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ÖSTERREICHISCHER WELTENSAMMLER

Schiffbruch vor Afrika, Sklave in Persien und Berater der Violetten Königin in Thailand: Christoph Carl Fernberger war im 17. Jahrhundert Österreichs erster Weltreisender. ÖAW-Sozialanthropologe Helmut Lukas hat dessen schillernden Reisebericht nun in einer Neubearbeitung publiziert.

16.06.2016
Bild: Elefantenprozession der Königin von Patani/Johann de Bry
Bild: Elefantenprozession der Königin von Patani/Johann de Bry

Als Christoph Carl Fernberger im Jahr 1624 im Hafen des südostasiatischen Königreichs anlegte, wurde er gleich einmal der Spionage verdächtigt. Erst als er der Herrscherin des Landes, der „Violetten Königin“, Seidentücher, Samtstoff und Opium als Geschenke überreichte, fand sie Gefallen an ihrem Gast aus dem fernen Europa. Sie ließ Fernberger den von ihr vorgekauten Betel auf einem silbernen Teller überbringen, den dieser aufnahm und weiterkaute.

Diese Geschichte ist eine von vielen Episoden aus Fernbergers (um 1596–1653) abenteuerlichen Reisebericht, den er über seine eher unfreiwillige Odyssee um den Globus im 17. Jahrhundert verfasste. Nachzulesen ist sie in einem neuen Buch des Südostasienexperten Helmut Lukas vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Unter dem Titel „Christoph Carl Fernberger: The First Austrian in Patani and Ayudhya (1624-1625)“ erzählt Lukas auf Basis der Originalquelle und versehen mit zahlreichen wissenschaftlichen Kommentaren sowie biographischen und zeitgeschichtlichen Hintergründen von Österreichs erstem Weltreisenden.  

Sieben Jahre Irrfahrt ans Ende der Welt

Den Ausgangspunkt von Fernbergers Dasein als früher Globetrotter bildete übrigens ein schlichter Irrtum: Der aus Oberösterreich stammende Adelige kämpfte im Dreißigjährigen Krieg auf habsburgischer Seite und wollte nach holländischer Kriegsgefangenschaft nach Österreich zurückkehren. In Amsterdam heuerte er auf einem Schiff an, das, wie er dachte, nach Venedig fahren würde. Stattdessen steuerte es Afrika an. Fernberger war damals Anfang Zwanzig und plötzlich auf einer Reise um die Erde, die sieben Jahre dauern sollte und bei der er so manches Abenteuer bestehen musste.

Denn zunächst sank das Schiff vor den Kapverdischen Inseln. Die Überlebenden wurden zwar nach einer einmonatigen Robinsonade von holländischen Schiffen aufgenommen, doch diese waren nach Java unterwegs. Im 17. Jahrhundert glich eine Fahrt über den Pazifischen Ozean einem Himmelfahrtskommando, erklärt Helmut Lukas. Tatsächlich kam von den fünf Schiffen Anfang 1623 nur eines im heutigen Jakarta an. Hunger, Skorbut und Seegefechte ließen von der rund 1.300 Mann Besatzung nur 318 überleben, unter ihnen Fernberger.  

Berater der Violetten Königin

Dieser nutzte seine Chance in der für ihn neuen Welt. „Es ist faszinierend, wie sich Fernberger – fast wie ein Chamäleon – überall angepasst hat“, sagt ÖAW-Forscher Lukas. Fernberger etablierte sich in Batavia, dem heutigen Jakarta, als Kaufmann und bereiste den südpazifischen Raum. So kam er u.a. nach Sumatra und Sulawesi, besuchte Taiwan und China und landete schließlich auch in den historischen Königreichen Ayudhya und Patani, die im heutigen Thailand liegen. Da Patani mit Ayudhya verfeindet war, hatte man ihn zunächst als Spion verdächtigt.

Doch er konnte nicht nur rasch die „Violette Königin“ von sich überzeugen, sondern trat sogar in ihre Dienste und führte siegreich eine aus Europäern bestehende Kompanie im Krieg gegen aus Ayudhya eindringende Truppen an. Als die Königin ihm Avancen machte, ging ihm die Freundschaft aber doch zu weit und er beschloss zu flüchten. 

1625 entschied sich Fernberger nach Europa zurückzukehren – und es wäre nicht Fernberger, wenn diese Rückkehr in die Heimat glatt verlaufen wäre. Sein Schiff sank erneut, diesmal vor der persischen Küste. Er wurde von Arabern gerettet, die ihn als Sklaven weiterverkauften. Jedoch bald danach konnte er sich freikaufen und nach Jakarta zurückkehren. 1627 unternahm er den zweiten Versuch der Rückreise und kam endlich 1628 wieder im Hafen von Amsterdam an, dem Ausgangspunkt seiner Irrfahrt um die Welt.

„Reißbüchlein“ für Anthropolog/innen

Das Spannende an Fernbergers „Reißbüchlein“, wie er seine Aufzeichnungen nannte, sind für Lukas aber nicht nur die exotischen Abenteuer aus der Ära der Entdecker, sondern der historische und sozialanthropologische Gehalt. Aufgewachsen in einer hochreligiösen Zeit, in der das abendländische Weltbild vielfach noch von Aberglauben dominiert wurde, agierte der humanistisch erzogene Fernberger erstaunlich weltoffen, wodurch er die für ihn völlig neuen Lebenswelten kennenlernen konnte. Er knüpfte Freundschaften mit der lokalen Bevölkerung, lernte Malaiisch, passte sich an die jeweilige Kultur an.   

Wie ein Anthropologe hat er Sitten und Bräuche der von ihm bereisten Länder minutiös beobachtet und aufgeschrieben. Seine Beschreibungen von Kleidung, Verhaltensmustern, religiösen Vorstellungen oder rituellen Praktiken – wenngleich nicht immer frei von ethnozentrischen Vorurteilen – machen Fernbergers Notizen heute zu einem wertvollen Dokument über außereuropäische Kulturen der Barockzeit.

350 Jahre verschollen

„Fernbergers Offenheit lässt sich vermutlich auf seinen österreichischen Hintergrund zurückführen“, sagt Helmut Lukas, was er mit einer Anekdote veranschaulicht: „Als Fernberger einmal von holländischen Kolonialhändlern danach gefragt wurde, warum er so viel Zeit mit den Einheimischen verbringe, antwortete er, dass er dies aus Interesse für Land und Leute täte. Die Holländer dachten, er würde Späße machen, weil für sie nicht vorstellbar war, dass jemand an etwas Anderem als an Gewinn und Profit interessiert sein könnte.“

Fernberger hat seine Erlebnisse auf der gesamten Reise auf „Täfelchen“ niedergeschrieben und konnte diese selbst bei seinem Schiffbruch auf dem ersten Rückreiseversuch nach Europa retten. Dennoch galt die seinem jüngeren Bruder diktierte Niederschrift über 350 Jahre lang als verschollen. Sie wurde erst Ende der 1960er vom Wiener Ethnologen Karl R. Wernhart wiederentdeckt und 1972 erstmals veröffentlicht. 2011 erschien eine gemeinsam von Wernhart und Lukas gestaltete Ausgabe, die innerhalb eines Jahres vergriffen war.

Älter als der Simplicissimus

Für die jetzige Neuausgabe hat Helmut Lukas den Text Fernbergers, der noch vierzig Jahre vor Erscheinen des Barockepos „Der Abenteuerliche Simplicissimus“ verfasst wurde, ausführlich wissenschaftlich kommentiert. So werden zeitgebundene Begriffe und historische wie kulturelle Zusammenhänge durch umfangreiches Quellenmaterial zum politisch-ökonomischen Kontext aufgeschlüsselt.

Lukas zieht dafür eine Vielzahl kulturwissenschaftlicher Monografien und zeitgenössische Augenzeugenberichte anderer europäischer Händler und Reisender heran, um Fernbergers Aufzeichnungen im vergleichenden „Reality Check“ verstehbar zu machen. Dadurch klärt sich etwa auch der kulturgeschichtliche Hintergrund des Betelkauens auf, als eines Befreundungsrituals und Zeichens der Ehrerbietung.

Einziger Augenzeugenbericht                                       

Doch Fernbergers Reisebuch hält für Kultur- und Sozialanthropolog/innen noch ein weiteres Highlight bereit, wie Helmut Lukas betont: „Der besondere wissenschaftliche Wert dieses Buchs besteht darin, dass es einen Abschnitt in der Geschichte Patanis dokumentiert, der bislang von keiner anderen Quelle abgedeckt wurde“. Denn dadurch, dass sowohl Holländer als auch Briten kurz vor Fernbergers Ankunft ihre dortige Handelsniederlassung aufgegeben hatten, gibt es keine anderen Quellen zum Krieg zwischen dem Reich der „Violetten Königin“ und dem Nachbarland Ayudhya. Fernbergers „Reißbüchlein“ ist somit der einzige existierende Augenzeugenbericht dieser Ereignisse.

Dessen einzigartige Beobachtungen kann man in Lukas Buch auf Deutsch, Englisch und Thai nachlesen. Da Patani ethnisch aber größtenteils aus Malaien bestand, plant Lukas bereits eine weitere Übersetzung ins Malaiische. Das, so hofft der Forscher, könnte einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung in dieser noch heute von Konflikten gekennzeichneten Region Südthailands leisten.

 

 

 

Helmut Lukas ist Senior Researcher am ÖAW-Institut für

Sozialanthropologie (ISA) und unterrichtet an der Universität Wien. Zahlreiche

Feldforschungen und Lehraufträge führten ihn in den südostasiatischen Raum,

v.a. nach Thailand, Indonesien und Malaysia. Den Schwerpunkt seiner Forschungen

bilden derzeit auf Jagd- und Sammelwirtschaft basierende indigene Kulturen. Das

Buch „Christoph Carl Fernberger: The First Austrian in Patani and Ayudhya (1624-1625)“

wurde am

16. Juni am ISA präsentiert.

ÖAW-Institut für Sozialanthropologie