Der Erinnerungsort Brunnenmarkt zeigt, dass sich Erinnerungsorte von Zugewanderten und Einheimischen überlagern können. Bild: wikimedia/CC
Mehr als ein Drittel der 1,7 Millionen Wiener(innen) hat Migrationshintergrund. Tendenz steigend. Denn: Wiens Bevölkerung wächst rasant. Sie wächst vor allem durch Zuzug aus dem Ausland. Was aber ist die Stadt ihren neuen Bewohner(inne)n? Nur Durchzugsort oder doch auch Heimat? Welche Anknüpfungspunkte bietet ihnen die Stadt?
Eben dieser Geschichte des „Fußfassens“ widmet sich Christiane Hintermann. Die Geografin am Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW fokussiert dabei auf Orte. Auf prägende Orte; auf jene, die von Bewohner(inne)n durchaus divers und kontrovers erlebt werden. Die Wissenschaftlerin verknüpft mit ihrer Arbeit ein soziales Anliegen: „Wenn Einwanderungsgeschichte sichtbar wird, profitieren die Neuankommenden ebenso wie jene, die seit Generationen hier wohnen. Es ist eine Frage der Gleichberechtigung, Anerkennung und Wertschätzung, wessen Geschichte erzählt und bekannt gemacht wird“, so Hintermann.
Erlebnisse bewusst verorten
Die Migrationsforscherin möchte die Spuren der Erinnerungsgeschichte sichern und sichtbar machen. Motiviert durch den bekannten kognitiven Konnex von Raum, Gedächtnis und Erinnerung, befragt sie Immigrant(inn)en nach jenen Orten in Wien, die sie besonders intensiv erlebt haben. Auf die enge kognitive Verknüpfung von Erinnerung und bestimmten Orten verweisen bereits antike Mnemotechniken; bestätigt wird die Verknüpfung durch moderne Erkenntnisse aus Kulturwissenschaft und Hirnforschung. Erinnerung bedient sich imaginierter Räume. Man kann ihr auf die Sprünge helfen, indem man Ereignisse bewusst verortet. Das gilt für Einzelpersonen wie auch für die Gemeinschaften, denen sie sich zugehörig fühlen. „Diesem Aspekt hat man in der Integrationsdebatte bisher wenig Bedeutung geschenkt“, erklärt Christiane Hintermann.
„Das bedeutet aber nicht, dass sich nur positiv besetzte Orte in der Stadt dafür eignen. Es geht vorrangig darum, jene Orte nicht zu vergessen, die für Immigrant(inn)en bedeutsam geworden sind“, so die Wissenschaftlerin. Das können so unterschiedliche Orte wie die Bassena-Wohnung, die Einwanderungsbehörde MA 35, Mahnmale und Gedenksteine oder religiöse Treffpunkte sein.
Nachholbedarf in Wien
In Wien fehle eine offizielle Strategie, Migrationsgeschichte als Teil der Stadtgeschichte zu erzählen, so Hintermann. Andere Städte wie z.B. Berlin oder Paris seien da schon einen Schritt weiter. In der französischen Metropole gebe es – übrigens das einzige – Immigrationsmuseum Europas. Das Thema „Migration“ sei zwar im Ausstellungssektor (z.B.: Virtuelle Ausstellung „Gastarbajteri“) sehr präsent, im öffentlichen Raum hingegen kaum, skizziert die Stadtforscherin die Ausgangssituation ihres FWF-Projekts.
Ein Gespräch über die wichtigen Orte
Welche Orte sind es nun, die speziell für Migrantinnen und Migranten bedeutsam geworden sind? Gibt es Orte, die von den meisten ähnlich wahrgenommen werden, und welche lösen widersprüchliche Reaktionen aus? „Ich führe mit den Zuwanderern sehr persönliche Interviews, ich dokumentiere das nuancenreiche Erleben des Ankommens, Fußfassens und Weitergeben des Erlebten“, so Christiane Hintermann.
Zur ältesten Gruppe gehören die so genannten Gastarbeiter(innen), die in den 1960er Jahren aus der Türkei und dem früheren Jugoslawien angeworben wurden. Weiters geht es um Menschen, die während des Kalten Krieges oder der Jugoslawienkriege geflüchtet sind. Die „jüngsten“ Migrant(inn)en, die Hintermann in ihre Untersuchungen einbezieht, sind meist außereuropäische Flüchtlinge oder EU-Migrant(inn)en der letzten zehn bis fünfzehn Jahre.
Visualisierung geplant
Ihre wissenschaftlichen Ergebnisse wird Christian Hintermann für die Öffentlichkeit nachvollziehbar machen: Ab 2015 wird es auf einer Website virtuelle Routen der Migration quer durch Wien geben: Wege, die zu erkunden sich all jene aufmachen können, deren Vorfahren – vor 200, 50 oder 25 Jahren – nach Wien gekommen sind, oder die selbst gerade dabei sind, die Stadt zu ihrer eigenen zu machen.
Kontakt:
Dr. Christiane Hintermann
Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR)
Christiane.Hintermann(at)oeaw.ac.at
T +43 151581 / 3520 - 3544