11.05.2021

Wie mit dem Erbe der Kolonialzeit umgehen?

Über den Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten und der Notwendigkeit, dekolonial zu forschen, spricht Kerstin Klenke, Leiterin des Phonogrammarchivs der ÖAW.

Das Phonogrammarchiv der ÖAW verwahrt Tonträger mit Aufnahmen aus der Kolonialzeit. Heute versuchen die Wissenschaftler/innen die Nachfahr/innen der Aufgenommenen ausfindig zu machen, um zu klären, was mit den Aufnahmen geschehen soll. © ÖAW/Klaus Pichler

Seit Jahrzehnten fordern afrikanische Staaten die Rückgabe von Kulturschätzen aus der Kolonialzeit. Während in Ländern wie Frankreich oder Deutschland, die früher Kolonialmächte waren, die politischen Weichen gestellt wurden, kommt die Debatte jetzt auch in Österreich in Gang. Warum das so lange gedauert hat und welche Verantwortung die Wissenschaft trägt, darüber spricht Kerstin Klenke, Leiterin des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Im Interview erklärt sie auch, inwiefern die Diskussion um Restitution für ein audiovisuelles Forschungsarchiv anders gelagert ist als für ein Museum.

Die Gründung des Österreichischen Phonogrammarchivs Ende des 19. Jahrhunderts fällt in die Hochzeit des Kolonialismus. Welche Spuren hat das in der Ausrichtung des Archivs hinterlassen?

Kerstin Klenke: Der Anspruch des Archivs war, unter anderem Sprachen, Dialekte und Musik aus der ganzen Welt sammeln. Zum einen war die neue Aufnahmetechnik ein Faszinosum, das man für die Wissenschaft verwenden wollte. Zum anderen spiegelte dieser umfassende Anspruch der Forschung jener Zeit auch die Vorstellung wider, man könnte tatsächlich die gesamte Welt erfassen und konservieren. Das zeugt von einem großen Willen zur Deutungsmacht, wie wir in vielen Aufnahmeprojekten, nicht nur aus kolonialen Kontexten sehen können.

Österreich war im kolonialen Zeitalter weltpolitisch verflochten und beteiligte sich aktiv an Expeditionen und Forschungsreisen.

Die Habsburgermonarchie war keine koloniale Großmacht, hat sich aber am Kolonialismus beteiligt. Inwiefern spiegeln sich die kolonialen Vorstellungen in den damaligen Forschungen wider?

Klenke: Österreich war im kolonialen Zeitalter weltpolitisch verflochten und beteiligte sich aktiv an Expeditionen und Forschungsreisen. Ein Beispiel: Wir haben Tonaufnahmen von Rudolf Pöch, der als Forschungsreisender u.a. in Papua-Neuguinea und im südlichen Afrika unterwegs war. Von dort hat er Schädel, Knochen und andere menschliche Überreste nach Österreich mitgenommen. In der Diskussion um „Human Remains“ geht es darum, einen Umgang mit menschlichen Überresten aus der Kolonialzeit in akademischen und musealen Sammlungen zu finden, ein Bewusstsein für die Problematik der Provenienz zu schaffen und Rückgaben zu ermöglichen. Einige Wissenschaftler/innen zählen auch die auf Aufnahmen konservierten Stimmen zu den „Human Remains“. Am Institut für Kultur-und Sozialanthropologie der Universität Wien – Rudolf Pöch war dort erster Inhaber des Lehrstuhls für „Anthropologie und Ethnographie“ – gibt es derzeit eine virtuelle Ausstellung mit dem Titel „Leichen im Keller“.

Apropos Ausstellung: Auf der Schallaburg ist derzeit im Rahmen der Ausstellung „Sehnsucht Ferne“ die Stimme des Afrikaners Mori Duise zu hören, der vor dem Eindringen der Europäer in seine Heimat warnt. Das Tondokument wird im Phonogrammarchiv bewahrt. Wie ist es zu dieser Aufnahme gekommen?

Klenke: Da möchte ich auf die Forschungen meines ÖAW-Kollegen Clemens Gütl verweisen: Es gab 1911 eine größere Forschungsexkursion aus Österreich nach Uganda. Mori Duise war ein Träger der Karawane und Zeltbursche, wie es damals hieß. Und er wurde Objekt rassenphysiologischer Forschung. Der Mediziner Robert Stigler führte an Probanden zum Teil menschenverachtende Versuche durch. Sein Interesse galt den Körperfunktionen wie Blutdruck, Atmung, Körpertemperatur oder Schmerzempfindlichkeit. Am Ende der Uganda-Expedition nahm Robert Stigler Duise für derartige Versuche nach Wien mit. Im Zuge dessen wurden im Phonogrammarchiv auch Sprachaufnahmen von Duise auf Wachsplatte gemacht.

Es ist unsere politische und wissenschaftliche Verantwortung, sich diesem Erbe zu stellen.

Wie geht das Phonogrammarchiv mit diesem Erbe um?

Klenke: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Institution gehört zur historischen Forschung dazu. Es ist unsere politische und wissenschaftliche Verantwortung, sich diesem Erbe zu stellen. Denn es ist ganz klar unser akademisches Erbe und Teil unserer politischen Geschichte. Wir sind damit dauerhaft mit Menschen in anderen Teilen der Welt vernetzt, denn was hier bei uns archiviert ist, ist natürlich auch ihr Erbe. Diese Schnittstelle muss man sich bewusst machen.

Wie sieht diese Schnittstelle in der Praxis aus?

Klenke: Wir betreiben re-kontextualisierende Forschung, nicht nur Provenienzforschung. Neben der Langzeitsicherung widmen wir uns der Erschließung der Bestände und versuchen, sowohl die Aufnahmebedingungen zu rekonstruieren als auch die Nachfahr/innen der Aufgenommenen ausfindig zu machen. Das ist schwierig, aber notwendig. Oft wissen die Nachfahr/innen gar nicht, dass es diese Aufnahmen gibt. Es geht darum, gemeinsam zu klären, was mit diesen Tonspuren eigentlich passieren soll. Ob es ethisch und rechtlich vertretbar ist, die Aufnahmen öffentlich zu machen – und wenn ja, für wen und wie.

Wir versuchen im Phonogrammarchiv, sowohl die Aufnahmebedingungen zu rekonstruieren als auch die Nachfahr/innen der Aufgenommenen ausfindig zu machen.

Restitutionsdebatten sind nicht neu. Seit über 60 Jahren fordern afrikanische Staaten Kunstwerke und andere Objekte zurück, die während der Kolonialzeit geraubt wurden. Ist die Diskussion für ein audiovisuelles Forschungsarchiv anders gelagert als für ein Museum?

Klenke: Das lange Zögern, sich mit diesem Erbe auseinanderzusetzen, ist sowohl bei Archiven als auch bei Museen zu beobachten. Ein Unterschied: Wir haben zwar unikale Forschungsaufnahmen, aber wir haben keine unikalen Objekte wie die Museen, die in dieser Debatte im Fokus stehen. Während wir Tonaufnahmen teilen können, ist die Rückgabe von Objekten deutlich aufgeladener, besonders, wenn es sich um rituelle Objekte handelt. Die Diskussion dreht sich also mehr um materielles Kulturerbe und weniger um immaterielles Kulturgut. Und anders als bei Tonaufnahmen gibt es für Objekte aus musealen Sammlungen auch einen Markt.

Vertreter/innen indigener Gruppen berichten, dass sie seit Jahrzehnten versuchen, die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren zurückzuerhalten, um sie zu bestatten.

Wie europäische Länder die Debatte immer wieder aussitzen und aufschieben, hat die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ recherchiert. Warum dauert das so lange?

Klenke: Es geht um Macht, auch um Recht und Unrecht, um Besitz und Zugang. Wenn es um „Human Remains“ geht, ist es teilweise erschütternd, wie hier diskutiert wird. Vertreter/innen indigener Gruppen berichten, dass sie seit Jahrzehnten versuchen, die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren zurückzuerhalten, um sie zu bestatten. Da fehlt vielerorts einfach der politische Wille zur Restitution. In Deutschland und Frankreich wurden aber jetzt die politischen Weichen für Rückgaben gestellt – und ich denke, dass mit Jonathan Fine als neuem Weltmuseumsdirektor ab Juli das Thema auch in Österreich prominenter platziert werden wird.

Sie sehen hier also einen Aufbruch?

Klenke: Jein. Zwar wächst der Druck, sich hier zu positionieren, aber die geopolitischen Machtgefälle wirken weiterhin. Deshalb ist es wichtig, dass wir diese nicht nur im historischen Kontext in den Blick nehmen, sondern auch die aktuelle Praxis von Forschung und Forschungsförderung genau beleuchten. Also die Frage: Wie können wir nicht-kolonial forschen und Aufnahmen generieren? Denn: Die Forschung, die ich in Usbekistan oder in Abchasien mache, die könnten meine Kolleg/innen von dort nicht einfach reziprok machen. Geht es auch anders? Und wenn ja, wie? Diese Fragen sind zentral und wir müssen uns damit auch im Archiv beschäftigen.

 

AUF EINEN BLICK

Kerstin Klenke studierte Musikwissenschaft, Ethnologie und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Universität zu Köln und der Universität Wien. Sie promovierte in Musikethnologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Weitere akademische Stationen führten sie an die Stiftung Universität Hildesheim, die Goethe-Universität Frankfurt/Main und die Universität Wien. Seit 2019 leitet Klenke das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Die Ausstellung „Sehnsucht Ferne“ beleuchtet auf der Schallaburg in Niederösterreich die Entdeckungsreisen der frühen Neuzeit und ist noch bis zum 7. November 2021 zu sehen. Das Phonogrammarchiv der ÖAW war an der Gestaltung der Ausstellung beteiligt.

 


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