27.11.2020

Was Finnland anders macht

Warum Finnland so gut durch die Corona-Pandemie kommt, beschäftigt gerade viele. Die Finnin Johanna Laakso, ÖAW-Mitglied und Professorin für Finno-Ugristik, erklärt im Interview, was ihr Heimatland richtig macht.

Pragmatismus im Umgang mit Krisen, Social Distancing im Alltag und die weit verbreitete Nutzung einer Corona-App, das sind ein paar Bestandteile des finnischen Anti-Corona-Rezepts. © Shutterstock
Pragmatismus im Umgang mit Krisen, Social Distancing im Alltag und die weit verbreitete Nutzung einer Corona-App, das sind ein paar Bestandteile des finnischen Anti-Corona-Rezepts. © Shutterstock

Finnland verzeichnet europaweit die niedrigsten Neuinfektionen mit SARS-CoV-2. Expert/innen beschäftigt daher die Frage, warum dieses nordische Land so gut durch die Coronapandemie kommt, obwohl es keinen erneuten Lockdown praktiziert. "Wir haben gelernt, mit Katastrophen umzugehen. Für uns ist klar, wir müssen uns anpassen, um weiterzuleben", sagt Johanna Laakso. Die Finnin ist Professorin für Finno-Ugristik an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Im Interview erklärt sie, warum die junge Ministerpräsidentin Sanna Marin eine exzellente Krisenmanagerin ist und welche Klischees über Finn/innen kontraproduktiv sind.

Finnland kommt viel besser durch die Coronakrise als Nachbar Schweden. Woran könnte das liegen?

Johanna Laakso: Dieser Ländervergleich ist für uns ein Dauerthema, das ist wie zwischen Österreich und Deutschland. Die Finnen haben mehr Respekt für die Spielregeln, in Schweden wird individuelle Freiheit größer geschrieben. Finnland hatte im Frühjahr einen harten Lockdown, von dem wir noch immer profitieren. Aber es ist auch eine grundsätzliche Frage, wie man auf Krisen reagiert. Das hat sich beim Schiffsunglück von Estonia gezeigt. 1994 sank eine Fähre auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der finnischen Insel Utö, zahlreiche Menschen sind gestorben. Die Finnen waren erstaunt, wie schlecht die Schweden darin waren, diese Katastrophen zu akzeptieren und zu verarbeiten. Für uns Finnen ist klar: Es passieren schreckliche Dinge, wir müssen lernen, damit zu leben. Finnland hat im Zweiten Weltkrieg traumatische Schlachten erlebt, das hat uns geprägt. Die Schweden wissen aus unserer Sicht nicht, wie man mit nationalen Katastrophen umgeht. Sie können Corona nicht ernst nehmen. Für uns hingegen ist klar, wir müssen uns anpassen, um weiterzuleben.

Die Finnen haben mehr Respekt für die Spielregeln, in Schweden wird individuelle Freiheit größer geschrieben.

Welche Rolle spielt Sanna Marin, die finnische Ministerpräsidentin, die im Dezember 2019 ins Amt kam?

Laakso: Sie polarisiert, aber genießt eine erstaunliche Popularität. Natürlich gibt es auch in Finnland Rechtspopulist/innen, Corona-Leugner/innen und Verschwörungstheoretiker/innen, aber bisher sind diese eine kleine Minderheit geblieben. Die Finnen sind eher pragmatisch angelegt, das ist auch die Stärke unserer Ministerpräsidentin. In Diskussionen bleibt sie stets sachlich und sucht ein vernünftiges Gespräch. Das ist ein wichtiger Teil ihres positiven Images.

Die Finnen sind eher pragmatisch angelegt, das ist auch die Stärke unserer Ministerpräsidentin.

Ist Home Office in Finnland weit verbreitet?

Laakso: In gewissen Berufen durchaus. Viele Menschen haben Sommerhäuser, die technisch gut ausgestattet sind. Sie haben während des ersten Lockdowns dort gearbeitet. Das hat die Städte massiv entlastet. Im internationalen Vergleich sind die Wohnungen in Finnland aber auch größer, was es einfacher macht.

Wie viel Akzeptanz hat die Corona-App erlebt?

Laakso: Viele Menschen haben sie heruntergeladen und verwenden sie freiwillig. Sie scheint gut zu funktionieren, wie ich von Freunden in Finnland höre. Für viel Aufsehen haben die Corona-Spürhunde auf den Flughäfen gesorgt, die Kranke erschnüffeln sollen. Das funktioniert als Publicity natürlich blendend. Aber ich habe in seriösen finnischen Zeitungen gelesen, dass nach wie vor nicht sicher ist, ob Hunde tatsächlich Corona riechen können.

Viele Menschen haben die Corona-App heruntergeladen und verwenden sie freiwillig.

Finnen sind schrullig und nicht sonderlich sozial. Stimmen diese Klischees denn?

Laakso: Teilweise wurde Social Distancing bereits vorher im Alltag praktiziert. Im Freundeskreis küsst und umarmt man sich zur Begrüßung, aber mit fremden Menschen hat man automatisch eine gewisse Distanz im Gespräch. Als Studentin war ich ein halbes Jahr in Ungarn an der Universität. Ich hatte dauernd das Gefühl, die Menschen überrollen mich. Sie kommen mir viel zu nah.

Social Distancing wurden bereits vorher im Alltag praktiziert.

Sind Finnen introvertiert?

Laakso: Das Bild von den schweigsamen Finnen stimmt nur bedingt. Mich haben die Kommentare in österreichischen Zeitungen ein wenig deprimiert, in denen die üblichen Klischees bedient wurden, zum Beispiel dass die Finnen dauernd betrunken sind. Laut Statistik wird in Österreich pro Kopf mehr Alkohol konsumiert als in Finnland. Aber die Menschen lieben nun einmal Stereotype. In der Wissenschaft wird die Mentalitätsgeschichte mittlerweile nicht mehr gepflegt, in den Medien lebt sie fort. Wir wollen die Menschen essentialistisch einteilen, in Zeiten von Corona erlebt diese stereotype Denkweise leider wieder eine Renaissance.

 

AUF EINEN BLICK

Johanna Laakso studierte Finno-Ugristik an der Universität Helsinki. Im Jahr 2000 wechselte sie für eine Professur ans Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien. Seit 2008 ist sie Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

 


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