20.04.2021

Ein Werkzeugkasten für nachhaltigen Wintertourismus

Wie im alpinen Raum wirtschaftliche Interessen, neueste Erkenntnisse aus der Forschung und nachhaltige Lösungen auf einen Nenner gebracht werden können, demonstrierten Gebirgsforscher/innen der ÖAW in einem mehrjährigen Forschungsprojekt.

Um den Wintertourismus in den Alpen nachhaltiger zu machen, haben ÖAW-Forscher/innen nun ein „Toolkit“ für Gemeinden entwickelt.
Um den Wintertourismus in den Alpen nachhaltiger zu machen, haben ÖAW-Forscher/innen nun ein „Toolkit“ für Gemeinden entwickelt. © Unsplash/Daniel Frank

Wie kann man alpinen Skigebieten bei der Umsetzung von Klimawandelstrategien helfen? Spätestens wenn mit dem Ende der Pandemie der Tourismus wieder aufleben kann, wird sich diese Frage angesichts der andauernden Klimakrise erneut stellen. Die Herausforderung dabei in aller Kürze: Es fehle oft an der nötigen Vernetzung von Wissenschaft, Energiewirtschaft, Liftbetreibern und der Politik, sagt Andreas Haller, der mit seinem Team am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig ist. Wie sich das ändern lässt, zeigte er gemeinsam mit internationalen Kolleg/innen in dem mehrjährigen Projekt „Smart Altitude“.

Nachhaltiger Skiurlaub

Teurer Kunstschnee, überfüllte Skilifte, veraltete Wärmedämmung – es gibt viele Gründe, warum der Wintertourismus in den Alpen in Sachen Nachhaltigkeit ein schlechtes Image hat. Die Frage, wie der Skiurlaub verantwortungsvoller werden kann, beschäftigt zahlreiche Wissenschaftler/innen. Allerdings fehlt es oft an der nötigen Vernetzung, um komplexe Forschungsergebnisse einem breiten Publikum zu vermitteln.

„Für Bürgermeister oder Skiliftbetreiber ist es schwierig, verstreut publizierte wissenschaftliche Analysen überhaupt zu finden. Ganz zu schweigen davon, sie dann auf ihre Situation umzulegen“, sagt Haller. „Deshalb landen viele spannende wissenschaftliche Ansätze in der Schublade, anstatt ihren Weg in die Praxis zu finden“, beklagt der Gebirgsforscher.

Das 2018 gestartete internationale Projekt „Smart Altitude“, bei dem elf Partner aus sechs Alpenländern mitwirken, sollte genau zu diesem Zweck Brücken zwischen der Wissenschaft und Skigebieten schlagen, die ihre Energiebilanz verbessern möchten. So zeigte sich beispielsweise der Bürgermeister der Gemeinde Les Orres, einem Skigebiet in Frankreich, davon überzeugt, dass es in Zukunft auch wirtschaftlich von Vorteil wäre, auf erneuerbare Energie zu setzen. „Leute wie er wissen, was Skigebiete brauchen“, erklärt Haller.

Als Antwort auf diesen Bedarf konnte eine Art "Werkzeugkiste" entwickelt werden. Diese soll Skigebieten dabei helfen, Klimawandelstrategien zu ermitteln, umzusetzen und in Folge auch zu kommunizieren.

Atlas der Nachhaltigkeit

Das im Rahmen des Projekts entstandene „Smart Altitude-Online-Toolkit“ ist dabei relativ leicht zu bedienen. Es besteht aus sechs Schritten, die jeweils zu praktikablen Lösungen führen. Die Website WebGIS etwa stellt eine Art Atlas des erweiterten Alpenraums dar, in dem man sich informieren kann, welche erneuerbaren Energien – von Solar- bis Windenergie – in welcher Gemeinde genutzt werden könnten.

Vier Skigebiete konnten als Partner für das Projekt gewonnen werden: Les Orres in Frankreich, Madonna di Campiglio in Italien, Krvavec in Slowenien und Verbier in der Schweiz. Smarte Ideen zur Verringerung von Energiebedarf und Treibhausgasemissionen reichen von verstärkter Elektromobilität, einer ständigen Überwachung und Analyse des aktuellen Energiebedarfs im Skigebiet, Aufforstungsprojekten von Wäldern bis zu sozialen Überlegungen, wie man das Umweltbewusstsein bei Urlaubern stärken kann. „Uns war wichtig, dass nicht die Wissenschaftler/innen den Weg vorgeben, sondern die Praktiker/innen sagen, was ihr Problem ist“, erklärt Haller.

Energieeffizienz in Skigebieten

Nicht zu unterschätzen ist dabei auch der Aspekt der Vernetzung. Interessierte Skigebiete können sich mittels der bereit gestellten Werkzeuge nun informieren, was andere machen, und haben so Vergleichswerte, welche Ansätze auch für sie eine Option sein könnten. Denkbar ist ferner, dass sich Skigebiete, die auf Energieeffizienz und erneuerbare Energie setzen, in Zukunft noch stärker koordinieren, um für Tourist/innen mit Interesse an Nachhaltigkeit attraktiver zu werden.

Inzwischen konnte das Projekt „Smart Altitude“ erfolgreich abgeschlossen werden. Haller sieht gerade in Projekten wie diesen, in denen Wissenschaftler/innen und Nicht-Wissenschaftler/innen gemeinsam Ziele definieren, forschen und publizieren, enormes Potenzial und vielfältige Perspektiven für die Zukunft. Dass auch die Umsetzung nicht immer ganz einfach ist, räumt der Forscher ein: „Gerade am Weg vom Ist- zum Soll-Zustand scheitern viele.“ Umso mehr können die Erfahrungen aus „Smart Altitude“ dabei helfen, Visionen zu entwickeln, die sich je nach Rahmenbedingungen auch realistisch umsetzen lassen.


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