



In ihrer jährlichen Wahlsitzung im Frühjahr wählte die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) 40 neue Mitglieder hinzu. Am 15. Oktober 2015 wurden die fünf neuen wirklichen und 26 korrespondierenden Mitglieder, die sieben Mitglieder der Jungen Kurie sowie die beiden Ehrenmitglieder vorgestellt und feierlich in die Reihen der Gelehrtengesellschaft aufgenommen. ÖAW-Präsident Anton Zeilinger übergab den anwesenden neuen Mitgliedern im Festsaal persönlich ihre Dekrete und verband seine Gratulation mit der Einladung, ihre Fachkompetenz und ihre Sichtweisen aktiv in die Akademie einzubringen.
Neue Ideen
„Ich möchte die neuen Mitglieder sehr herzlich einladen sich in welcher Form auch immer Sie es für richtig halten an den Aktivitäten der Akademie zu beteiligen. Lassen Sie uns wissen, wenn es interessante Ideen gibt“, sagte Zeilinger und betonte die Besonderheit einer Wissenschaftsakademie wie der ÖAW:
„Ich freue mich besonders über die große fachliche Breite und Vielfalt der Neuaufgenommenen. Denn das ist für mich das Faszinierende an einer Institution wie unserer Akademie: Quer durch die natur- und geisteswissenschaftlichen Klassen und Altersgruppen hinweg – wir nehmen heute auch Mitglieder der Jungen Kurie auf – findet ein wissenschaftlicher Austausch auf höchstem Niveau statt.“
Dieses breite fachliche Spektrum spiegelte sich auch in den Vorträgen wider, die drei der zahlreich erschienenen neuen Mitglieder im Anschluss an die Übergabe der Dekrete hielten.
Seidenstraße, Weltall und Wahrheit
Den Auftakt machte der Astronom João Alves, Professor für Astrophysik an der Universität Wien, mit einem Vortrag über Riesenteleskope, den Ursprung von Sternen und die Suche nach extraterrestrischem intelligenten Leben. Alvez stellte die Arbeit an Riesenteleskopen wie dem „Very Large Telescope“ (VLT) in Chile oder dem „European Extremely Large Telescope“ (E-ELT) vor. Ersteres ist eines der modernsten optischen Instrumente zur Beobachtung des Weltalls – und eines der produktivsten. Ein wissenschaftliches Paper pro Tag resultiert im Durchschnitt aus der Arbeit mit dem Teleskop und Alvez ist überzeugt, dass der Blick in die Sterne noch für weitere hochinteressante Erkenntnisse sorgen wird.
Von den Weiten des Weltalls führte Melanie Malzahn, Professorin für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft an der Universität Wien, die Anwesenden in den Fernen Osten. Ihr Fachgebiet ist selbst unter Wissenschaftler/inne/n wenig bekannt. Sie forscht zur sogenannten tocharischen Sprache. Die Herausforderung dabei: Die vermutlich östlichste indogermanische Sprache ist längst ausgestorben. Die Quellenlage ist daher äußerst schwierig, nur wenige tocharische Handschriften sind durch Seidenstraßenexpeditionen überliefert. Die Konsequenz daraus ist, dass tocharische Forschung nur international und interdisziplinär möglich ist. Wie das aussehen kann, hat Malzahn in ihrem START-Projekt „A Comprehensive Edition of Tocharian Manuscripts“ gezeigt, bei dem sie mit russischen und chinesischen Forscher/inne/n zusammengearbeitet hat.
Mittelalterhistoriker Stefan Weinfurter, Professor an der Universität Heidelberg, wandte schließlich den Blick von den Gegenständen der Wissenschaft auf die Wissenschaft selbst. In einem fulminanten Ritt durch die europäische Geistesgeschichte von der Zeit der Kirchenreform über die Epoche Karls des Großen bis zur Entstehung der Universitäten im 12. Jahrhundert beleuchtete er eines der Grundprinzipien der abendländischen Wissenschaft: die Wahrheit.
Er zeigte in seinem Vortrag, dass die Vielfalt der heutigen, globalen Wissenschaftskultur eindeutige Normen aufgeweicht hat. Jeder Kultur wird ein eigenes Wahrheitsverständnis zugebilligt. Ein solcher relativierter Wahrheitsbegriff werfe aber die Frage auf, was dann noch als wissenschaftliche Wahrheit bezeichnet werden könne. Eine Frage, für deren Klärung eine Gelehrtengesellschaft prädestiniert sei:
„Die Akademie der Wissenschaften bietet meines Erachtens nach den idealen Rahmen, um in einer engen interdisziplinären wissenschaftlichen Vertiefung und zwar über die Klassen hinweg eine Standortbestimmung zu versuchen und eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie werden wir künftig mit Wahrheit und mit ihrem Wesenskern, der Eindeutigkeit, in unseren Wissenschaften umgehen?“
Gesellschaft der Gelehrten
Die ÖAW wählt einmal im Jahr neue Mitglieder in ihre Gelehrtengesellschaft hinzu. Zum Mitglied kann berufen werden, wer sich durch herausragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet hat und in der Fachwelt ein hohes Ansehen genießt. Auch die Ausgewogenheit der Fachrichtungen und die Steigerung des Frauenanteils unter den Mitgliedern werden bei der Wahl mitberücksichtigt.
Die ÖAW zählt gegenwärtig mehr als 770 renommierte Wissenschaftler/innen aus der ganzen Welt zu ihren Mitgliedern, die den unterschiedlichsten Disziplinen angehören.