15.04.2019

Für eine Zukunft ohne Scheuklappen

Wie können die UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 erreicht werden? Welche Hürden müssen noch bewältigt werden? Und welche Rolle spielen Wissenschaft und Medien dabei? Expert/innen aus aller Welt diskutierten Fortschritte und Handlungsbedarf bei einer Nachhaltigkeitskonferenz an der ÖAW.

Der blaue Planet inmitten der Schwärze des Weltalls. Diese berühmte Fotografie der Erde, die sogenannte Blue Marble, wurde 1972 von einer Apollo-Mission geschossen, ging sofort um die Welt und wurde zum Sinnbild der aufkeimenden Umweltbewegung. Sie war auch am Beginn der internationalen Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“ zu sehen, die vom 4. bis 5. April an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand. Wolfgang Lutz, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Demographie der ÖAW, zeigte das Bild am Anfang seines Vortrags, der in das Thema der Tagung einführte: die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“, die 17 Nachhaltigkeitsziele, die die Vereinten Nationen 2015 formulierten. Diese „Sustainable Development Goals“, kurz SDGs, lauten etwa „Keine Armut“, „Kein Hunger“, „Hochwertige Bildung“, „Weniger Ungleichheiten“, „Maßnahmen zum Klimaschutz“ oder „Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion“, wobei hinter diesen allgemeinen Titeln zahlreiche konkretere Unterziele versammelt sind. Sie sollen bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden.

Medien fehlen in den Nachhaltigkeitszielen

Die ÖAW-Tagung fokussierte auf einen noch wenig beachteten Aspekt, der aber, so waren sich die Teilnehmer/innen einig, für die erfolgreiche Umsetzung der SDGs zentral sein wird: die Rolle der Medien. „Es ist sehr interessant, dass in den 17 SDGs und auch in den 169 Unterzielen, die Frage der freien und unabhängigen Medien überhaupt keine Rolle spielt“, sagt Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin und Professorin für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur im Gespräch für den ÖAW-Podcast Makro Mikro. Sie hat die Tagung gemeinsam mit den weiteren ÖAW-Mitgliedern Simone Gingrich, Matthias Karmasin und Wolfgang Lutz gestaltet. „Die Medien haben sich nicht mitgemeint gefühlt“, erklärt sie, was wiederum dazu geführt habe, dass die Nachhaltigkeitsziele in den Medien bisher wenig Platz eingenommen hätten.

Ökologie und Gesellschaft müssen zusammengedacht werden

Um Schwerpunkte deutlich zu machen, wurden die Panels der Konferenz einem oder mehreren der 17 Nachhaltigkeitsziele zugeteilt. Klar war aber auch, dass sich die Ziele nicht getrennt voneinander betrachten lassen, sondern in engem Zusammenhang stehen. Sobald es zum Beispiel um Ökosysteme geht, sind zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen, die in vielschichtiger Weise verschränkt sind. So stellte Linxiu Zhang von UNEP-IEMP – dem United Nations Environment Programme – International Ecosystem Management Partnership – einen sogenannten „nexus approach“ vor, bei dem die Verknüpfung der SDGs im Vordergrund steht. Dass ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen zusammengedacht werden müssen, hob auch Nyovani Janet Madise vom African Institute for Development Policy in Malawi hervor. Sie sprach über die Weltbevölkerungskonferenz von 1994 in Kairo, wo 179 Regierungen vereinbarten allen Menschen innerhalb von 20 Jahren den Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmethoden sowie zur Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft und Geburt zu ermöglichen. Madise beleuchtete die Situation auf dem afrikanischen Kontinent 25 Jahre nach diesem Abkommen und sprach darüber, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele hier weiterhelfen könnten, wie sie auch in einem Interview mit der ÖAW schildert.

Wie man „unbequeme“ Wahrheiten erzählt

Diese komplexen Zusammenhänge und das Faktum, dass es sich oft um „unbequeme Wahrheiten“ handelt, wie Medien- und Kommunikationswissenschaftler Matthias Karmasin von der ÖAW und der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt im Gespräch mit MAKRO MIKRO und im Interview betonte, erschwert die Kommunikation der Nachhaltigkeitsziele. Das gilt nicht nur für die Kommunikation an ein breites Publikum, sondern auch für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik, wie die Präsentation von Vladimír Šucha, Direktor des Joint Research Center der Europäischen Kommission, deutlich machte. Man müsse die Zyklen und Mechanismen von Forschung und Politikgestaltung besser verstehen und miteinander abgleichen, betonte Šucha, der zudem die „Datenexplosion“, die riesige Menge an Information, die seit den 2010er-Jahren exponentiell ansteigen würde, als Problem ausmacht.

„Wir sind mit Information überflutet“, betonte auch Alison Anderson, Soziologin an der University of Plymouth und der Monash University in Melbourne, in ihrem Vortrag, der sich mit den Bedingungen der aktuellen Medien- und Netzwerk-Gesellschaft auseinandersetzte. Diese Informationsflut führe zu kognitiver Dissonanz und letztendlich dazu, dass wir nur mehr jenen Informationen Aufmerksamkeit widmen, die uns in unseren schon bestehenden Einstellungen und Vorstellungen bestätigen. „Das ist eine echte Herausforderung für die Nachhaltigkeitsziele“, sagte Anderson.

Mit Virtual Reality zu mehr Umweltbewusstsein

Es genügt also nicht, einfach noch mehr Information bereit zu stellen, sondern es müssen neue Wege der Kommunikation von klimarelevanten Fakten gefunden werden. Um die Zukunft gestalten zu können, müssen wir sie uns auch gestalt- und wandelbar vorstellen können. Dies war der zentrale Punkt in der Präsentation von Roy Bendor von der niederländischen Delft University of Technology. Er konzentrierte sich auf interaktive Medien, vor allem Spiele, die sich Virtual- oder Augmented Reality-Technologien bedienen. Genauso wie Anderson, betonte auch Bendor, dass Immersion, also das Eintauchen in Geschichten, Umweltbewusstsein und den dringenden Handlungsbedarf am besten vermitteln können. Es gelte gegen eine „Verarmung der Vorstellungskraft“ zu arbeiten.

Kollektiv über die Zukunft nachzudenken und die Imagination zu trainieren, dies wurde bei der ÖAW-Tagung auch gleich umgesetzt. Der letzte Halbtag der Konferenz bestand nicht aus plenaren Vorträgen, sondern einem Diskussionsformat, das darauf ausgelegt ist, eine große Gruppe ins Gespräch zu bringen. Dieses Format ist Teil des „Futures Literacy“ Modell von Konferenzgast Riel Miller, der für das MOST-Programm der UNESCO tätig ist, sich also mit „Management of Social Transformation“ beschäftigt. Futures Literacy soll ermöglichen, informiert über die Zukunft nachzudenken und das Vorstellungsvermögen einzusetzen.

Befreiung der Zukunft aus der Gegenwart

Derzeit seien wir weder fähig uns eine gute Zukunft vorzustellen, noch seien wir uns der Dramatik der aktuellen Situation bewusst, wie Verena Winiwarter an einem Beispiel verdeutlicht: „Wir haben drei von den neun ‚planetaren Grenzen‘ überschritten. Das ist so, als wenn Sie sagen, meine Niere und meine Leber funktioniert nicht mehr, aber solange mein Magen und meine Lunge in Ordnung sind – warum sollte ich mir da Sorgen machen?“

Um dieser lähmenden Situation entgegenzutreten sei es wichtig, Wissen zur Verfügung zu stellen. Der zweite Schritt sei, neue Perspektiven zu eröffnen ohne die Scheuklappen der Vergangenheit und der Gegenwart. Oder in den Worten Winiwarters: „Die Befreiung der Zukunft aus diesen Scheuklappen ist das, was wir hier versuchen.“