30.04.2020

„Das Alphabet ist abgeschlossen und online“

Während Bibliotheken und Archive temporär geschlossen haben, verzeichnen digitale Nachschlagewerke mehr Zugriffe denn je. So auch das Lexikon zur byzantinischen Gräzität, ein Mammutwerk der Wiener Byzantinistik, das seit heuer vollständig online verfügbar ist.

Ikone der Heiligen Eudokia aus dem 10. Jahrhundert. © Wikipedia

Wie sehr sich Digitalisierungsprojekte bezahlt machen, führt einmal mehr der Shutdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie vor Augen. Während die Türen vieler Archive und Bibliotheken bis auf Weiteres geschlossen haben, sind elektronische Bestände für viele Forscher/innen die einzige Möglichkeit, Zugang zu wissenschaftlichen Texten zu bekommen. Wer sich mit griechischsprachigen Texten des Mittelalters befasst und den Sprachgebrauch der Byzantiner verstehen möchte, kann das nun auch in der digitalen Version des Lexikon zur byzantinischen Gräzität tun. Seit heuer ist das Standardwerk zum byzantinischen Griechisch vollständig und unentgeltlich online zugänglich.

„Das Projekt war ursprünglich natürlich nicht digital geplant, sondern auf die Publikation in mehrteiligen Bänden ausgerichtet“, sagt Claudia Rapp, Wittgenstein-Preisträgerin und stellvertretende Direktorin am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). „Spannend ist, dass es bei einem Langzeitprojekt auch einige Medienwechsel gibt. Während sich die Art und Weise der Aufzeichnung im Laufe der Jahre ändert, muss man dafür sorgen, dass die Kriterien, nach denen aufgezeichnet wird, gleichbleiben“, so Rapp.

Geleistete Pionierarbeit 

Das Medium der Aufzeichnung war 1974 freilich ein anderes. Als Erich Trapp, österreichischer Byzantinist und Verfasser des Lexikons, vor 46 Jahren mit der systematischen Sammlung begann, arbeitete er mit Karteikarten. Der erste Teilband des Lexikon zur byzantinischen Gräzität wurde dann im Jahr 1994 als Reihe im Verlag der ÖAW publiziert, der letzte und achte Teilband 2017. Und jetzt, nach einer dreijährigen Sperrfrist, ist auch dieser digital frei zugänglich. Ermöglicht wurde die schrittweise Online-Verfügbarkeit durch eine Kooperation mit dem Thesaurus Linguae Graecae an der University of California, Irvine.

„Die Digitalisierung hat mehrfache Funktionen“, erzählt die Expertin für Sozial- und Kulturgeschichte von Byzanz. Neben der Archivierung ermöglicht sie auch die Nutzbarmachung und Zugänglichkeit der Bestände. In einem weiteren Schritt schafft die Digitalisierung die Möglichkeit zur Aktualisierung. Genau das macht sie für Langzeitprojekte— auch und gerade über das offizielle Projektende hinaus — interessant, ist Claudia Rapp überzeugt.

Mehrwert von Langzeitprojekten

„Das digitale Medium eignet sich hervorragend für Einfügung, Hinzufügung und Adaptierungen.“ Für die Wissenschaftler/innen der Byzanzforschung an der ÖAW bedeutet das, dass sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit den Kolleg/innen vom Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW die Addenda und Corrigenda in digitaler Form hinzufügen werden.

„Von Alpha bis Omega – das Alphabet ist abgeschlossen und online“, sagt die Forscherin. Mit dem umfangreichen Werk wurde Pionierarbeit zur griechischen Sprache des spätantiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Mittelmeerraums geleistet – und eine Lücke geschlossen. Rapp: „Der Sprachgebrauch während der tausendjährigen Kulturgeschichte des Byzantinischen Reiches lässt sich mit diesem Lexikon erschließen“. Und tatsächlich ist es so, dass die Online-Version in Zeiten geschlossener Bibliotheken nachweislich immer mehr genutzt wird, so die Byzantinistin.

 

AUF EINEN BLICK

Das Lexikon zur byzantinischen Gräzität umfasst insgesamt acht Teilbände und baut auf Wörterbüchern zur Sprache der antiken griechischen Literatur (H.G. Liddell – R. Scott – H.S. Jones) und zur Sprache der Literatur der griechischen Kirchenväter (G.W.H. Lampe) auf. Das gesamte Lexikon ist seit Kurzem Open Access online zugänglich.

Lexikon zur zur byzantinischen Gräzität

 


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