06.03.2019

Afrikas Gesundheitssysteme holen auf

Noch immer gibt es globale Ungleichheiten im Gesundheitsbereich. Doch die Situation verbessert sich – auch auf dem afrikanischen Kontinent, sagt die Demographin Nyovani Janet Madise. Sorgen macht ihr allerdings, dass die Geburtenrate und die Zahl der Neuinfektionen mit HIV bei Jugendlichen nicht sinken.

Zwei Schritte vor, einen zurück. So lässt sich der Fortschritt bei der reproduktiven Gesundheit in Afrika beschreiben. Noch immer erleben 100 von 1.000 Neugeborenen auf dem Kontinent nicht ihren fünften Geburtstag. Dennoch: Die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt verbessert sich. Die Zahl der Todesfälle aufgrund von HIV-Infektionen ist in den letzten Jahrzehnten stark gesunken und moderne Empfängnisverhütung nimmt zu, erklärt die Demographin Nyovani Janet Madise.

Sie leitet seit einem Jahr das Department für Forschungs- und Entwicklungspolitik am African Institute for Development Policy in Malawi. Dort befasst sie sich mit der nachhaltigen Entwicklung Afrikas. Am 4. und 5. April ist sie in Wien zu Gast bei der ÖAW-Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“ wo sie darüber sprechen wird, wie die Nachhaltigkeitsagenda dazu beitragen kann, die reproduktiven und sexuellen Rechte von Frauen und Jugendlichen zu stärken.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit dem Einfluss sozialer und wirtschaftlicher Faktoren auf Gesundheitsfragen. Wie stark ist dieser?

Nyovani Janet Madise: Man muss nur die globalen Ungleichheiten im Gesundheitsbereich betrachten, um die Auswirkungen sozialer und wirtschaftlicher Faktoren zu erkennen. Werden heute in Schweden 1.000 Babys geboren, können 997 bis zum fünften Geburtstag überleben. In einigen Ländern Afrikas südlich der Sahara werden jedoch nur 900 von 1.000 ihren fünften Geburtstag erleben. Selbst innerhalb der einzelnen Länder gibt es große Ungleichheiten bei den Gesundheitsdaten, je nach Wohlstand, Bildungsniveau und Wohnort, also ob ich in der Stadt oder am Land lebe.
 


Die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo weckte 1994 viele Hoffnungen, vor allem bei Frauen. Seit 25 Jahren stehen reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte ganz oben auf der Agenda. Was hat sich seither getan?

Madise: Einer der größten Erfolge seit dem Treffen in Kairo ist die Senkung der HIV-Todesfälle auf dem afrikanischen Kontinent. Die Einrichtung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS 2002 in Genf war von zentraler Bedeutung, um Ressourcen für eine erschwingliche antiretrovirale Therapie bereitzustellen. Auch die Stigmatisierung von HIV ist weniger geworden.

Die moderne Empfängnisverhütung bei verheirateten Frauen ist von 18 Prozent im Jahr 1995 auf 26 Prozent zwischen 2010 und 2015 gestiegen.

Ein weiterer großer Erfolg war die Einbeziehung sexueller und reproduktiver Gesundheit in die Gesundheitssysteme der afrikanischen Länder. Viele Komponenten der reproduktiven Gesundheit sind jetzt in die medizinische Grundversorgung integriert, etwa die Schwangerschaftsvorsorge, die postnatale Betreuung oder die Familienplanung. Die moderne Empfängnisverhütung bei verheirateten Frauen ist von 18 Prozent im Jahr 1995 auf 26 Prozent zwischen 2010 und 2015 gestiegen.

Und: Die Integration des Rhesusfaktors in die primäre Gesundheitsversorgung hat zu einem Rückgang der Sterblichkeit von Müttern und Kindern beigetragen. Zum Beispiel ist die globale Müttersterblichkeitsrate seither von 385 auf 216 Todesfälle pro 100.000 Lebendgeburten gesunken.

Und wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?

Madise: Die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Jugendlichen ist ein Bereich, in dem weltweit und auch in Afrika am wenigsten Fortschritte erzielt werden. Der Zugang zu Verhütungsmitteln, Sexualerziehung und anderen Dienstleistungen für sexuelle und reproduktive Gesundheit ist gering. Derzeit finden sich über 30 Prozent aller Neuinfektionen mit HIV bei Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren. Die Geburtenrate bei Jugendlichen ist im Zeitraum seit der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo nicht signifikant gesunken, was auf einen fehlenden Zugang zu Methoden der Sexualerziehung und Schwangerschaftsprävention hindeutet.

Welche politischen Herausforderungen untergraben den Fortschritt auf dem Gebiet der sexuellen und reproduktiven Rechte?

Madise: Das Thema ist für viele Politiker/innen nicht angenehm. Verpflichtungen des universellen Zugangs zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und reproduktiver Rechte, wie die auf den Zielen nachhaltiger Entwicklung und auf Menschenrechten basierende Familienplanung, müssen sich der Realität religiöser und kultureller Opposition im jeweils eigenen Land stellen. Die Politik muss die Ansichten der verschiedenen Interessengruppen sorgfältig ausgleichen. Unser Institut ermutigt Politik und Zivilgesellschaft, die wissenschaftlichen Nachweise zu berücksichtigen und Entscheidungen zu treffen, die auf glaubwürdigen Studien beruhen.

Derzeit finden sich über 30 Prozent aller Neuinfektionen mit HIV bei Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren.

Haben Sie in den letzten Jahren einen Backlash beobachtet?

Madise: Es gab immer Widerstand gegen einige Aspekte der reproduktiven Rechte. Zum Beispiel beim Zugang zu Dienstleistungen für unverheiratete Personen oder beim Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen. In jüngster Zeit gab es in einigen Ländern jedoch Widerstand gegen die von der UNO unterstützte umfassende Sexualerziehung (Comprehensive Sexuality Education, CSE). Das hinterlässt ein Vakuum. Das Ergebnis ist, dass Jugendliche sexuell aktiv werden, ohne Aufklärung. Sie wissen nicht, wie sie sich vor den unbeabsichtigten Folgen von ungeschütztem Sex schützen können und was eine gesunde, einvernehmliche Sexualpartnerschaft ausmacht.