verbreiten sich manchmal schneller als wissenschaftsbasierte Fakten.
Ein Like für den Träger einer MNS-Maske und Daumen runter für die Verschwörungstheoretikerin. In den sozialen Medien ist aber aber oft auch umgekehrt: Fake News zum Coronavirus verbreiten sich manchmal schneller als wissenschaftsbasierte Fakten. © Shutterstock

Rund um das Coronavirus haben Verschwörungsnarrative und Fake News Hochkonjunktur. Während wichtige Vertrauensinstanzen, von Wissenschaft bis Medien, oftmals weniger Gehör finden, werden Verschwörungserzählungen massenhaft über soziale Medien – auf Twitter, Instagram und Facebook, in Messenger-Chats auf WhatsApp und Telegram – verbreitet. Welche Gründe gibt es dafür? Wer nutzt soziale Medien wie und wofür? Und: Findet die Radikalisierung der Coronaleugner/innen im Netz oder auf der Straße statt?

Maren Beaufort vom Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Klagenfurt spricht im Interview darüber, wie soziale Medien missbraucht werden können und warum die Wissenschaftskommunikation jetzt besonders gefordert ist. Sie ist überzeugt: Was es in der digitalen Welt braucht, ist die Erlangung von Medienkompetenz. Denn: „Menschen, die für ihre Anliegen eintreten und sich vernetzen wollen, müssen erkennen können, wenn sie instrumentalisiert werden.“

Radikalisierung findet sicherlich auch in sozialen Medien statt – und zwar da, wo sich ein legitimer demokratischer Protest mit instrumentalisierenden Interessen verbindet.

Regelmäßig gehen Corona-Leugner/innen auf die Straße, um gegen die verhängten Sicherheitsmaßnahmen zu demonstrieren. Welche Rolle spielen die Social Media-Plattformen für die Vernetzung dieser neuen Allianz aus rechten Patriot/innen, Esoteriker/innen und Neonazis?

Maren Beaufort: Soziale Medien sind allein aufgrund ihrer Strukturmerkmale ein Tool, das niederschwellig globale Vernetzung erlaubt. Die Organisation von Demonstrationen als „Voluntary Action“, deren Teilnehmer/innen sich auch in anderen Kontexten häufig via Social Media vernetzt haben, ist zunächst einmal nichts anderes als ein demokratischer Akt. Problematisch wird es dann, wenn diese auf ein bestimmtes Thema und Anliegen fokussierten Proteste von Gruppen mit völlig anderen politischen Zielsetzungen missbraucht werden, die diese ihrerseits nicht offenlegen. Dann bleibt die Frage, ob sich die Anliegen innerhalb des demokratischen Rahmens bewegen oder diesen bewusst untergraben wollen.

Findet die Radikalisierung der Corona-Leugner/innen im Netz oder auf der Straße statt?

Beaufort: Quantitativ weiß man das nicht. Dazu fehlen die empirischen Daten. Aber: Radikalisierung findet sicherlich auch in sozialen Medien statt – und zwar immer genau da, wo sich ein legitimer demokratischer Protest mit instrumentalisierenden Interessen verbindet. Also wo sich Argumentationsketten, die – auch wenn sie wissenschaftlich gesehen nicht evidenzbasiert sind – dabei aber prinzipiell nicht undemokratisch sind, mit Argumentationsketten verflechten, die letzteres dann sehr wohl sind.

Mit sozialen Medien ist es technisch relativ einfach, eine Meinungsmacht künstlich zu erschaffen.

Wie demokratiegefährdend ist digitale Manipulation?

Beaufort: Egal ob online oder offline: Jede Manipulation ist problematisch und gefährdet demokratische Prozesse. Mit sozialen Medien ist es technisch relativ einfach, eine Meinungsmacht künstlich zu erschaffen. Und wer die öffentliche Meinung manipulieren will, versucht natürlich den Anschein zu erwecken, es gebe eine breite Unterstützung durch Likes und Retweets – anonym und weltweit.

Sind die sozialen Medien voller retweeteter, geteilter und gelikter Verschwörungsmythen?

Maren Beaufort: Desinformation und Verschwörungsmythen sind kein neues Phänomen der aktuellen Pandemie und auch nicht rein auf die Mediennutzung zurückzuführen. Im Gegenteil: Es gibt sie, seit es menschliche Kommunikation gibt. Und besonders dann, wenn Wissenschaft nicht evidenzbasiert und unabhängig war und ist, kann ihnen wenig entgegengesetzt werden. Die niederschwellige Vernetzungsmöglichkeit ist den sozialen Medien systemimmanent. Sie liefern die Infrastruktur für eine schnelle Verbreitung beliebiger Inhalte. Die Frage ist vielmehr: Wer nutzt soziale Medien wie und wofür? Unabhängig von der Ausbreitung der Pandemie sind die primären Kommunikationskanäle für die Verbreitung von Verschwörungsmythen auch mit dem Wandel unserer demokratischen Öffentlichkeit in Beziehung zu setzen.

Während die klassischen Massenmedien eher mit liberal-repräsentativ-demokratischen Haltungen verbunden sind, liegt der Nutzung sozialer Medien eher ein partizipatorisches Demokratieverständnis zugrunde.

Inwiefern?

Beaufort: Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Lance Bennett hat einmal sehr pointiert formuliert, dass soziale Medien lange nicht so erfolgreich hätten sein können, wenn sich nicht zuvor das Verständnis von Demokratie in der Gesellschaft verändert hätte. Der Wunsch nach mehr eigenverantwortlicher Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, die den eigenen Lebenskontext betreffen, hat bereits vor Facebook, Twitter & Co begonnen sich zu entwickeln. Für die Mediennutzung bedeutet das: Während die klassischen Massenmedien aus demokratiepolitischer Perspektive eher verbunden mit liberal-repräsentativ-demokratischen Haltungen funktional sind, liegt der Nutzung sozialer Medien eher ein partizipatorisches Demokratieverständnis zugrunde.

Führen soziale Medien zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeit?

Beaufort: Wir haben keinen empirischen Nachweis dafür, dass die intensive Nutzung sozialer Medien per se zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeit führt. Soziale Medien stellen in allen Altersgruppen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, immer nur einen Teil der konsumierten Medien dar. Sie sind ein Tool, das es erlaubt, sich flexibel und themengebunden in Debatten zu engagieren. Und: Sie sind ebenso ein Tool, das missbraucht werden kann, wie eines, das demokratisch funktional genutzt werden kann.

Für viele Menschen sind Inzidenzzahlen aus der Makroebene berichtet ihrem Lebenskontext eher fern. Stattdessen werden Meldungen geteilt, die unmittelbar in den eigenen Lebenszusammenhang eingeordnet werden können. Auch Verschwörungstheorien arbeiten mit dieser Strategie.

Jeder kann sich soziale Medien zunutze machen. Warum finden Verschwörungsnarrative so große Verbreitung, während wissenschaftliche Fakten weniger oft gehört werden?

Beaufort: Es ist tatsächlich eine Frage der Ansprache. Für viele Menschen sind Inzidenzzahlen, aus der Makroebene berichtet, ihrem Lebenskontext in der Coronakrise eher fern. Stattdessen werden Meldungen geteilt, die unmittelbar in den eigenen Lebenszusammenhang eingeordnet werden können. Auch Verschwörungsnarrative arbeiten mit dieser Strategie und bauen auf simplen Weltbildern auf. Für die Wissenschaftskommunikation können wir empirisch zeigen, dass sich das Interesse an Wissenschaft ganz besonders erhöhen lässt, wenn sie in einer partizipatorischen Handlungslogik agiert. Das wissen wir aus unseren Studien aus Vor-Corona-Zeiten: Es wäre sogar eine Interessensteigerung von bis zu 70 Prozent möglich.

Welche Rolle spielt Emotionalität auf Plattformen wie Facebook und Twitter?

Beaufort: Emotionalität ist ein wichtiges Anschlusskriterium. Wer darauf verzichtet, wird weniger wahrgenommen. Wichtige Voraussetzung:  Das Einbringen von Emotionalität in den Diskurs darf nicht dysfunktional werden, wie es bei emotional negativ aufgeladenen Diskursen häufig verbreitet ist, sondern muss ein Nebeneinander unterschiedlicher Positionen akzeptieren und respektieren. Solange das gegeben ist, ist Emotionalität – gemäß partizipatorischer Auffassungen –erwünscht.

Was würde für ein verantwortungsvolles digitales Miteinander helfen?

Beaufort: Es bedarf einer Kommunikation auf Augenhöhe, die möglichst viele Menschen mit einbezieht. Damit Politiker/innen, Wissenschaftler/innen und Journalist/innen nicht als entrückte Eliten den Anschluss an die  Bürger/innen verlieren, müssen sie für möglichst viele Menschen Angebote schaffen, die zu eigenverantwortlicher Teilhabe befähigen.

Menschen, die für ihre Anliegen eintreten und sich vernetzen wollen, müssen erkennen können, wenn sie instrumentalisiert werden. In der Anonymität der digitalen Welt braucht es ganz besondere Skills.

Und von Seite der Nutzer/innen?

Beaufort: Was es ganz dringend braucht: Medienkompetenz. Das heißt, jene Menschen, die für ihre Anliegen eintreten und sich vernetzen wollen, müssen erkennen können, wenn sie instrumentalisiert werden. Sie müssen merken, wenn sie jemand für andere, das demokratische Zusammenleben gefährdende Ziele missbrauchen will. In der Anonymität der digitalen Welt braucht es ganz besondere Skills.

 

AUF EINEN BLICK

Maren Beaufort forscht am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Klagenfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Politische Kommunikation, Medienkompetenz, Digitale Kommunikation und Social Media, sowie Wissenschaftskommunikation.

 


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