04.03.2021

Jenseits von Wahrheitsmaschinen

Computermodelle helfen, komplexe Sachverhalte anschaulich darzustellen, zu erklären und verstehen. Nicht erst seit Covid-19 werden sie vermehrt eingesetzt, um Entscheidungswissen für Politik und Gesellschaft zu liefern. Die Technikfolgenforscherin Anja Bauer untersucht, welche Werte und Weltbilder ihnen zu Grunde liegen.

Computermodelle sind keine objektiven Abbildungen der Realität, ihnen liegen bestimmte Werte und Weltbilder zu Grunde. Diese sollten transparent gemacht und diskutiert werden, sagen Forscher/innen.
Computermodelle sind keine objektiven Abbildungen der Realität, ihnen liegen bestimmte Werte und Weltbilder zu Grunde. Diese sollten transparent gemacht und diskutiert werden, sagen Forscher/innen. © John Schnobrich/Unsplash

In der aktuellen Coronapandemie haben Computermodelle und Simulationen einen enormen Aufschwung in der politischen und öffentlichen Wahrnehmung erhalten. Modelle helfen Vorhersagen zu treffen, Folgen abzuschätzen und unterstützen Regierungen dabei, Entscheidungen zu treffen. Auch in anderen Bereichen wie der Klimapolitik, in Wirtschaftsfragen oder der Chemikalienregulierung sind Modelle ein zentrales Instrument zur Information evidenzbasierter Politik geworden.

Werte und Weltbilder hinter Computermodellen

„In der Diskussion um Modelle kommt die sozialwissenschaftliche Perspektive oft zu kurz“, sagt Anja Bauer von der Universität Klagenfurt. Gerade in der Politikberatung stellt sich auch die Frage, welche Autorität Computermodelle haben, um weitreichende Entscheidungen zu stützen und welche Wirkungsmächtigkeit sie in der Politik entfalten. „Computermodelle sind keine Wahrheitsmaschinen, keine neutralen, objektiven Abbildungen einer Realität, ihnen liegen bestimmte Werte und Weltbilder zu Grunde.“ Dies sollte transparent dargelegt und zur Diskussion gestellt werden, so die Forscherin.

Bauer hat daher von 2018 bis 2020 am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) das Forschungsprojekt „Computermodellierungen für die Politikberatung“ durchgeführt. Untersucht wurden Modelle in drei Politikfeldern: der Energiewende, der Handelspolitik und der Risikoabschätzung von Nanomaterialien. Die Studie zeigt, dass modellierte Zahlen zwar Eindeutigkeit suggerieren, diesen Anspruch aber nicht immer einlösen können. „Eine gewisse Reduktion ist bei Computermodellen stets notwendig, sonst sind sie überkomplex und nicht mehr verständlich“, erklärt Bauer.

Aber: Anstatt bloß auf Modelle oder sogar einzelne Zahlen zu reagieren, wäre es sinnvoll, dass bereits im Vorfeld Politiker/innen – und auch Expert/innen aus höchst unterschiedlichen Feldern – in die Entwicklung und Anwendung eingebunden werden. Modelle können so der gemeinschaftlichen Aushandlung von Zukunftsvisionen zwischen verschiedenen Akteuren dienen.

Datentransparenz und Einbindung von Akteuren

In der Energiepolitik ist es bereits seit den 1970er-Jahren üblich, auf Computermodellierung zu setzen. Aktuelle Beispiele aus Portugal zeigen, dass ein Zusammenwirken von Akteuren aus Politik, Energiewirtschaft und Umweltschutz sinnvoll ist. „Modelle können so helfen, Kontroversen aufzuzeigen, aber auch zu schließen“, sagt Bauer. Am besten, man setzt sich schon im Vorfeld zusammen, wenn es um Fragen geht, wie viele neue Staudämme das Land braucht, wie sich die Erdölpreise entwickeln sollen oder welche Rolle die Landwirtschaft zur Erreichung des Ziels der CO2-Neutralität beitragen kann und soll. Fühlen sich einzelne Gruppen unterrepräsentiert, sind nämlich auch die Gesamtergebnisse umstritten. Die gemeinsame Diskussion von Modellen und ihren Annahmen dagegen dient der Bildung von Vertrauen, sowohl in die beteiligten Akteure, als auch in das jeweilige Modell und dessen Ergebnisse.

Die zunehmende Bedeutung von Com­putermodellierungen verlangt einen reflektierten Umgang mit Modellen in politischen Ent­scheidungsprozessen. Zentral ist die Frage der Transparenz über die Annahmen und Daten, die in die Modelle einfließen und zu den Ergebnissen führen. Damit verbunden ist die offene Kommunikation darüber, was Modelle leisten können, aber auch, wo ihre Grenzen liegen.

Auch in der medialen Darstellung gewinnen Modelle an Bedeutung, wie sich bei COVID-19 deutlich zeigt. Journalist/innen schätzen modellierte Grafiken und Zahlen, mit denen Informationen kompakt vermittelt werden können. Die „New York Times“ hat ein spannendes Projekt mit der Harvard Universität gestartet, in dem es darum geht, Computermodelle besser zu verstehen. Oft fehlen nämlich weiterführende Informationen, wie es überhaupt zu den gesammelten Daten gekommen ist.

 

AUF EINEN BLICK

Das Projekt „Computermodellierungen für die Politikberatung“ wurde gefördert vom Innovationsfonds der ÖAW. Anja Bauer arbeitete als Politikwissenschaftlerin bis Mai 2020 am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW und ist aktuell an der Universität Klagenfurt tätig.

 


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