20.07.2018

Kleine Davids gegen Google-Goliath

Die Technikforscherin Astrid Mager analysiert, welche Werte hinter europäischen Suchmaschinen stecken und wie diese in Technik übersetzt werden. Die kleinen Konkurrenten können den US-amerikanischen Internet-Konzernen zwar nicht das Wasser reichen, aber sie zeigen Alternativen auf.

Das Thema Suchmaschinen begleitet Astrid Mager schon lang. In früheren Arbeiten hat sich die Forscherin am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit medizinischen Suchanfragen und Informationen über Gesundheit im Internet beschäftigt als auch mit der ideologischen Funktion von Suchmaschinen und dem Einfluss, den sie auf Wahrnehmung und Denkprozesse haben. Jetzt erforscht Mager, die heuer zum Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW gewählt wurde, europäische Alternativen zu den Giganten des Internets: Google, Bing, Yahoo und Co. In „Algorithmische Imaginationen“, so der Titel des vom FWF geförderten Habilitations-Projekts, geht es vor allem um die Werte, die hinter den europäischen Suchmaschinen stehen. Mager will herausfinden, inwiefern sie „anders ticken“ als die US-amerikanischen Internet-Riesen.

Eine Suchmaschine besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten, dem Index, also der zugrundeliegenden Datenbank, und dem Suchalgorithmus. Der Index ist dabei die Basis und ein „Schatz“, denn je größer der Datensatz, auf den die Suchmaschine zugreifen kann, desto mächtiger ist sie. Der viel beschworene Algorithmus – die mathematische Operation, die die Rankings vornimmt – bestimmt sozusagen den Charakter der Suchmaschine, denn nach welchen Kriterien sie die Anfrage beantwortet ist alles andere als „objektiv“.

Wie europäische Algorithmen ticken

Drei europäische Produkte mit ganz unterschiedlichen Wertesystemen bilden das Sample für Astrid Magers Analyse. Da wäre zunächst YaCy – eine von freien Programmierer/innen entwickelte Suchmaschine, die ihren Index „peer to peer“ erstellt. Das bedeutet, dass jede Suchanfrage, die einmal gestellt wurde, in den Index eingeht – er baut sich also nach und nach auf und wird mit der Nutzerzahl immer größer. Zusätzlich kommt ein Web Crawler zum Einsatz, der weitere Webseiten indexiert. YaCy ist eher ein Nischenprodukt für Kenner, sagt Mager, Index wie Algorithmus sind hier offen einsehbar, der Open Source Gedanke steht im Vordergrund und der Anspruch, dass Nutzer/innen ein System selbst aufbauen. Das heißt aber auch, dass diejenigen, die viel beitragen, das Gesicht der Suchmaschine am stärksten bestimmen.

„Open-Web-Index“, das zweite Suchmaschinen-Projekt in Astrid Magers Sample, ist noch im Aufbau begriffen und versteht sich wie eine öffentliche Bibliothek. Das erklärte Ziel ist es, einen öffentlich finanzierten und frei zugänglichen Web Index zu erstellen, auf den unterschiedliche Suchmaschinen, ergo Suchalgorithmen, aufgesetzt werden können. So soll eine Fülle von ganz unterschiedlichen Suchmaschinen und Rankinginstrumenten entstehen, die auf spezielle Interessen gezielt eingehen können. Da sich der „Open-Web-Index“ nicht über Werbeeinnahmen oder den Verkauf von Userdaten finanzieren will, braucht diese Suchmaschine öffentliche Gelder im großen Stil. „Das bedeutet lange bürokratische Antragswege, wenn man an die Europäische Union denkt“, sagt Mager. „Es wird nicht ganz leicht sein, eine EU-Finanzierung auf die Beine zu stellen.“ Zumal es mit „THESEUS “ schon einmal einen öffentlich finanzierten – und gescheiterten – Versuch gegeben hat, eine große europäische Suchmaschine zu entwickeln.

Beim dritten Beispiel, „Start Page“, ist in erster Linie Datenschutz das Anliegen. „Start Page“ ist ein kommerzielles Produkt, schaltet Werbung, greift im Hintergrund sogar auf Google Ergebnisse zu, gibt die Daten der Verbraucher aber nicht weiter. Die Werbung, die hier zu sehen ist, wirkt also nicht wie von Zauberhand aufs persönliche Profil maßgeschneidert.

Interviews und Mind Scripting

Peer to Peer-Verfahren, Open Source, Datenschutz bestimmen also als Werte die drei europäischen Projekte, die Mager überdies mit einer innovativen Methode untersucht. Denn neben klassischen qualitativen Interviews verwendet sie auch den neueren Ansatz des „mind scripting“, um herauszufinden, was die Macher umtreibt und wie sie ihre Ziele in Technik übersetzen können. Dabei werden Teamworkshops mit den Beteiligten organisiert, die unter anderem Gedächtnis-Protokolle zu ihren Erfahrungen mit bestimmten Phasen der Entwicklung der Suchmaschine anfertigen. Dieser Diskussionsprozess ist somit kollektiv gestaltet und bringt daher noch einmal ganz andere Ergebnisse als Einzelinterviews.

Europas Antwort: Vielfalt und Datenschutz

Haben die europäischen Suchmaschinen aber überhaupt eine Chance gegen Google & Co? Astrid Mager ist in ihrer Einschätzung abwägend. Der Vorsprung von Google sei kaum aufzuholen, „manche in der Forschung sind der Meinung, dass der Zug sowieso abgefahren ist, und man nun das Beste aus der Situation machen sollte“. Das hieße, Googles Service nutzen, aber dem Giganten Regeln auferlegen, wie das ja gerade auch mit der neuen Datenschutzverordnung geschehe.

Wenn man den Unterschied zwischen dem europäischen und dem US-amerikanischen „Geist“ in Sachen digitaler Innovation benennen wollte, so liege er zum einen im Bewusstsein für Datenschutz, das in Europa eindeutig höher ausgeprägt sei, und zum anderen in der Heterogenität, meint Mager. „Vielleicht ist das der europäische Beitrag, und vielleicht liegt unsere Expertise auch nicht im großen, homogenen Markt, sondern in der Spezialisierung, in der Vielfalt, in kleineren, differenzierteren Produkten.“ Die gute Nachricht ist jedenfalls: Es gibt Alternativen zu Google. Der Goliath wird von den kleinen europäischen Davids zwar nicht zu Fall gebracht werden, aber sie könnten ihn dazu bringen, in der einen oder anderen Hinsicht seine Richtung zu ändern.