21.09.2018

Skelettfund erhellt Kämpfe um antike Festung

Zum ersten Mal seit vielen Jahren wurden in Ägypten die Überreste eines Menschen aus der Antike entdeckt, der einst nicht begraben wurde. An dem Sensationsfund in der Festung Hisn al-Bab waren auch ÖAW-Archäolog/innen beteiligt.

Der Kampf muss blutig gewesen sein, in dem dieser Mensch vor tausenden Jahren sein Leben verlor. Das zeigen die detaillierten Untersuchungen, die von Forscher/innen an seinem Skelett durchgeführt wurden. Gefunden wurden die menschlichen Überreste des jungen Mannes in der ägyptischen Festung Hisn al-Bab. Er war mit dem Rücken an eine Mauer gelehnt, nur leicht verdeckt vom Schutt herabgefallener Bauteile. Ein kleiner Sensationsfund für die Archäolog/innen.

Die antike Festungsanlage, die sich an der Grenze von Ägypten und Nubien befand, stammt aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. – so wie auch das kürzlich entdeckte Skelett. Obwohl die Beziehungen zwischen beiden Staaten überwiegend friedlich waren, gab es immer wieder Kämpfe um die Kontrolle über das Grenzgebiet. Bis heute lassen sich im Inneren der Festung Hisn al-Bab Spuren von Feuer und kriegerischen Auseinandersetzungen nachweisen.

Umkämpfte Festung

Bei dem Fund dürfte es sich um einen Mann aus Oberägypten im Alter von 25 bis 30 Jahren handeln, der „mit einem scharfen Messer am Oberschenkel verletzt worden war und offenbar verblutete“, sagt Pamela Rose. Sie forscht an der Zweigstelle Kairo des Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und leitet das FWF-Projekt zur Erforschung von Hisn al-Bab. Gemeinsam mit Anthropolog/innen der Universität Göttingen analysierte sie den mysteriösen Fund über mehrere Monate, worüber sie aktuell mit ihren Kolleg/innen in der Fachzeitschrift „International Journal of Osteoarchaeology“ berichtet.
 

Der Mann wurde mit einem scharfen Messer am Oberschenkel verletzt und verblutete.


„Was wir außerdem wissen: Er trug Waffen bei sich und muss auch sonst ein strapaziöses Leben geführt haben“, erklärt Rose. Eine ältere Kopfwunde, von der er sich bereits erholt hatte, lasse darauf schließen, dass er öfter in gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt gewesen sein dürfte.

Was die Forscher/innen allerdings nicht wissen, ist, ob er der Gefallene Angreifer oder Verteidiger in diesem Kampf rund um die Festung war. Auch wer die anderen Kämpfer waren, ist noch nicht abschließend geklärt. ÖAW-Forscherin Rose und ihr Team untersuchen derzeit weitere Knochen, die auf dem Areal der Festung entdeckt wurden. Sie stammen aus derselben Zeit und weisen tödliche Kampfverletzungen durch Klingenwaffen auf. Pfeile und Bögen, die bei den Knochen gefunden wurden, sind nubischer Herkunft. Ob die Nubier das Fort angriffen oder Angreifer der Festung abwehrten, können die Wissenschaftler/innen noch nicht sagen. Fest steht aber, dass die kriegerische Auseinandersetzung dazu geführt hat, dass die Festung bald verlassen wurde – was auch erklären könnte, warum die Leiche des Mannes nie begraben wurde.

Seltener Fund

Umso erstaunlicher – und seltener – sei es daher, sagt Rose, ein so gut erhaltenes Skelett außerhalb eines Grabes zu entdecken, denn „die meisten Menschen bleiben nicht unmittelbar dort liegen, wo sie gefallen sind.“ Wilde Tiere, und  natürliche Umwelteinflüsse wie etwa Wind verhindern das meist. Doch der Schutt, der den Körper dieses Mannes bedeckte, bewahrte ihn davor und brachte seine Überreste Jahrhunderte später völlig überraschend zu Tage.
 

Er trug Waffen bei sich und muss auch sonst ein strapaziöses Leben geführt haben.


Wie es übrigens meistens geschieht: „Auf den Großteil der Funde stoßen wir ganz zufällig“, so Rose. „Das ist auch das Spannende an meiner Arbeit“, erklärt die gebürtige Britin, die schon seit über acht Jahren in Ägypten lebt. Seit dieser Zeit ist sie auch in der Zweigstelle Kairo des ÖAW-Instituts tätig, Österreichs einziger permanenter Forschungseinrichtung für archäologische Feldforschung in Ägypten.

Am Österreichischen Archäologischen Institut und in Ägypten zu forschen ist für Rose, die Ägyptologie und Archäologie an der Universität Cambridge abgeschlossen hat, „ein unglaubliches Privileg“. Auch, weil sie damit als Forscherin etwas zur Gesellschaft beitragen kann: „Wir wollen mit unseren Forschungen alte Kulturen wieder zum Leben zu erwecken und sie für Menschen zugänglich zu machen.“ Das Faszinierende an ihrer Aufgabe sei dabei, immer dort hinzuschauen, „wo seit tausenden Jahren niemand mehr hingeschaut hat.“