12.11.2021

Influenza, RSV & Co: Welche Infektionen jetzt kommen

Die vergangenen Corona-Lockdowns unterdrückten auch andere Krankheitserreger wie die der Grippe. Aber kommen diese Infektionskrankheiten jetzt wieder zurück? Darüber spricht ÖAW-Infektiologin Sylvia Knapp im Interview.

Winterzeit ist Grippezeit. Eine Impfung kann schützen, indem sie das Immunsystem aktiviert. © Shutterstock
Winterzeit ist Grippezeit. Eine Impfung kann schützen, indem sie das Immunsystem aktiviert. © Shutterstock

Lockdowns, Masken, Abstandhalten, Händewaschen – all dies hat dazu geführt, dass auch andere respiratorische Infektionskrankheiten weniger aufgetreten sind. Die Herbst- und Winterzeit ist allerdings traditionell auch die Saison, in der Grippe und Co. zunehmen. Erleben solche Infektionen nun zusätzlich zu SARS-CoV-2 ein Comeback?

Inwiefern unser Immunsystem durch Viren und Bakterien widerstandsfähiger wird und ob die nächste Influenzawelle bereits in den Startlöchern steht, erklärt Infektiologin Sylvia Knapp vom CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Respiratorische Synzytial-Viren

Nach Ausbruch der Pandemie hatte es den Anschein, dass andere respiratorische Infektionskrankheiten in den Hintergrund treten würden. Sind sie wirklich seltener geworden?

Sylvia Knapp: Sie sind absolut seltener geworden. Im März 2020 wurde die damals stattfindende Influenza-Phase durch die Kontaktbeschränkungen beendet – in einer rasanten Geschwindigkeit, die man noch nie gesehen hat. Influenza ist bisher in Österreich noch nicht wieder zurückgekommen. Nach dem ersten Lockdown sind auch die Fallzahlen von vielen anderen Infektionskrankheiten im Vergleich zu den Vorjahren zurückgegangen.

Dennoch wird angenommen, dass die nächste Influenzawelle bereits in den Startlöchern steht. Warum?

Knapp: Aufgrund der Lockerung der Social-Distancing Maßnahmen wird befürchtet, dass Influenza wieder stark zunehmen wird. Ein Grund für diese Vermutung ist: Nicht nur Influenza ist seit Beginn der Pandemie verschwunden, sondern auch alle anderen respiratorischen Viruserkrankungen sind zunächst stark zurückgegangen. Bis Sommer 2021 waren die gewöhnlichen Corona-, Entero- und Rhinoviren kaum vorhanden.

Bis Sommer 2021 waren die gewöhnlichen Corona-, Entero- und Rhinoviren kaum vorhanden."

Was aber sehr wohl in die Höhe gegangen ist – und das bestärkt die Vermutung, dass Influenza bald zurückkommt –, sind die sogenannten Respiratorischen Synzytial-Viren, kurz RSV. Sie können schwere Lungeninfektionen bei kleineren Kindern auslösen und sind in Österreich seit September deutlich und früher als sonst angestiegen – und auch weltweit. Außerdem gibt es erste Hinweise, dass etwa in Kroatien die Influenzafälle saisonal verfrüht bereits angestiegen sind. Das könnte auch ein Indikator für uns sein.

Kindergarten-Kinder holen Infektionen nach

Apropos Kinder. Warum sind virale Infekte bei Kindern heuer im Steigen?

Knapp: Jeder, der Kinder hat, weiß, dass sie in den ersten zwei Kindergartenjahren viele respiratorischen Infekte mit nach Hause nehmen. Denn: Der Kindergarten ist der beste Platz, um sich einmal zu exponieren. Warum die Zahlen der viralen Infekte bei Kindern derzeit in die Höhe gehen, hat auch mit den Kontaktbeschränkungen im Vorjahr zu tun. Nachdem die Kindergärten pandemiebedingt häufiger geschlossen waren und aufgrund der Maßnahmen viel besser aufgepasst wurde, waren Kinder mit weniger Viren konfrontiert und seltener krank – sie holen wohl einiges davon jetzt nach.

Eine Impfung bewirkt eine Aktivierung des Immunsystems."

Welchen Zusammenhang gibt es generell zwischen Immunabwehr und kontinuierlichem Kontakt mit Viren?

Knapp: Viele dieser respiratorischen Virusinfektionen lösen keine langanhaltende Immunität aus. Der kontinuierliche Kontakt mit verschiedenen Viren, kann eine antivirale Immun-Alertness, also eine bessere Reaktionsbereitschaft, aufrechterhalten. Internationale Daten zeigen, dass das auch kreuzreaktiv wirken kann. Soll heißen: Auch wenn ich mit saisonal kursierenden Coronaviren in Kontakt bin, kann es durchaus die Fähigkeit verbessern, auch andere Viren abzuwehren.

Tritt ein ähnlicher Effekt auch durch eine Impfung ein?

Knapp: Eine Impfung bewirkt eine Aktivierung des Immunsystems, zumindest kurzfristig. Das heißt: Wenn man der Idee eines gewissen Trainings des Immunsystems Glauben schenkt, dann bin ich auch durch eine Impfung für andere virale Erkrankungen besser gewappnet. Denn: Die antivirale Immunabwehr ist eine Mischung aus vielen Komponenten, die einerseits ganz spezifisch auf das eine Virus gerichtet sind, aber gleichzeitig auch eine unspezifische, typischerweise Typ-I-Interferon getriebene, Antwort hervorruft, die die Abwehr verbessern kann. Das belegen auch experimentelle Daten. 

Corona-Schutzmaßnahmen schwächen Immunsystem nicht

Wie wurde heuer der Grippe-Impfstoff an die jeweiligen Stämme angepasst?

Knapp: Influenza tritt typischerweise saisonal auf. Sie verbreitet sich im Winter bei uns und in unserem Sommer auf der südlichen Hemisphäre. Deshalb blickt man auch immer nach Australien oder Südamerika, um zu erkennen, welche Stämme gerade prävalent sind, auch für die Impfstoffentwicklung. Doch auch auf der südlichen Hemisphäre ist Influenza seit Corona nicht mehr aufgetreten. Die Grippeimpfstoffe für 2021/2022 enthalten die gleichen zwei Influenza A-Stämme wie im Vorjahr, und einen oder beide Vertreter der Influenza B-Linien, also jene von der Weltgesundheitsorganisation für die jeweilige Saison empfohlenen Influenzavirus-Impfstämme.

Wir sind im Dauerkontakt mit Viren. Angesichts der hohen Sars-CoV-2-Infektionszahlen müssen wir die Kontaktbeschränkungen viel ernster nehmen."

Was entgegnen Sie jenen, die sagen, dass durch Maske tragen und reduzierte Kontakte unser Immunsystem schwächer geworden sei?

Knapp: Deshalb droht keine Gefahr, dass unser Immunsystem versagt. Wir sind kolonisiert mit Zig-Millionen Bakterien und Viren. Das heißt, wir sind im Dauerkontakt mit Viren. Im Gegenteil: Angesichts der hohen Sars-CoV-2-Infektionszahlen müssen wir die Kontaktbeschränkungen viel ernster nehmen.

 

AUF EINEN BLICK

Sylvia Knapp ist Medizinerin und Infektionsbiologin an der Medizinischen Universität Wien und am CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Seit 2014 ist sie zudem korrespondierendes Mitglied der ÖAW.