31.08.2021

Roman Sandgruber über Hitlers Vater

Kürzlich wurde ein Bündel Briefe von Hitlers Vater auf einem Dachboden in Oberösterreich entdeckt. Der Linzer Historiker Roman Sandgruber hat sie analysiert und auf Basis der neuerschlossenen Quellen eine Biografie vom Vater des Diktators verfasst. Im Interview erklärt das ÖAW-Mitglied, inwiefern dieser Sensationsfund neue Einblicke in das unbekannte Leben des jungen Adolf Hitlers erlaubt.

Portrait von Alois Hitler
Alois Hitler (1837–1903) in einer Fotografie aus der Zeit um 1880. Seine Briefe werfen ein neues Licht auf die Familienverhältnisse und die Kindheit von Adolf Hitler. © Wikimedia Commons

31 Briefe sind es, die neue Einblicke eröffnen in das Leben von Alois Hitler und die Kindheit von Adolf Hitler. Gefunden wurden sie auf einem Dachboden im oberösterreichischen Ort Wallern. Die Urenkelin des damaligen Adressaten übergab das Bündel an den Historiker Roman Sandgruber, Professor an der Universität Linz und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Diesem war rasch klar, welchen historisch bedeutsamen Fund er da vor sich hatte. Denn zu Adolf Hitlers Familie und frühen Jahren gibt es kaum Originalquellen. Welche neuen Erkenntnisse er aus den Briefen gewinnen konnte, beschreibt Sandgruber in seinem kürzlich erschienenen Buch „Hitlers Vater“ und im Interview.

In diesem Jahr ist Ihre Publikation „Hitlers Vater“ erschienen. Dem Buchprojekt liegt ein Sensationsfund zugrunde. Wie kam es dazu?

Roman Sandgruber: Zu Adolf Hitlers Familie und Kindheit gibt es kaum Originalquellen. Die Berichte von Zeitzeug/innen widersprechen sich sehr, je nachdem, ob sie während oder nach der NS-Zeit aufgenommen wurden. Bislang kannte man nur amtliche Dokumente sowie Adolf Hitlers problematische Autobiografie „Mein Kampf“ und die ebenfalls problematischen Jugenderinnerungen eines Freundes, August Kubizek, die ursprünglich 1943 aufgezeichnet und 1953 von zwei hochrangigen Nationalsozialisten überarbeitet wurden und in einem rechtsgerichteten Verlag erschienen sind.

Daher war es sehr interessant, sich auf neue Quellen stützen zu können, darunter 31 Briefe von Hitlers Vater. Es sind Geschäftsbriefe, die Alois Hitler 1895 im Zuge eines Hauskaufs an den oberösterreichischen Straßenmeister Josef Radlegger geschrieben hat, die aber auch viele familieninterne Informationen und Details beinhalten. Die Briefe haben auf dem Dachboden der Nachkommen des damaligen Adressaten in der oberösterreichischen Marktgemeinde Wallern überdauert. Radleggers Urenkelin hat das Konvolut gefunden und mir anvertraut.

Inwiefern ermöglicht das aufgetauchte Bündel an Briefen von Alois Hitler einen neuen Blick auf die Familie Hitler?

Sandgruber: Durch das Briefbündel, immerhin etwa 60.000 Zeichen Text, werden intime Einblicke in die Denkweise des Vaters Alois Hitler, in die Rolle der Mutter Klara Hitler und in die finanziellen Verhältnisse der Familie möglich. Adolf Hitler selbst kommt allerdings nur in Nebensätzen vor. Er war damals sechs Jahre alt, seine Rolle war untergeordnet. Der ältere Halbbruder hingegen, Alois Hitler junior, der damals aus der Schule flog und bald darauf auf eine schiefe Bahn kam, findet mehr Beachtung.

Auffallend ist, dass man sich in Österreich mit Adolf Hitlers Kindheit wenig beschäftigt hat. Über die sozialgeschichtlichen Zusammenhänge schreibt erstmals Brigitte Hamman in „Hitlers Wien“ von 1998. Aber: Seine ersten 18 Jahre in Oberösterreich sind wenig beforscht.

Welche Einflüsse wirkten auf Adolf Hitler in seiner Zeit in Oberösterreich?

Sandgruber: Was man aus der Biografie sehen kann: In seinen ersten 18 Jahren übersiedelt die Familie 18 Mal. Da kann man als Kind keine Freunde finden. Die Milieus, von denen er beeinflusst wird, sind sehr unterschiedlich: im dörflichen Fischlham, im Klostermarkt Lambach, in der Bischofstadt Passau, im deutschnationalen Urfahr, im großbäuerlichen Leonding, in der ebenfalls sehr deutschnationalen Schule in Linz, zuletzt in Steyr. Es gibt die liebende, aber durchaus auch geschäftstüchtige Mutter und den strengen und prügelnden Vater, der mit Zucht und Ordnung absoluten Gehorsam einfordert. Der Vater stirbt allerdings als Adolf Hitler 13 Jahre alt ist.

Welche Erfahrungen prägten den Charakter des Vaters?

Sandgruber: Alois Hitler war der uneheliche Sohn einer niederösterreichischen Magd, in einer Zeit, in der eine uneheliche Herkunft noch als große Schande gilt. Er stammt aus sehr armen Verhältnissen und kommt zu Zieheltern. Früh muss er sich alleine durchschlagen, macht in Spital bei Weitra eine Schusterlehre und geht als Sitzgeselle nach Wien. Dort wechselt er in die Zollwache und schafft eine beachtliche Karriere im österreichischen Staatsdienst. Das prägt seinen Charakter. Angesichts seiner dürftigen einklassigen Volksschulbildung entwickelte er eine beachtliche Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck. Stolz auf seine Karriere und seine Bildung, die er sich autodidaktisch angeeignet hatte, protzt er mit seinem angelesenen Wissen. Hier gibt es durchaus Parallelen zum Sohn.

Inwiefern?

Sandgruber: Auch Adolf Hitler bricht die Schule ab, erwirbt sich autodidaktisch Wissen, geht nach Wien. Und auch die deutschnationalen Einstellungen übernimmt er vom Vater und radikalisiert sich weiter. Prägend für den Sohn war auch die Verachtung des Vaters der Kirche gegenüber. Der Vater fungierte in seiner Zeit in Leonding als eine Art Parteisekretär für den deutschnationalen Bürgermeister und verfasste Artikel in der Tagespost, dem Vorläufer der Oberösterreichischen Nachrichten.

Sie beschreiben Alois Hitler auch als wissenschaftsfeindlich. Wie äußerte sich das?

Sandgruber: Der Vater hat eine ausgeprägte Aversion gegen Akademiker, also gegen Notare, Richter, Ingenieure usw. Durch sein Scheitern in der Schule musste er sich sein Wissen ohne Anleitung im Selbststudium aneignen. Er glaubt, alles besser zu wissen. Bei Adolf Hitler verstärkt sich das noch weiter bis hin zur Vorstellung, er sei ein Genie.

Welches Buch können Sie weiterempfehlen?

Sandgruber: Von Arnold Suppan das Buch „Hitler – Beneš – Tito“, erschienen im Verlag der ÖAW.

Warum dieses Buch?

Sandgruber: Es ist eine sehr genaue Recherche und schildert die Verhältnisse am Balkan und in Osteuropa während der NS-Zeit und danach. Man braucht allerdings einige Zeit, um die drei Bände mit insgesamt mehr als 2.000 Seiten zu lesen.

 

AUF EINEN BLICK

Roman Sandgruber ist seit 2012 Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und er ist Universitätsprofessor em. für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Johannes-Kepler-Universität Linz. Sein neues Buch „Hitlers Vater. Wie der Sohn zum Diktator wurde“ ist im Frühjahr im Molden Verlag erschienen.

 


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