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Künstliche IntelligenzDigitaler Humanismus

„Europa darf nicht zur digitalen Kolonie werden“

Europa fokussiert sich bei der Digitalisierung sehr auf Regulierung. Was es aber auch bräuchte ist mehr digitale Unabhängigkeit. Sonst wird Europa bei Künstlicher Intelligenz und anderen Technologien abhängig von anderen Weltregionen. Doch dafür müsste sich ein neues Narrativ der „europäischen digitalen Souveränität“ etablieren und in konkrete Digitalpolitik umgesetzt werden, wie Rechtswissenschaftlerin Christiane Wendehorst, Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse, erklärt. Sie hat untersucht, wie solche Erzählungen unseren Umgang mit Technologien beeinflussen. Darüber – und über aktuelle EU-Politik – spricht sie bei der DigiHum-Konferenz in Wien.

23.05.2025
Europa hat bei der Digitalisierung Aufholbedarf und muss sich unabhängiger machen von anderen Weltregionen.
© AdobeStock

Digitalität und KI prägen unsere Zukunft, und es geht bei der Gestaltung dieser Zukunft um viel, auch um globale Machtverhältnisse. Wer wird die Leitlinien der digitalen Zukunft bestimmen, und wie können wir unsere demokratischen und ethischen Prinzipien bewahren? Dieser Fragestellung widmen sich Expert:innen aus aller Welt im Rahmen der mehrtätigen Digital Humanism-Konferenz, die unter dem Titel „Shaping our digital future“ von 25. bis 28. Mai in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfindet. Mehrere Forscher:innen der Akademie sind bei den verschiedenen Panels vertreten, darunter die Technikfolgenforscherin Astrid Mager und AITHYRA-Direktor Michael Bronstein.

ÖAW-Klassenpräsidentin Christiane Wendehorst spricht auf der Konferenz zum Thema „AI power: global perspectives“ – und stellt das von ihr geleitete Forschungsprojekt „Academies for Global Innovation and Digital Ethics“ (AGIDE) vor. Darin hat die ÖAW gemeinsam mit zehn Partnerakademien weltweit untersucht, wie regionale und kulturelle Faktoren unsere Narrative zum Umgang mit Technologien prägen – und oft auch Veränderungen verhindern.

Neue geopolitische Situation

Warum ist eine Diskussion über europäische digitale Souveränität gerade jetzt so wichtig?

Christiane Wendehorst: Die neue geopolitische Situation und insbesondere die neue Haltung der US-Administration hat uns noch einmal vor Augen geführt, was wir eigentlich schon lange heimlich wussten: wie abhängig und wie verwundbar wir sind. Und je mehr die sogenannte „digitale Transformation“ fortschreitet, desto abhängiger und verwundbarer werden wir. Je stärker beispielsweise alles – von Mobiltelefonen über Solarstromanlagen bis zum Waffensystem – von fernsteuerbaren Komponenten abhängt, desto einfacher kann man Europa irgendwann einfach abschalten. Hier muss Europa unbedingt handeln und dem entgegenwirken, und zwar jetzt. Sonst leben unsere Kinder und Enkel bald nur noch in einer digitalen Kolonie.

Aber warum ist dies in der Digitalpolitik weniger präsent als man meinen möchte, und was hat das Projekt AGIDE damit zu tun?

Wendehorst: AGIDE hat sich damit befasst, warum verschiedene Regionen der Welt in Bezug auf digitale Technologien so denken und handeln, wie sie es augenscheinlich tun. Zu Beginn des Projekts hatten wir angenommen, dass entweder ethische Werte oder zumindest ihre Gewichtung unterschiedlich sind. Zu unserem großen Erstaunen haben dies unsere Daten aber einfach nicht bestätigt. Vielmehr hat unser Projekt große Unterschiede in den Narrativen, also in den allgemein präsenten und immer wieder wiederholten Erzählungen über Digitalität ausgemacht. Ob diese Narrative Ursache der Unterschiede oder bloß Symptom tiefer liegender Unterschiede sind, konnten wir noch nicht erforschen, aber sie scheinen für unser Denken und Handeln jedenfalls sehr wichtig zu sein. Und in Europa ist ein Narrativ, wonach wir nach digitaler Souveränität streben müssen, kein prägendes.

Europa „tickt“ anders

Im Gegensatz zu anderen Regionen der Welt? Inwiefern „ticken“ wir in Europa anders?

Wendehorst: Wir haben unterschiedliche Narrativ-Muster identifiziert, denen wir auch Namen gegeben haben. So haben wir in vielen Regionen – insbesondere des sog. Globalen Südens – tatsächlich ein „Kolonialitäts-Narrativ“ gesehen. Dieses fokussiert auf die eigene Gesellschaft bzw. Gemeinschaft, sieht diese potenziell marginalisiert oder ausgebeutet durch andere Regionen der Welt, wobei die Lösung überwiegend in der forcierten Entwicklung eigener, lokaler Technologien und Unternehmen gesehen wird. Ein Narrativmuster der „Harmonie und Chancen“, das wir beispielsweise im asiatischen Raum vielfach antreffen, betont dagegen eher die Rolle von Technologie für die Verbesserung der eigenen globalen Position. Und in Europa? Hier schien uns das, was wir – in Anlehnung an die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) – das „DSGVO-Narrativ“ genannt haben, absolut vorherrschend. Dieses Narrativ fokussiert auf das Individuum, das durch die Tech-Unternehmen in seiner Autonomie bedroht wird und durch Regulierung geschützt werden muss.

Und welche Narrative herrschen in den USA vor?

Wendehorst: Wir haben das dort vorherrschende Narrativ „Silicon Valley-Narrativ“ genannt. Es stellt auch das Individuum in den Fokus, aber sieht es nicht als Opfer, sondern als Akteur, und Technologie als Mittel zur Verwirklichung individueller Freiheit. Anstatt von Regulierung sieht man die Lösung in Technologie und einer starken Wirtschaft. Natürlich gab es – insbesondere während der Biden-Administration – auch gegenläufige Tendenzen in Richtung eines „DSGVO-Narrativs“. So haben wir zahlreiche Versuche gesehen, die US-Technologiekonzerne zu regulieren. Diese konnten sich aber nie wirklich durchsetzen, jedenfalls nicht in einem Ausmaß, welches das herrschende Narrativ wirklich infrage stellt.

Konsequente Digitalpolitik der EU fehlt

In Europa gibt es Faktenchecks, was in den USA schnell über Bord geworfen wurde. Schützen uns europäische Narrative in solchen Fällen nicht auch?

Wendehorst: Natürlich schützen sie uns – das prägende DSGVO-Narrativ zielt ja gerade darauf ab, das Individuum in seiner Autonomie, einschließlich der freien Meinungsbildung, vor den Gefahren durch BigTech zu schützen. Das ist auch überaus wichtig, und wir dürfen keinesfalls den Fehler begehen, die Errungenschaften Europas kleinzureden oder plötzlich angesichts einer neuen geopolitischen Situation geringzuschätzen. Eine Frage, die man aber legitimerweise stellen muss, ist, ob wir es beim „DSGVO-Narrativ“ belassen dürfen. Wenn wir es damit übertreiben, besteht irgendwann die Gefahr, dass wir zwar weltweit eine Spitzenposition in Sachen Regulierung und Schutz von Individualrechten einnehmen, aber wirtschaftlich und politisch so abgehängt sind, dass wir die ganzen schönen Individualrechte nicht mehr durchsetzen können und uns am Ende die Werte von anderen Regionen diktieren lassen müssen.

Welche Lehren können wir aus AGIDE für die aktuelle digital- und wirtschaftspolitische Ausrichtung Europas ziehen?

Wendehorst: Das DSGVO-Narrativ ist wichtig und richtig. Aber es bräuchte dringend ein mindestens ebenso starkes Narrativ der „europäischen digitalen Souveränität“. Ein solches will die neue Europäische Kommission durch ihren Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum ja auch tendenziell einführen, hat aber leider nicht den Mut, dies auch konsequent in ihrer Digitalpolitik umzusetzen. Letztlich wäre das eine europäische Ausprägung eines „Kolonialitäts-Narrativs“, das sich vielleicht auch gewisse Aspekte vom Narrativtypus der „Harmonie und Chancen“ abschauen kann. Denn: wenn wir unsere europäische Souveränität verlieren, dann können wir auch die europäischen Werte und die Grundrechte nicht mehr beschützen.

 

Auf einen Blick

Christiane Wendehorst ist Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Rechtswissenschaftlerin ist stv. Institutsvorständin des Instituts für Zivilrecht und Instituts für Innovation und Digitalisierung im Recht der Universität Wien und Scientific Director des European Law Institute.

 

Porträtfoto von Christiane Wendehorst
Christiane Wendehorst