11.10.2021

Österreich fehlen die „Impfluencer“

Die Impfquote stagniert in Österreich bei aktuell rund 60 Prozent. Welche Strategien sind sinnvoll, um die Impfbereitschaft in Österreich zu erhöhen? Was wirkt, um zögerliche Menschen zu überzeugen – und wann helfen auch die besten Argumente nicht mehr? Vier Wissenschaftler/innen geben Antworten.

© Unsplash/CDC

Rockbands, die ihre Fans zur Impfung aufrufen. Punks, die auf Social Media vor Long Covid warnen. Unter dem Hashtag #impfenschützt werben Musiker/innen aus Deutschland dafür, sich immunisieren zu lassen. „Bitte lasst euch impfen,“ postet die Band Tocotronic. „Eine Rückkehr zur Normalität wäre traumhaft“ – und diese Rückkehr funktioniere nur über Impfungen, schreiben Die Ärzte, eine der erfolgreichsten deutschen Bands. Viele haben den Aufruf in den sozialen Medien geteilt und dabei tausende Reaktionen hervorgerufen – sie sind zu sogenannten Impfluencern geworden.

Und in Österreich?

Zwar gibt es auch in Österreich Aufrufe und Kampagnen – und sogar Punkrocker, wie Marco Pogo, der zugleich Arzt und Politiker ist, und seinen Fans vor einem Konzert persönlich die Spritze verabreichte. Die Strategie mit Impfluencern Menschen, die noch nicht geimpft sind, von der Impfung zu überzeugen, ist hierzulande aber noch ausbaufähig. „Wenn Social Media Influencer als Impfluencer auftreten und ihre Botschaften über YouTube, Facebook, Twitter weiterverbreiten, hat das große Resonanz in den Communities“, sagt Dennis Lichtenstein vom Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

„Strategien, die mit Angst oder Moral arbeiten, sind in der Corona-Zeit schon überstrapaziert worden und rufen eher Trotzreaktionen hervor“, sagt der Kommunikationsforscher. Das trage vielmehr zur Verhärtung des Diskurses bei. Schon jetzt sei die Toleranzgrenze für abweichende Meinungen in beiden Meinungslagern sehr schmal geworden, so Lichtenstein. Eine Kommunikationsstrategie müsse sich auf die Unentschlossenen an den Rändern hinbewegen. Indem man die Sorgen der Menschen ernstnimmt, Mythen entkräftet, transparent und niederschwellig aufklärt.

Impftermine vorschreiben

Ähnlich sieht das Barbara Prainsack. Sie ist Leiterin des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Wien. Mehrmals war sie auch an der ÖAW zu Gast, wenn es um Lehren ging, die sich aus der Coronakrise ziehen lassen. Aktuell forscht sie in zwei Projekten, einer quantitativen Panelstudie und einer europaweiten qualitativen Studie, zur Meinung der österreichischen Bevölkerung über das Virus.

Was sie dabei herausgefunden hat? Viele impfzögerliche Menschen sind nicht automatisch gegen alle Impfungen, sondern insbesondere skeptisch bei der Covid-Impfung. Etwa weil in diesem Fall die Impfstoffe relativ schnell entwickelt wurden. Und: Diese Menschen haben wenig Vertrauen in staatliche Institutionen.

Was die Politik dennoch tun kann, um diese Menschen zu erreichen? Die Communities dabei zu unterstützen, die Menschen zur Impfung zu bewegen, sagt Prainsack. Statt Impfaufrufen von Politiker/innen, sollten die niedergelassenen Ärzt/innen oder Menschen in Kirchen und Moscheen für die Impfung werben – und informieren. Eine weitere sinnvolle Methode wäre, Impftermine vorzuschreiben, die impfunwillige Personen aktiv absagen müssen, schlägt die Politikwissenschaftlerin vor. „Aus der Verhaltensforschung wissen wir, dass es einen Unterschied macht, ob man sich für einen Termin anmelden oder ob man ihn aktiv absagen muss. Notorische Impfgegner/innen erreicht man damit nicht. Aber wir schätzen aus unseren Daten, dass es sehr viele zögerliche Menschen gibt. Und nicht alle, die heute noch ohne Impfung sind, zählen zur Gruppe der Impfgegner/innen“, so Prainsack. 

One Size doesn’t fit all

Matthias Karmasin plädiert für Differenzierung. „One size fits all“ – also eine Strategie, die für alle passt, wird es nicht geben, sagt der Kommunikationsforscher und Direktor des Instituts für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW und Professor an der Universität Klagenfurt. Er bezieht sich dabei auf Daten, die in einer Langzeitstudie vom Gallup Institut und Medienhaus Wien im September 2021 erhoben wurden. Was sich da zeigt: Mit traditionellen Medien kann man impfzögerliche Menschen schwer erreichen. Auf die Frage, ob Nachrichten über Covid-19 eher gemieden werden, antworten bei den Impfskeptiker/innen 35 Prozent mit „sehr häufig“, 27 Prozent mit „häufig“ und 35 Prozent sagen, das kommt gelegentlich vor.

„Wir kennen das aus der kognitiven Dissonanzforschung: Wenn Menschen mit Informationen konfrontiert werden, die mit ihrer inneren Haltung nicht ganz übereinstimmen, dann vermeiden sie diese“, erklärt der Kommunikationsforscher. Zudem hat jener Teil der Bevölkerung, der sich „eher nicht“ oder „auf keinen Fall“ gegen die Corona-Viren impfen lassen wird, wenig Vertrauen – nicht nur in den Staat, sondern auch in die Gesellschaft. Während 48 Prozent der Gesamtbevölkerung die Meinung vertreten, man könne niemandem vertrauen, sind es bei den impfzögerlichen Menschen 67 Prozent.

Deshalb brauche es eine differenzierte und situationsadäquate Kommunikation. Für Karmasin steht fest: Menschen, die jetzt noch nicht geimpft sind, schätzen ihr subjektives Risiko zu erkranken schlicht und ergreifend falsch ein. Wichtig ist hier über Peer Groups und Influencer, via Social Media und auch am Arbeitsplatz, den Menschen faktenbasiert näherzubringen, dass das Risiko der Krankheit im statistischen Durchschnitt gesehen sehr, sehr viel höher ist, als das Risiko der Impfung, so der Kommunikationsforscher.

Wer füllt die Krankenhäuser?

Eine grundlegende Frage, die Ulrich Elling in der Impfdebatte vermisst, ist: Wer sind die Menschen, die momentan ohne Impfung und mit Covid-19 im Krankenhaus liegen? Das zu wissen, ist für den Molekularbiologen und Gruppenleiter am IMBA – Institut für Molekulare Biotechnologie der ÖAW essentiell, um gezielt eine Impfkampagne zu lancieren. Nur so könne man längerfristig aus dieser Pandemie herauskommen. Elling: „Basierend auf diesen Daten – so die klassische wissenschaftliche Herangehensweise – müssen wir primär versuchen, die Ansteckungen zu verhindern, die ins Krankenhaus führen.“

Das Problem: Forscher/innen in Österreich haben keinen Zugang zu diesen Zahlen. Teilweise, weil sie schlicht nicht vorliegen, berichtet Elling. Für eine datenbasierte Analyse braucht es aber eine statistische Erhebung zu Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus, Berufsgruppe etc. Sind neben der Impfung also auch die wissenschaftlichen Daten zu einem Politikum geworden? Der Molekularbiologe hätte am Beginn der Pandemie jedenfalls nicht gedacht, dass das Virus mehr zu einer gesellschaftspolitischen als zu einer naturwissenschaftlichen Herausforderung wird.

„Man kann nur hoffen, dass die Zusammenarbeit zwischen Wissenschafter/innen und Entscheidungsträger/innen in Zukunft besser wird. Denn wir haben noch große Aufgaben vor uns: Stichwort Klimaerwärmung“, so sein Fazit.

 

AUF EINEN BLICK

Wissenschaftlich gesicherte Fakten zum Coronavirus finden sich auf einer eigens eingerichteten Website der ÖAW. Dort sind insbesondere auch verlässliche Quellen für weitere Informationen rund um Covid-19 und Impfstoffe aufgelistet und verlinkt.

Fakten zum Coronavirus

Neuigkeiten aus der Forschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zum Coronavirus und den Auswirkungen der Pandemie auf Gesundheit und Gesellschaft sind ebenfalls auf der Website zu finden.

News aus der ÖAW zu Corona

Einen Corona-Faktencheck unternimmt der an der ÖAW ausgebildete Molekularbiologe und FM4 Science Buster Martin Moder. Alle Videos können auf dem YouTube-Kanal der ÖAW angesehen werden.

Videos: Corona-Faktencheck