28.10.2020

Gottes Geißel und die Kirche

Strafe Gottes oder Trost und Erlösung? Wie reagierte die christliche Kirche in der Geschichte auf Seuchen? Welche Deutungen konnte sie bieten? ÖAW-Historiker Johannes Preiser-Kapeller erklärt im Interview, was historische Pandemien für die Autorität der Kirche bedeuteten und wie sie deren spirituelle Instrumente bis heute formen.

Die Piazza Mercatello in Neapel während der Pest von 1656 auf einem Gemälde von Domenico Gargiulon (1609/1610 - 1675/1656). Der Seuche fiel fast die gesamte Bevölkerung der Stadt zum Opfer. Die Kirche Santa Maria del Pianto wurde 1657 als Erinnerung daran erbaut. (c) Wikimedia Commons

Tod und Siechtum verlangen nach Erklärung. Grassierende Seuchen nach Hoffnung auf Erlösung. „Die Menschen erwarten sich natürlich eine Antwort. Die Kirche muss reagieren, sie muss eine Deutung anbieten“, sagt Johannes Preiser-Kapeller. Der Byzanzforscher vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat sich mit Reaktionen der christlichen Kirche auf historische Pandemien zwischen dem 3. und 14. Jh. n. Chr. befasst. „Seuchen können dazu beitragen, die Attraktivität und Autorität der Kirche zu steigern, wenn hier ein überzeugendes Angebot für einen zumindest spirituellen Umgang mit dem Leid gebracht wird“, erklärt er. „Aber wir sehen auch, dass es dann, wenn diese Angebote nicht mehr greifen, zu einer Erosion der kirchlichen Autorität kommen kann.“

Welche Erklärungen bietet die christliche Kirche für verheerende Krankheiten und Pandemien?

Johannes Preiser-Kapeller: Eine grundlegende Deutung dazu gibt es bereits im Alten und im Neuen Testament. Dort werden Seuchen als Strafe Gottes beschrieben oder als einer der apokalyptischen Reiter dargestellt. Zugleich gibt es aber auch die machtvolle Tradition von Jesus als Heiler, also das Versprechen, dass der Glaube Heilung bringen kann. Beim Ausbruch einer tatsächlichen Seuche geraten diese Deutungsmuster allerdings in Konflikt mit der Realität. Die Frage ist dann, kann die Kirche, zumindest langfristig, überzeugende Antworten bieten? Oder gelingt das nicht mehr?

Bereits im Alten und im Neuen Testament werden Seuchen als Strafe Gottes beschrieben oder als einer der apokalyptischen Reiter dargestellt.

Unter welchen Umständen konnte die christliche Kirche durch ihre Antworten überzeugen?

Preiser-Kapeller: Im 3. Jh. n. Chr. wütete im Mittelmeerraum die sogenannte Cyprianische Pest. Um welche Krankheit es sich dabei genau handelte ist unklar. Sie dürfte aber ziemlich verheerend gewirkt haben. Christen waren damals im Römischen Reich noch eine Minderheit, der Großteil der Bevölkerung hing dem Glauben an „heidnische“ Gottheiten an. Das von den Christen propagierte Ideal, sich um Kranke zu kümmern, anstatt sie zurückzulassen und sich selbst zu retten, bot die Möglichkeit sich von Nichtchristen zu unterscheiden. Das hat sicher dazu beigetragen, die Attraktivität der Kirche zu steigern, die dann tatsächlich im Verlauf des 3. Jhs. sehr viele Anhänger gewann. Schwierig wurde eine Deutung allerdings bei der nächsten großen Epidemie.

Das von den Christen propagierte Ideal, sich um Kranke zu kümmern, anstatt sie zurückzulassen und sich selbst zu retten, bot die Möglichkeit sich im Römischen Reich von Nichtchristen zu unterscheiden.

Was war bei dieser späteren Pandemie anders?

Preiser-Kapeller: Im 6. Jh. n. Chr. ist das Römische Reich ein christliches Reich geworden. Dann bricht 541 die nächste große Pandemie im Mittelmeerraum aus, die sogenannte Justinianische Pest. Berichten zufolge sterben damals in Konstantinopel 5.000 Menschen an einem Tag. Massengräber reichen nicht mehr aus, die Toten werden im Meer versenkt. Angesichts dieser apokalyptischen Zustände wird es schwieriger zu argumentieren, warum Gott es zulässt, dass ein christliches Volk von einer solchen Seuche betroffen wird.

Es gab also Zweifel an der Kirche?

Preiser-Kapeller: Es gibt aus dieser Zeit sogar Berichte von Menschen, die beim Anblick von Priestern oder Mönchen davonlaufen, weil die Vertreter der etablierten Kirche als mögliche Träger der Pest gelten. Zugleich werden aber die Jungfrau Maria und alle Märtyrer und Apostel angerufen. Das heißt, man zweifelt zwar an den etablierten kirchlichen Autoritäten, setzt die Hoffnung aber in die Muttergottes und die Heiligen. Diese neue Form der Frömmigkeit kommt zwar schon in den Jahrzehnten zuvor auf, setzt sich aber verstärkt in Reaktion auf diese Seuche tatsächlich durch. Das kann die Kirche erfolgreich aufnehmen und damit ihre Autorität wieder stärken. Zum Beispiel wurden neue kirchliche Feste eingeführt. Mariä Lichtmess etwa feierte man ursprünglich am 14. Februar anlässlich der Beschneidung Jesu im Tempel. Dieses Fest wurde dann auf den 2. Februar verschoben und zu einem Fest der Muttergottes umgedeutet.

Angesichts von apokalyptischen Zuständen während der Justinianischen Pest wird es schwieriger zu argumentieren, warum Gott es zulässt, dass ein christliches Volk von einer solchen Seuche betroffen wird.

Später gelingt die Wiederherstellung der kirchlichen Autorität nicht mehr so gut, warum?

Preiser-Kapeller: Bei der zweiten großen Pest-Epidemie ab dem 14. Jh. stirbt in manchen Gebieten Europas die Hälfte der Bevölkerung. Über 300 Jahre kommt die Seuche in mehreren Ausbrüchen immer wieder. Allein bei der 1. Welle geht man von 30 Millionen Toten aus. Die Kirche versucht dabei altbewährte Instrumente zu forcieren. Es kommt erneut zu einer verstärkten Verehrung der Muttergottes und neue Pestheilige werden eingeführt. Trotzdem greifen die Menschen auch auf nicht von der offiziellen Kirche autorisierte Vorstellungen und Rituale zurück. Eine Art von Selbsthilfe all jener, die mit dem normalen spirituellen Arsenal der Kirche nicht mehr zufrieden sind. Das trägt zu einer Auflösung der Autorität der katholischen Kirche bei.

 

AUF EINEN BLICK

Johannes Preiser-Kapeller studierte Byzantinistik und Neogräzistik sowie Alte Geschichte in Wien. Er lehrt an der Universität Wien und ist Forschungsgruppenleiter am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Im Dezember 2020 erscheint im Mandelbaum-Verlag sein neues Buch „Der Lange Sommer und die Kleine Eiszeit. Klima, Pandemien und der Wandel der Alten Welt, 500–1500 n. Chr.“, das Gesellschaften des Mittelalters in Krisenzeiten miteinander vergleicht.

 


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