14.10.2021

Brisante Daten: “Wer neues Wissen generiert, eckt oft an”

Die Corona-Pandemie hat es abermals deutlich gemacht: Zahlen, Daten und Statistiken sind wesentlich für die Forschung und die Bewertung politischer Maßnahmen. Besonders der internationale Vergleich von Daten ist hilfreich, um zu sehen, wo das eigene Land steht. Doch die Vergleichbarkeit von Daten ist nicht immer gegeben, erklärt Axel Börsch-Supan. Der deutsche Ökonom eröffnet am 19. Oktober eine neue Vortragsreihe von ÖAW und Statistik Austria.

Kaum eine Forschung, die heutzutage ohne internationale Daten auskommt. © ÖAW/Daniel Hinterramskogler

„Wenn man wissen will, ob sozialpolitische Maßnahmen greifen, braucht man ein sogenanntes ‚Kontrafaktum‘“, sagt Axel Börsch-Supan. Und hier kommen internationale Vergleiche von Daten ins Spiel. So kann man sehen, wie Österreich im Vergleich zu anderen Ländern, etwa in der Bildungspolitik, bei Arbeitsmarktzahlen oder bei Corona-Maßnahmen steht.

Doch nicht alle international erhobenen Daten sind einfach vergleichbar. Und manche Daten können sogar politisch brisant sein. Wie man mit diesen Herausforderungen umgehen und warum internationale Kooperation bei der Datenerhebung eine bessere Sozialpolitik bewirken kann, erklärt der deutsche Wirtschaftswissenschaftler im Interview.

Börsch-Supan hält auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Statistik Austria am 19. Oktober um 18 Uhr in Wien einen Vortrag mit dem Titel “Wert und Herausforderungen internationaler Vergleiche in den Sozialwissenschaften”.

Was macht den internationalen Vergleich von Daten so wichtig?

Börsch-Supan: Wenn man wissen will, ob sozialpolitische Maßnahmen greifen, braucht man ein sogenanntes “Kontrafaktum”. Wenn man etwa herausfinden möchte, ob höhere Renten die Menschen in Österreich gesünder machen, dann braucht man zum Vergleich ein Österreich, in dem die Renten nicht erhöht wurden. Das gibt es jedoch nicht. Hier kommen internationale Vergleiche ins Spiel. Wenn die relevanten Daten vergleichbar sind, kann man sich aus anderen Ländern statistisch ein Österreich zusammenrechnen, das identisch ist, bis auf die Pensionshöhe. 

Bildung, Renten, Gesundheit – Datenvergleich mach klüger

Welche Fragen lassen sich so untersuchen?

Börsch-Supan: Das ist vor allem interessant bei große Reformen, die Zeit brauchen, zum Beispiel in der Bildungspolitik. Da kann man sich dann anschauen, ob eine Generation mit mehr Bildung mehr Geld verdient. Dafür müssen die betreffenden Daten aber auf identischen Frageformulierungen und Erhebungsmethoden beruhen. Daran scheitert viel, weil es eine  Menge Daten gibt, die nicht vergleichbar sind. In der EU gibt es etwa den Survey on Income and Living Conditions (SILC). Die Durchführung obliegt allerdings den Ländern, die Fragen sind daher nicht identisch. Ein Vergleich ist dann sehr schwierig, weil man viele Artefakte bekommt. Exakte Vergleichbarkeit bedarf übernationaler Organisation, wie bei der wissenschaftlichen Plattform SHARE – das steht für: Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe –, die es seit 20 Jahren gibt. 

Wie kann man die Vergleichbarkeit prüfen?

Börsch-Supan: Man vergleicht am Ende immer mehrere Länder, etwa eine Kombination mehrerer Länder mit Österreich. Zuerst werden alle Länder im Datensatz statistisch mit allen verglichen, um überhaupt die Variablen zu bestimmen, die unterschiedlich sein könnten. Es gibt grundlegende Unterschiede zwischen Ländern, die den Vergleich erschweren, etwa verschiedene Schulalter. Das muss man natürlich berücksichtigen. 

Welche Fragen untersuchen Sie?

Börsch-Supan: Ich beschäftige mich viel mit Rentenpolitik und interessiere mich dort vor allem für Reformen. Zum Beispiel die Flexibilisierung der Rente. Die Grundidee ist, dass Menschen schon vor dem normalen Rentenalter wenig arbeiten, dafür aber auch nach diesem Alter noch in Teilzeit arbeiten. Die Finnen haben das als erste eingeführt. Wir haben versucht herauszufinden, ob so insgesamt mehr Lebenszeitarbeitsstunden geleistet werden. Dazu haben wir sehr aufwändig alle Länder miteinander verglichen, die solche Flexibilitätsregelungen eingeführt haben. Es hat sich leider gezeigt, dass Flexibilisierung so nicht funktioniert. Die Menschen gehen zwar gerne früher in Rente, arbeiten danach aber nicht mehr viel. Die nächste Frage ist also, unter welchen Bedingungen das doch funktionieren könnte. Das können wir aus den Daten der verschiedenen Länder ableiten. 

Nicht alle Daten vergleichbar

Wo sind die Grenzen der Vergleichbarkeit?

Börsch-Supan: Man kann natürlich nur vernünftige Vergleiche ziehen. SHARE als Datensatz hat zum Beispiel auch Partner in Indien, Südafrika und Südkorea, da sind sehr diverse Länder dabei. In vielen Bereichen macht es wenig Sinn, Österreich und Indien zu vergleichen, etwa bei Renten, weil es die in Indien nicht in vergleichbarem Ausmaß gibt. Bei der Häufigkeit von Demenzerkrankungen hingegen kann man sehr gut Vergleiche machen. Gesundheit ist universal messbar, genau wie die Sauberkeit der Luft, die nachweisbar Einfluss auf Demenzerkrankungen hat. Ein Vergleich hilft hier auch für Österreich abzuleiten, wie sehr die Gesundheit an Orten mit sehr hoher Schadstoffbelastung leidet, wenn es dazu in Österreich keine spezifischen Messungen gibt.

Wie ist die Situation innerhalb der EU?

Börsch-Supan: Wenn wir uns den Einfluss von Bildung auf das Einkommen oder die Stabilität von Ehen in der EU ansehen wollen, geht das nur, wenn die EU-Länder strikt vergleichbare Daten erheben. Das europäische Statistikamt EUROSTAT gewährleistet das nicht immer, zu unserem Ärger. Entsprechende Verhandlungen sind an den nationalen Interessen gescheitert. Es gibt aber Initiativen in Europa, wie der European Social Survey (ESS) oder SHARE, die strikt vergleichbare Daten erheben. Initiativen wie SHARE oder ESS gehen von Wissenschaftler/innen aus.

Politisch brisant

Was passiert, wenn erhobene Daten der Politik nicht gefallen?

Börsch-Supan: Bei politisch sensiblen Statistiken wie den Arbeitslosenzahlen sind die einzelnen Statistikämter der Staaten unter Umständen unter Druck. Wer belastbare Daten will, sammelt sie am besten selbst. SHARE ist hier auch schon unter Druck gekommen, weil ein Staat nicht wollte, dass bestimmte Armutszahlen veröffentlicht werden, und deshalb mit der Einstellung der Förderung drohte. Das musste dann diplomatisch ausgebügelt werden. SHARE hat eine eigene Organisation mit 180 Mitarbeitenden, um unabhängig Daten zu sammeln. In der statistischen Analyse benutzen wir aber natürlich auch Informationen aus externen Quellen, wenn sie belastbar sind. 

Werden die Empfehlungen, die auf Ihrer Datenbasis beruhen, üblicherweise akzeptiert?

Börsch-Supan: Das ist manchmal brisant, aktuell etwa wenn es um COVID geht. Da kommt man schnell in Bereiche, die kontrovers sein können. Wer neues Wissen generiert, eckt oft an.

Wie steht es um die Finanzierung der Datenerhebungen?

Börsch-Supan: Das ist eine große Herausforderung. Daten kosten hohe Millionenbeträge. Wir sind auf staatliche Förderung angewiesen. In Österreich unterstützen Ministerien. In Deutschland wird das über die Forschungsgemeinschaft staatsfern finanziert. Wir sind am Ende auch auf die Unterstützung der Gesellschaft angewiesen, um gute Publikationen erstellen zu können. Wir beantworten zwar auch wirtschaftspolitische Fragen, aber hauptsächlich wollen wir wissen, wie die Welt funktioniert. 

 

AUF EINEN BLICK

Axel Börsch-Supan ist Professor an der Technischen Universität München sowie Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik und forscht am National Bureau of Economic Research in den USA.

Der Wirtschaftswissenschaftler eröffnet am 19. Oktober um 18 Uhr mit dem Titel „Wert und Herausforderungen internationaler Vergleiche in den Sozialwissenschaften“ eine gemeinsame Veranstaltungsreihe von ÖAW und Statistik Austria. Der Vortrag findet im Festsaal der ÖAW statt (Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien).

Mit den ÖAW-Statistik Austria Lectures wollen beide Einrichtungen frische Impulse für öffentliche Debatten zu aktuellen Fragen der Statistik und empirischen Sozialforschung setzen. Die Zusammenarbeit von ÖAW und Statistik Austria soll auch darauf aufmerksam machen, wie wichtig der Zugang der Wissenschaft zu möglichst umfassenden und auf Basis wissenschaftlicher Standards erhobener Daten – unter strikter Einhaltung von Datenschutz und Datensicherheit – für die Beratung von Gesellschaft und Politik ist.