28.08.2020

Unterwegs zur Jugend

Astrid Mattes forscht an der Schnittstelle von Politik und Religion. Die ÖAW-Sozialwissenschaftlerin will wissen, wie junge Menschen ticken und woran sie glauben.

Astrid Mattes forscht zu Jugend, Stadt, Migration und Religion. Dabei muss sie mit Lokalität und Entgrenzung gleichzeitig umgehen. © ÖAW/Klaus Pichler
Astrid Mattes forscht zu Jugend, Stadt, Migration und Religion. Dabei muss sie mit Lokalität und Entgrenzung gleichzeitig umgehen. © ÖAW/Klaus Pichler

Jungen Menschen wird oft nicht zugehört. In politische Diskurse, die sie und ihre Zukunft betreffen, sind sie selten eingebunden. Noch stärker betrifft das Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ihre Stimmen kommen in öffentlichen Debatten so gut wie gar nicht zu Wort. Und geht es um muslimische Jugendliche, wird über sie medial wie politisch immer wieder als zu inspizierende, bedrohliche Problemfälle gesprochen. Bei Astrid Mattes ist das anders. Ihr Anspruch: Jugendliche in ihrer Perspektive ernst zu nehmen. Sie hört sich an, was junge Menschen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, über Gott und die Welt zu sagen haben – und wie sie ihre eigene Position reflektieren.

Astrid Mattes hat in ihrer Forschung den Anspruch, Jugendliche und ihre Perspektive ernst zu nehmen.

Astrid Mattes forscht an der Schnittstelle von Politik und Religion unter anderem zu Jugendlichen in der Migrationsgesellschaft. 2018 wechselte sie von der Universität Wien an das Institut für Stadt­ und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und arbeitet als Post­Doc in mehreren Projekten gleichzeitig. Interdisziplinarität ist gewissermaßen Teil ihrer Jobbeschreibung. Auch sie selbst ist in zwei verschiedenen Disziplinen zuhause – in der Politikwissenschaft einerseits und der Religionswissenschaft andererseits. In ihren Forschungsprojekten, die um die Themen Jugend, Stadt, Migration und Religion kreisen, überkreuzen sich die Bereiche meistens.

Ein gutes Beispiel für ihre interdisziplinäre Arbeitsweise ist das 2019 von ihr mitherausgegebene Buch „Prayer, Pop and Politics“. Im Zentrum des Sammelbands stehen junge religiöse Menschen, die aus sogenannten „migrantischen Milieus“ kommen. Alevitische, muslimische und buddhistische Jugendliche erzählen darin, wie sie es mit der Religion halten und was die gegenwärtige Politisierung von Religion mit ihrem Glauben macht.

GEFRAGT, NICHT BEFRAGT

„Während die politische Debatte im Hinblick auf Zugehörigkeit immer enger wird, also eine fixe Idee kursiert, was österreichisch sein soll, wird die Welt der Jugendlichen, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, immer diverser. Eine Welt, die nicht zuletzt durch Online­Räume immer mehr ‚entgrenzt‘ ist.“ Damit nicht auch die Forschung an der Lebensrealität junger Menschen vorbei geht, hat sie einen partizipativen Ansatz gewählt. Wichtig dabei sei, die eigene Position als Forscherin zu hinterfragen und Methoden der Sozialwissenschaften mit gesellschaftskritischem Anspruch zu verbinden. Gerade in der Migrationsforschung, die sich mit einem oft skandalisierten Themenfeld befasse, brauche es „Forschung, die versucht, zuallererst zu verstehen und nicht Forschung, die Erklärungen voranstellt“, sagt Mattes.

„Während die politische Debatte über Zugehörigkeit immer enger wird, also eine fixe Idee kursiert, was österreichisch sein soll, wird die Welt der Jugendlichen immer diverser“, erklärt Mattes.

Zwar werde die Weltrevolution nicht von Forschungseinrichtungen ausgehen, scherzt Mattes, die Forschung könne aber dort, wo etwas falsch laufe, eine kritische und mahnende Stimme sein. Mattes: „Das ist unsere Aufgabe: Machtverhältnisse aufzuzeigen, wenn sie schiefliegen – und in den gegenwärtigen Migrationsdebatten liegt sehr viel schief“.

AUFZEIGEN, WAS FUNKTIONIERT

Anders bei einem aktuellen EU­Projekt, bei dem sie mitarbeitet und das sich dem Thema Freiwilligenarbeit und Community Building widmet. Das Besondere daran: Obwohl es um Integration und Zusammenleben in der Gesellschaft geht, fragt das Projekt nicht danach, was im Argen liegt, sondern was gelingt. Eine Haltung, der Mattes viel abgewinnen kann. Ähnlich blickt sie auch auf die Stadt, in der sie lebt.

Ein neues Projekt, an dem Astrid Mattes beteiligt ist, fragt nicht danach was beim Thema Integration im Argen liegt, sondern was gelingt.

In Wien gebe es zum Beispiel keine Orte, wo man sich fürchten müsse hinzugehen. Im Gegenteil. Sie mag es, Zeit in der U­Bahn oder Straßenbahn zu verbringen, weil sich hier ganz Wien treffe und die öffentlichen Verkehrsmittel für alle Menschen benutzbar seien, sagt sie. Das sei für sie ein Indiz, dass eine Stadt funktioniere. „Und wenn mal wo geraunzt wird, dann charmant wienerisch“, meint Mattes augenzwinkernd. Das Lokale aufzuwerten, das ist es auch, was sie an ihrer Arbeit am Institut für Stadt­ und Regionalforschung schätzt, und den sehr fokussierten Zugang. „Hier läuft Forschung nicht nebenbei, sondern ist die Hauptdarstellerin“, sagt sie.

 

AUF EINEN BLICK

Astrid Mattes forscht als Post-Doc am Institut für Stadt-und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Ihre Doktorarbeit über die Rolle von Religion in der Integrationspolitik wurde von der ÖAW mit dem Dissertationspreis für Migrationsforschung  ausgezeichnet.

Weitere Porträts von Forscher/innen sind im neuen Jahresbericht der ÖAW zu finden.

 


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